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Der Autor Heiko Haupt lebte gefühlt mit Bergoglio in Argentinien.
Der Autor Heiko Haupt lebte gefühlt mit Bergoglio in Argentinien.(Foto: Reuters)

Mit heißer Feder: In 14 Tagen zur Papst-Biografie

Von Solveig Bach

Gerade mal zwei Wochen sind vergangen, seit Jorge Mario Bergoglio zum Papst gewählt wurde. Doch die Buchbranche legt sich richtig ins Zeug und schon sind die ersten Biografien des gebürtigen Argentiniers gedruckt. Ganz vorn mit dabei: der Riva-Verlag mit "Franziskus. Der Papst der Armen". Wie viel Substanz hat das Buch und wer schreibt es mal eben?

Bis zum 13. März war Jorge Mario Bergoglio für Heiko Haupt der große Unbekannte, wie für die meisten Menschen. Dann trat der Argentinier als Papst Franziskus auf den Balkon des Vatikans und Haupt konnte seine bisherige Arbeit in den Reißwolf stecken. Eine Woche vorher hatte er einen Auftrag des Riva-Verlags angenommen, die Biografie des noch neu zu wählenden Papstes zu schreiben.

Haupt ist freiberuflicher Journalist, bisher eher spezialisiert auf Auto- und Technik-Themen, doch immer auf der "Suche nach neuen Herausforderungen". Ein Papst-Kenner ist er nicht, noch nicht mal katholisch. Aber er ist ein guter Handwerker, neugierig und genau. Nun ist alles, was er bisher über die mehr oder weniger heiß gehandelten Favoriten des Konklaves zusammengetragen hat, Makulatur. Und in weniger als zwei Wochen soll "Franziskus. Der Papst der Armen" in den Druck gehen.

Wie so oft, hat sich die Weisheit bestätigt: Wer als künftiger Papst ins Konklave geht, kommt als Kardinal wieder heraus. Auch Haupt kennt den Spruch. Franziskus wendet sich derweil an die vielen Gläubigen auf dem Petersplatz. "Liebe Brüder und Schwestern", sagt er. "Guten Abend." In diesem Moment weiß Haupt, dass er mit seinem Auftrag klarkommen wird. Einige arbeitsreiche Tage später erzählt der Mann, der sich nun Papst-Biograf nennen darf, im Gespräch mit n-tv.de: "Das war das Beste, was mir als Schreiber passieren konnte, dass ich im ersten Moment dachte: Wow, der ist so ganz anders, der ist interessant, den finde ich sogar sympathisch. Über den will ich mehr wissen."

Vorarbeit aus Argentinien

Bilderserie

Gemeinsam mit zwei Rechercheuren macht sich Haupt an die Arbeit. Vor dem Auftrag hat er gerade mit dem Rauchen aufgehört, eine Tatsache, die er schon in der ersten 20-Stunden-Schicht vergessen hat. Er erzählt vom Einwandererkind Jorge Mario Bergoglio, das am 17. Dezember 1936 als erster Sohn italienischer Eltern in Buenos Aires zur Welt kommt. Bergoglio wird in eine tief gläubige Familie hineingeboren, er interessiert sich für Naturwissenschaften, spielt Fußball. Er wird Chemietechniker, verliebt sich leidenschaftlich und tanzt Tango. Von all dem hatte er noch als Erzbischof der Autorin Francesca Ambrogetti erzählt, die gemeinsam mit Sergio Rubio eine offizielle Biografie Bergoglios verfasst hat. Im Jahr 2010 war "El Jesuita" in Buenos Aires erschienen. Mitte April legt der Herder-Verlag den Gesprächsband unter dem Titel "Papst Franziskus. Mein Leben – mein Weg" in deutscher Übersetzung vor.

Haupt macht aus den biografischen Daten und seinen Recherchen einen spannenden Ausflug in die argentinische Welt der 1930er bis 50er Jahre, in der sich die italienischen Einwanderer nicht fremd fühlen mussten, weil so viele von ihnen hierher kamen. Aus diesem Buch stammt auch die Geschichte von dem Liebesbrief, den er als 12-Jähriger an die gleichaltrige Amalia schrieb. Schon damals soll er ihr gesagt haben: "Wenn ich dich nicht heirate, werde ich Priester." Doch ohne einige einschneidende Erlebnisse wäre es nach Haupts Einschätzung dazu möglicherweise nie gekommen.

Da ist zum einen die Zeit nach der Geburt von Bergoglios jüngster Schwester. Die tatkräftige Mutter ist als Folge der Entbindung vorübergehend gelähmt. "Für den 11-jährigen Jorge Mario Bergoglio ist plötzlich alles schrecklich anders. Er ist als ältester Sohn auch für das Kochen und die Geschwister zuständig, während der Vater auf der Arbeit ist." Die Großmutter kommt der Familie zu Hilfe, wahrscheinlich wird es gemeinsame Gebete gegeben haben. Tatsächlich wird die Mutter wieder gesund. Doch einige Jahre später erkrankt Jorge selbst schwer. Ihm muss die halbe Lunge entfernt werden. Haupt ist sicher, dass ihn diese Erfahrung tief geprägt hat. "Er denkt, er muss sterben, aber er überlebt." Zwischenzeitlich fühlt er bei einer Beichte "eine bislang ungekannte Spiritualität und starke religiöse Erfahrung, die ihn sicher sein ließ, Gott habe nach ihm gesucht, habe ihn erwartet, und es sei seine Bestimmung, Priester zu werden." Ein Jahr nach seiner Genesung tritt er in den Jesuitenorden ein.

Die Arbeitstage in Haupts Redaktionsbüro sind lang, nach zehn Stunden kann er vor Rückenschmerzen kaum noch arbeiten. Er probiert jede nur erdenkliche Sitzposition aus, zwischendurch schreibt er im Liegen. Während er Satz um Satz in die Tastatur hämmert, werden ihm die Arme schwer wie Blei. Im Hamburger Schanzenviertel türmen sich die Schneeberge, während Haupt Seite um Seite füllt.

Kein Eiapopeia

Das Buch aus dem Riva-Verlag kostet 9,99 Euro
Das Buch aus dem Riva-Verlag kostet 9,99 Euro

Wo immer es ihm nötig scheint, liefert Haupt umfangreiche Hintergrundinformationen, nicht nur zum Einwanderungs- oder Krisenland Argentinien oder zur Zeit der Diktatur, auch zu den Jesuiten und dem Papst-Rücktritt, der den Weg für Franziskus frei machte. Er begleitet Bergoglio in seinen Lehrjahren und widmet sich intensiv den Vorwürfen, die Franziskus aus seiner Zeit als Provinzial für Argentinien begleiten. Kritiker werfen Bergoglio eine zu große Nähe zu den mit eiserner Faust regierenden Generälen vor, er soll sich nicht vor seine Glaubensbrüder gestellt haben, außerdem sollen ihm Fälle von Babyraub bekannt gewesen sein.

Haupt lässt sowohl diejenigen ausführlich zu Wort kommen, die Bergoglio Verfehlungen vorhalten, als auch die anderen, die ihn und sein Vorgehen verteidigen. Beide Seiten sind nicht ohne Überzeugungskraft. Auf der Suche nach Verstehen lautet Haupts Fazit: "Ich denke, er hat nicht bewusst Böses getan. Aber ich denke, er ist nicht ohne Fehler durch diese Zeit gekommen."

Haupt wünscht sich deshalb ein klärendes Wort von Franziskus dazu. "Wenn er der Hoffnungsträger bleiben will, als den ihn viele sehen, dann muss er sich tatsächlich bald hinstellen und sagen: ich erkläre das jetzt mal genau, wie es war." Doch ob sich der Papst zu diesem Schritt entschließen kann, ist alles andere als sicher. "Ich denke, er ist nicht der Mann, der lügt. Er sagt lieber gar nichts, das könnte das Problem sein."

Was ist schon konservativ?

Je mehr Haupt über den Mann liest und hört, der nun Papst Franziskus ist, desto mehr lösen sich allzu klischeehafte Vorstellungen auf. Die Schubladen von konservativ oder nicht konservativ passen einfach nicht, wenn man von Lateinamerika aus auf die Welt blickt. Franziskus' Umgang mit Armut ist fast schon links, aber er "ist in diesen Denkkategorien gar nicht zu Hause". Auch Bergoglio ist für den Zölibat, gegen Abtreibung, Verhütung, Homo-Ehe und Frauen im Priesteramt. Doch der Kampf gegen die Armut wird sein Pontifikat beherrschen, da ist sich Haupt sicher.

Geprägt haben diesen Papst Männer wie Franz von Assisi, aber auch Don Bosco, der Gründer der Salesianer und Padre Alberto Hurtado, ein chilenischer Geistlicher, der obdachlosen Kindern ein Heim und Bildung gab. Auch sollte Bergoglios Ferne von Rom nicht zu dem Trugschluss verleiten, er wisse nicht um die Machtstrukturen im Vatikan. Wer in der Kammer der Tränen seine alten Schuhe verteidigen kann, weiß ganz gut, was er tut. "Um Positionen zu erreichen, die er erreicht hat, kann man nicht einfach nur ein ganz normaler Padre sein. Ein bisschen Machtbewusstsein und die Fähigkeit zu taktieren, sind bei ihm sicher vorhanden."

Haupt mutmaßt, dass Franziskus einen funktionierenden Apparat übernimmt und unter Vorbehalt stellt, "um ihn dann im Laufe der Zeit anzupassen". Dabei könnte ihm der Austausch mit seinem Amtsvorgänger Benedikt XVI. zugutekommen, mit dem er inhaltlich sowieso auf einer Linie liegt. 14 Tage sind keine lange Zeit, einen Menschen zu ergründen. Doch Haupt ist es gelungen, aus vielen Puzzleteilen, die die Medien rund um die Papstwahl zum Leben Bergoglios zusammengetragen haben, ein farbenfrohes Mosaik zu machen. Am Ende beginnt er seine Schlussbemerkung mit den Worten: "Ein Papst wurde gewählt, ein Mensch nahm die Wahl an." Diesen Menschen zeichnet er deutlich komplexer, als es der ältere Herr in der weißen Soutane an diesem Märzabend auf dem Petersplatz und die Kürze der Zeit vermuten ließen.

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Quelle: n-tv.de

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