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Zu den unvergesslichen Szenen von "Gaston" gehören jene mit Herrn Bruchmüller, der im Büro einen Vertrag unterschreiben will, aber nie dazu kommt. Wobei in diesem Strip Gaston gar nicht auftaucht - präsent ist er trotzdem.
Zu den unvergesslichen Szenen von "Gaston" gehören jene mit Herrn Bruchmüller, der im Büro einen Vertrag unterschreiben will, aber nie dazu kommt. Wobei in diesem Strip Gaston gar nicht auftaucht - präsent ist er trotzdem.(Foto: Carlsen Verlag Hamburg)

"Gaston" beim Gratis Comic Tag: Im Büro ist der Wahnsinn los

Von Markus Lippold

"Gaston" gehört zu den humorvollsten Comicserien der Welt. Mit Vorliebe zerlegt der Titelheld das Büro, in dem er arbeitet, oder bringt seine Kollegen zur Weißglut. Zum morgigen Gratis Comic Tag erscheint eine gute Auswahl seiner Strips.

Das Büro gilt gemeinhin als Hort der Ordnung. Wo Akten und Ordner herrschen, ist wenig Platz für Chaos. Wo Menschen ihrer geregelten Arbeitszeit nachgehen, gibt es kaum Möglichkeiten, dem Individualismus zu frönen. Im idealen Büro ist das Papier weiß, der Schreibtisch aufgeräumt und jeder weiß, was er zu tun hat. Es ist die Antithese zur brodelnden, unberechenbaren Wildnis.

"Gaston" ist eins von 30 Heften zum Gratis Comic Tag.
"Gaston" ist eins von 30 Heften zum Gratis Comic Tag.

Es sei denn, Gaston ist in der Nähe. Dann kann man für nichts mehr garantieren.

Gaston bringt nicht nur Esskastanien mit ins Büro, er röstet sie auch gleich vor Ort in einem Feuerkessel. Er übt Stabhochspringen am Schreibtisch und entzündet Feuerwerkskörper am Stuhl seines Chefs. Ja, mit seinem speziellen Musikinstrument, dem Gastophon, legt er sogar das gesamte Gebäude in Schutt und Asche. Mit aberwitziger Hingabe versucht Gaston, die tägliche Arbeitslast durch Erfindungen zu verbessern, stürzt damit aber ein ums andere Mal das Büro ins Chaos und seine Kollegen in Verzweiflung.

Gaston ist Held und Anti-Held zugleich. Er ist die Personifikation der Phantasie, gleichzeitig jedoch Bote des Chaos. Und er ist der Protagonist einer Comicserie. Vor 60 Jahren ersann der belgische Zeichner André Franquin den schlaksigen Wirbelwind für das Comicmagazin "Spirou".

Gratis Comic Tag 2017

Der diesjährige Gratis Comic Tag findet am 13. Mai statt. Mehr als 240 Händler im deutschsprachigen Raum verteilen insgesamt 30 kostenlose Comic-Hefte. Die Auswahl reicht von Superhelden und Humor bis Spannung und Fantasy. Viele Händler planen zudem verschiedene Aktionen. Mehr Infos gibt es hier.

Zum diesjährigen Gratis Comic Tag (siehe Kasten) erscheint nun auch ein Heft von "Gaston", das einen kurzen, aber gelungenen Querschnitt durch seine Abenteuer bietet. Doch das Heft soll nicht nur an den runden Geburtstag seines Helden oder den 20. Todestag seines Schöpfers erinnern. Auch der Carlsen-Verlag, bei dem "Gaston" erscheint, hat in diesem Jahr etwas zu feiern: Seit 50 Jahren bringen die Hamburger Comics heraus.

Schlaksig, faul und ungeschickt

Und kaum eine andere Figur könnte dieses Jubiläum besser würdigen als Gaston. Schließlich ist er in seinen Strips ein Angestellter des Verlags, in dem er erscheint. Diese Referenz hat Carlsen vom französischen Original übernommen, wo Gaston beim traditionellen Verlagshaus Dupuis arbeitet, seiner eigenen Heimat - und die von Comic-Held Spirou. Die berühmte Figur mit der Uniform eines Hotelpagen hatte Franquin berühmt gemacht. Er hatte ihr seinen Stempel aufgedrückt, dazu das Marsupilami erfunden und die Reihe zu einer der besten in ganz Europa gemacht.

Doch 1957 wollte er eine neue Figur schaffen, die allen Vorstellungen eines Helden zuwiderlaufen sollte. So entstand Gaston: schlaksig, faul und ungeschickt. Ein Hanswurst, aber mit sehr viel Charme. Vielleicht wurde er gerade deshalb zu Franquins berühmtestem Werk, zu seinem größten Erfolg und einem Höhepunkt der franko-belgischen Comicgeschichte.

Ein "Gaston"-Strip aus der Frühzeit - Franquins Stil ist noch nicht voll entwickelt.
Ein "Gaston"-Strip aus der Frühzeit - Franquins Stil ist noch nicht voll entwickelt.(Foto: Carlsen Verlag Hamburg)

Mit "Gaston" befand sich Franquin auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Ende der 60er Jahre gab er sogar die Arbeit an "Spirou" auf, um sich ganz seiner neuen Serie zu widmen, die inzwischen vom halb- zum ganzseitigen Format gewechselt war. Nun konnte sich Franquin austoben und seinen eigenen Stil vervollkommnen. Er wurde zum wichtigsten Vertreter jener Zeichenschule, die nach dem Stadtteil des belgischen Charleroi benannt ist, in dem Dupuis seinen Sitz hat: Marcinelle.

Im Gegensatz zur anderen großen belgischen Comicschule - der Ligne claire von "Tim und Struppi"-Schöpfer Hergé mit ihren klaren Linien und einfachen Formen - geht es bei der École Marcinelle um Bewegung und Detailreichtum. Und nirgends hat Franquin das konsequenter umgesetzt als bei "Gaston".

In "Schwarze Gedanken" zeigt sich Franquin bitterböse.
In "Schwarze Gedanken" zeigt sich Franquin bitterböse.(Foto: Carlsen Verlag Hamburg)

In dem Heft zum Gratis Comic Tag kann man gut die Entwicklung studieren, die Franquin dabei vollzogen hat. Auf den ersten Seiten sind seine Figuren noch recht einfach gehalten, die Bewegungen natürlich. Mit der Zeit gewinnen diese jedoch immer mehr an Dynamik: Gastons Gestik etwa wird ausschweifender, seine Bewegungen zum puren, überdrehten Slapstick, die Beine schwingen in alle Richtungen. Auch seine Haare werden länger, was einerseits der Mode geschuldet sein dürfte, aber auch dem schwungvollen Zeichenstil Fraquins entgegenkommt. Denn Gastons umherwirbelnde Strähnen gehen nun nahtlos in die Bewegungslinien um seinen Kopf über.

"Schwarze Gedanken" und Depression

Auch die Hintergründe verändern sich mit der Zeit. Sind sie anfangs noch simpel und oft einfarbig, werden sie später ausgefeilter, detaillierter. All die Regale mit ihren Ordnern und Kisten werden zur Spielwiese von Gaston, der die Einrichtung ein ums andere Mal zerlegt. Nicht zuletzt profitiert die Serie mit der Zeit von ihren Running Gags. Da wären etwa Gastons Tiere wie Katze und Möwe, die das Büro immer wieder ins Chaos stürzen. Oder Herr Bruchmüller, der Geschäftsmann, der einen Vertrag in den Büroräumen unterschreiben will, aber nie dazu kommt, weil Gastons Erfindungen das mehr oder weniger bewusst sabotieren.

Doch "Gaston" war nicht nur ein künstlerischer Höhepunkt. In der Serie verarbeitete Franquin zunehmend auch persönliche Anliegen. Bedienen Hergés Comics aufgrund ihres Settings bis heute nostalgische Gefühle bei ihren Lesern, ist Franquins Serie auch ein Kommentar auf die Moderne. Nicht nur, weil Gaston das eintönige Leben von Büroangestellten auf den Kopf stellt. Franquin lässt seinen Protagonisten auch immer wieder Themen wie Umweltschutz und Militarismus aufgreifen. Themen, die Franquin später in einer weiteren Serie verarbeitete: "Schwarze Gedanken" besteht aus bitterbösen, schwarzhumorigen Miniaturen, die die Verrücktheit Gastons ins Zynische weiterdrehen.

Diese "Schwarzen Gedanken" hatten auch mit seinen gesundheitlichen Probleme zu tun, die auch die Arbeit an "Gaston" beeinflussten. Immer wieder hatte Franquin mit Depressionen zu kämpfen, die ihn lähmten. Anfang der 80er musste er deswegen sogar die Serie unterbrechen. Nur schwer fand er zurück zum Zeichnen, an seine Glanzzeit konnte er nicht mehr anknüpfen, bevor er im Januar 1997 starb. Das "Gaston"-Heft zum Gratis Comic Tag zeigt jedoch, dass er zu den größten Comiczeichnern der Geschichte gehört, der unzählige Nachfolger beeinflusst hat.

Das "Gaston"-Heft ist zum Gratis Comic Tag am 13. Mai bei teilnehmenden Händlern erhältlich. Bei Amazon ist "Gaston" sowohl in 19 Einzelbänden erhältlich als auch eine Gesamtausgabe im Schuber. Zum Jubiläum gibt es zudem einen Doppelband zum Sonderpreis. Außerdem erhältlich ist "Schwarze Gedanken".

Quelle: n-tv.de

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