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Sarah Glidden (2.v.l.) bereiste 2010 mit anderen US-Amerikanern den Irak und Syrien. Nun erscheint ihre Comic-Reportage.
Sarah Glidden (2.v.l.) bereiste 2010 mit anderen US-Amerikanern den Irak und Syrien. Nun erscheint ihre Comic-Reportage.(Foto: Sarah Glidden / Reprodukt 2016)

Von der Irak-Invasion bis Trump: Glidden reist im "Schatten des Krieges"

Von Markus Lippold

Die US-Invasion im Irak gilt heute Vielen als Fehler. Die Folgen sind enorm, bis hin zur Flüchtlingskrise der letzten Jahre. Die Comiczeichnerin Sarah Glidden erzählt von den Ursachen dieser Entwicklung - und von den Mühen journalistischer Arbeit.

Man stelle sich vor: Da reist man 2010 in den Irak und nach Syrien, um eine Comic-Reportage zu zeichnen. Doch schon kurz darauf überholt einen die aktuelle Entwicklung. In Syrien, wo man gerade noch die Gastfreundlichkeit der Menschen genossen hat, beginnt eine Revolution, die in einen blutigen Bürgerkrieg mündet. Im Irak, wo man gerade noch Zeichen des Wiederaufbaus entdeckt hat, erstarken radikale Milizen und überrennt der Islamische Staat große Gebiete des Landes. Das, was man gerade noch erlebt hat, ist im nächsten Moment hinfällig.

Sarah Glidden
Sarah Glidden(Foto: Sarah Shannon)

So erging es der US-amerikanischen Comiczeichnerin Sarah Glidden. 2010 begleitete sie befreundete Journalisten und einen ehemaligen US-Marine in den Nahen Osten. Im Irak und in Syrien recherchierten sie zu den Folgen der US-amerikanischen Invasion von 2003, vor allem zu irakischen Flüchtlingen, die nun in Syrien lebten. Doch noch auf der Heimreise startete in Tunesien der sogenannte Arabische Frühling. Während Glidden begann, an ihrem Buch zu arbeiten, versank Syrien im Bürgerkrieg, nahm der IS Teile des Irak und Syriens ein.

"Es gab Zeiten, an denen habe ich mich gefragt, ob ich weiter an dem Buch arbeiten soll", sagt Glidden nun im Gespräch mit n-tv.de. Die sich rasch verändernde Lage in den beiden Ländern beschreibt sie als "niederschmetternd", weil sie den Kontakt zu Menschen verloren habe, die in dem Buch eine Rolle spielen. Trotzdem beendete sie die jahrelange Arbeit an der Graphic Novel: "Im Schatten des Krieges". Sie ist nun auch auf Deutsch erschienen, Glidden selbst stellt den Band dieser Tage in Deutschland vor.

Immer wieder thematisieren die Protagonisten ihre Erfahrungen als Journalisten.
Immer wieder thematisieren die Protagonisten ihre Erfahrungen als Journalisten.(Foto: Sarah Glidden / Reprodukt 2016)

Warum sie weitermachte? Weil es Glidden um mehr geht als die politische Dimension ihrer Reise. Ihr geht es auch darum, über Journalismus zu schreiben. Sie selbst tritt in ihrem Comic als Beobachterin auf: Glidden dokumentiert die Arbeit von zwei Journalisten der unabhängigen Plattform "The Seattle Globalist", um zu erfahren, wie journalistische Texte entstehen und mit welchen Problemen die Autoren zu kämpfen haben. Gerade heute, "wo Journalismus in Frage gestellt wird, man von Fake News spricht", sei dieses Thema wichtig, sagt die Zeichnerin. "Je mehr wir darüber wissen, wie Journalismus gemacht wird, desto mehr können wir kritische Leser sein." Sie erwartet kein blindes Vertrauen in journalistische Arbeit, will aber daran erinnern, dass Journalisten Menschen mit Vorlieben, aber auch Schwächen sind.

Von irakischen Flüchtlingen beschimpft

Gerade in Sachen Irak-Krieg trifft sie dabei einen wunden Punkt: "Eigentlich wird gar nicht genug darüber gesprochen", sagt Glidden, vor allem, wenn man sich seine Auswirkungen anschaue. "Die USA haben die Gewohnheit, Fehler zu machen, die andere Menschen weit mehr betreffen als uns", stellt sie fest. So auch im Comic: Auf allen Stationen begegnet sie Menschen, deren Leben sich durch die umstrittene US-Invasion radikal verändert haben. Im kurdisch-irakischen Sulaimaniyya werden die Amerikaner noch freundlich begrüßt, weil man hier die Befreiung von der Herrschaft Saddam Husseins feiert.

Im kurdisch-irakischen Sulaimaniyya besucht Glidden ein ehemaliges Gefängnis, in dem Kurden gefoltert wurden.
Im kurdisch-irakischen Sulaimaniyya besucht Glidden ein ehemaliges Gefängnis, in dem Kurden gefoltert wurden.(Foto: Sarah Glidden / Reprodukt 2016)

Irakische Flüchtlinge in Syrien beschimpfen die US-Besucher dagegen, weil der Krieg so viele Leben zerstört hat. Ein irakischer Flüchtling in Damaskus erzählt, dass ihr Sohn nicht wisse, was er nach der Schule machen soll. Eine andere berichtet, dass ihre Kinder ihr Studium nicht beenden könnten. Glidden belässt es bei diesen Anspielungen, aber sie hofft, dass die Leser entsprechende Schlüsse ziehen. Denn es waren irakische Jugendliche ohne Perspektive, die sich aus Wut gegen die amerikanischen Besatzer radikalen Gruppen wie dem Islamischen Staat anschlossen. Diese lösten wiederum neue Flüchtlingswellen aus - Millionen Menschen aus dem Irak und Syrien flohen in den Libanon, in die Türkei und natürlich auch in die Europäische Union.

Immer wieder verweist Gliddens Buch auf heutige Ereignisse, ohne dass die Zeichnerin dies besonders hervorhebt. Sie hofft eher, dass ihr Werk den Lesern Hintergründe zu derzeitigen Entwicklungen liefern kann. Die fehlende Aktualität ihres Buches, das von den Ereignissen geradezu überrollt wurde, kann sie damit aber nur zum Teil ausgleichen. Gelangt man am Ende des Comics an, geht die Geschichte eigentlich erst richtig los - als Leser fühlt man, dass da etwas fehlt.

"Im Schatten des Krieges" ist bei Reprodukt erschienen, 304 Seiten in Klappenbroschur, 29 Euro.
"Im Schatten des Krieges" ist bei Reprodukt erschienen, 304 Seiten in Klappenbroschur, 29 Euro.

Zudem ist "Im Schatten des Krieges" etwas lang geraten. Weil sie die Arbeit von Journalisten darstellen will, dokumentiert Glidden penibel deren Arbeitsschritte. Dabei verliert sie sich mitunter in Nichtigkeiten. Erst im zweiten Teil des Buches gewinnt die Geschichte mit ihren oft skizzenhaften Zeichnungen an Fahrt. Etwa, weil die verschiedenen Handlungsstränge nun stärker verwoben sind. Und weil nun auch Konflikte in der Gruppe auftreten. Etwa mit dem Ex-Soldaten Dan, der im Irak mit seinem einstigen Einsatzort konfrontiert werden soll - dann jedoch nicht so reagiert, wie es die Journalisten erwarten. Nicht zuletzt aber können Gliddens zwar skizzenhafte, aber realistische Zeichnungen nicht mit denen ihres Kollegen Joe Sacco mithalten, dessen Comic-Reportagen nicht nur schonungslos, sondern auch äußerst detailverliebt sind.

Engagement gegen Trump

Glidden freilich bleibt eine entscheidende Erfahrung von ihrer Reise in den Nahen Osten: "Es ist schockierend, wie ein Ort, der sicher scheint, plötzlich auseinanderfällt", sagt sie mit Verweis auf ihren Besuch in Damaskus 2010. Dies bezieht sie durchaus auch auf die USA. Das Land werde als sehr sicher eingeschätzt, sagt sie. "Aber da passieren nun Dinge, die ich bisher nicht kannte."

Womit man auch schon bei Donald Trump ist: Glidden engagiert sich gegen die Politik des neuen Präsidenten. Auf ihrem Blog oder dem Comicportal "The Nib" veröffentlicht sie kurze Comics über seine Entscheidungen und deren Auswirkungen. Als Trumps Einreisestopp für Muslime in Kraft trat, versprach sie sogar jedem einen signierten Comic, der eine Mindestsumme an die Bürgerrechtsorganisation ACLU spendet. "Ich habe fünf Jahre lang über Flüchtlinge nachgedacht", erzählt sie. Deshalb wisse sie, dass das, was Trump über Immigranten sage, nicht wahr sei.

Doch Glidden betont auch, dass der neue Präsident nichts Neues sage. "Trump ist schrecklich, aber er sagt auch nur Dinge laut, die viele Politiker schon lange geflüstert haben. Er macht nur die Dinge offensichtlich, die schon da waren." Man solle nicht so tun, als wäre vor Trump alles prima gewesen, meint die Zeichnerin. Sie verweist auf die vielen Organisationen, die sich seit Jahrzehnten für die Rechte von Frauen, Schwarzen oder Immigranten einsetzen. Aber auch den Journalismus sieht sie in der Pflicht: Wenn Medien berichten, wie Trump etwas Empörendes sagt oder twittert, garantiere das zwar Klicks. Doch Glidden betont auch, wie wichtig ein "langsamer Journalismus" sei, der Hintergründe beleuchtet. Wie mühsam und schwierig dieser sein kann, zeigt sie in ihrem Comic.

"Im Schatten des Krieges" direkt bei Amazon bestellen. Eine Leseprobe gibt es hier. Glidden stellt ihr Buch in Berlin (22.2., 25.2.), Hamburg (23.2.), Frankfurt (24.2.) und Wien (28.2.) vor. Mehr dazu hier.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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