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Heimat kann man verlieren, Sprache nicht: Olga Grjasnowa
Heimat kann man verlieren, Sprache nicht: Olga Grjasnowa(Foto: René Fietzek)

Olga Grjasnowas Debütroman: Ins Schreiben reingerutscht

Von Samira Lazarovic

Mit ihrem Debüt "Der Russe ist einer, der Birken liebt" trifft Olga Grjasnowa einen Nerv. Die Geschichte einer jungen Frau, die als Kind in Aserbaidschan ein Trauma erleidet und sich als Erwachsene in Deutschland nicht zurechtfindet, macht Grjasnowa zu einer Stimme junger Migranten. Und überraschenderweise zu einer Expertin für den "Eurovision Song Contest".

Olga Grjasnowa

"Der Russe ist einer, der Birken liebt"

Mascha ist jung und eigenwillig. Sie ist außerdem Aserbaidschanerin und Jüdin. Als Kind einer Migrantenfamilie lernt sie in Deutschland schnell, dass Sprachen Macht bedeuten. Wer kein Deutsch spricht, hat keine Stimme, bei Behörden werden Anträge entsprechend der Schwere der Akzente bewilligt. Einige Jahre später spricht sie fünf Sprachen fließend und ein paar weitere so, wie "die Ballermann-Touristen Deutsch".

Sie plant gerade ihre Karriere bei der Uno, als ihr Freund Elias mit einer Fußballverletzung ins Krankenhaus kommt. Das Unheil, das Mascha ständig erwartet, bricht über das Paar hinein, unvorhersehbare Komplikationen kosten Elias das Leben. Sein Tod bricht in Mascha alte Wunden auf. Das Trauma, das sie als kleinen Mädchen in Baku erlitten hat, lässt sich nicht mehr verdrängen. Verzweifelt flieht sie nach Israel, doch trösten können sie weder Freunde, noch die entfernte Familie, noch flüchtige Affären mit Männern und Frauen. Sie muss sich ihrer Vergangenheit stellen oder endgültig zusammenbrechen.

"Hallo, ich bin Olga. Tut mir leid, dass ich ein bisschen zu spät bin, ich war noch shoppen. Verkaufsoffener Sonntag, weißt du?" Spricht es und schwenkt zum Beweis zwei bunte Tüten. Das ist also Olga Grjasnowa, die in zahllosen Rezensionen als neue literarische Stimme der sowjetischen Migranten gefeiert wird. Und mit der Interview-Termine schwer zu vereinbaren sein sollen, weil sie so beschäftigt ist. Beschäftigt? Olga runzelt kurz die Stirn und grinst dann. Nö. Geht schon. Sie sei halt auf Lesereise gerade, aber sonst? Kein Problem eigentlich.

Gut gelaunt beantwortet die junge Schriftstellerin alle Fragen, stellt Gegenfragen und lacht viel – gerne auch über sich selbst. Ganz anders als ihre Romanfigur Mascha. Die Ich-Form ihres Debütromans verführt dazu, viele Eigenschaften der Hauptfigur ihrer Autorin zuzuschreiben. Aber wie viel Olga steckt in Mascha? "Die Eckdaten stimmen schon", bestätigt Grjasnowa. Mascha komme wie sie ursprünglich aus Aserbaidschan. "Das ist ein Umfeld, das ich halt gut kenne. Wie auch Frankfurt oder die ganzen interkulturellen Freundeskreise." Davon abgesehen seien die Figuren aber alle frei erfunden. Was davon auf eigene Erfahrungen basiere, könne sie mittlerweile gar nicht mehr genau sagen, weil sie so lange für das Buch recherchiert habe. So sei sie für sechs Monate nach Israel gegangen, als sie wusste, dass der zweite Teil in Israel spielen sollte. "Da habe ich es dann so ein bisschen drauf angelegt, genau das zu erleben, was für den Roman gut passen würde." Was ist dann der größte Unterschied zu Mascha? "Die ganze Traumageschichte", sagt die 1984 in Baku geborene Autorin. "Das habe ich absolut nicht. Ich hatte nie im Leben eine Panikattacke. Ein guter Freund von mir ist aber Psychologe, der hat mir alles erzählt über Trauma-Gestörte und Angstpatienten."

Mascha Kogan erleidet als Kind in Baku ein Kriegstrauma, sie erlebt im Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan die Progrome aus nächster Nähe mit und die blutigen Bilder lassen sich nicht verdrängen. "Ich dachte mir, wenn ich schon eine manische Romanfigur entwerfe, dann so richtig", erzählt Grjasnowa, die selbst mit elf Jahren nach Deutschland kam, ihre Familie gehörte zu den jüdischen Kontingentflüchtlingen. "Mascha ist sehr berechnend und manipulativ und hat diese gewisse Kälte. Das gehört nicht zu mir." Aber sie könne sich da rein denken. Das sei ja der Reiz beim Schreiben, das man irgendwelche absurde Teile der eigenen Persönlichkeit ausloten könne. Gleichzeitig sei das so eine Art Schizophrenie, man habe diese Figuren ständig im Kopf und könne aber niemanden erzählen, wenn man gerade Streit mit seiner Romanfigur habe, lacht die junge Schriftstellerin. "Zwischendurch habe ich es immer wieder in die Ecke geschmissen oder gedacht, gut, dass ist jetzt das Problem meiner Lektorin, ich habe damit nichts zu tun, ich gehe ins Berghain."

Alles außer Hebräisch

Sie sei außerdem bei weitem nicht so sprachbegabt, wie ihre Romanfigur, betont Grjasnowa. Mascha spreche fünf Sprachen, sie gerade mal drei, Russisch, Deutsch und Englisch. "Ich habe immer wieder versucht Spanisch, Französisch und sogar Polnisch zu lernen, bin aber in allen drei Sprachen nie über die Mittelstufe hinausgekommen." Und Hebräisch? "Da habe ich dreimal den Anfängerkurs gemacht und bin trotzdem beim Alphabet nur bis zur Hälfte gekommen, es war einfach fürchterlich", kichert die 28-Jährige.

Das hält aber die wenigsten davon ab, wie selbstverständlich davon auszugehen, dass die junge Jüdin fließend Hebräisch spricht – wie auch bei der Lesung auf den Deutsch-Israelischen-Literaturtagen der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin. Doch die Nachwuchsautorin geht mit einem Lächeln darüber hinweg und verweist darauf, dass auch ihre Protagonistin diese Sprache nicht spricht: Mascha spricht arabisch und stößt damit gerade in Israel auf Verwunderung und Ablehnung. "Ich habe sie bewusst arabisch lernen lassen, weil ich auch damit zeigen wollte, dass Mascha ihr Judentum und die Verbindung zu Israel zunächst nicht wichtig sind."

Olga Grjasnowa schreibt nur in einer Sprache: Deutsch. Im russischen habe sie die vergangenen 16 Jahre verpasst, ihr Russisch sei nicht mehr lebendig, sondern wie eine konservierte Erinnerung an ihre Kindheit. Vielleicht habe sie deshalb immer das Bedürfnis mit kleinen Kindern russisch zu sprechen. Wer will, kann eine Erinnerung an ihre Muttersprache noch vage heraushören, wenn Grjasnowa aus ihrem Buch liest, das Buch auf den Knien, das Mikro in der Hand. Vielleicht, weil sie langsamer liest, als sie ansonsten spricht. Die ständigen Komplimente für ihr ausgezeichnetes Deutsch haben für sie jedoch etwas Zweischneidiges: "Ich frage mich ständig, was dahinter steckt. Es ist wie ein Unglaube, dass man tatsächlich ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft ist."

Was ist Heimat?

Die Frage, wann man ein Mitglied der Gesellschaft ist, beschäftigt Grjasnowa auch in ihrem Buch. Das, wie in Rezensionen oft geschrieben wurde, Herkunft für Mascha und ihre Freunde keine Rolle mehr spiele, stimme nicht ganz. "Die ganze folkloristische Herkunft oder Heimat ist auch vollkommen egal", meint die Autorin. Was aber eine Rolle spiele, sei zum Beispiel, ob sie den Zugang zur Staatsbürgerschaft haben. "Wenn man alle Privilegien hat, ist es viel einfacher zu behaupten, dass Herkunft keine Rolle spielt." Darum gehe es, und um Freundschaft. Nicht um leitkulturelle Fragen.

Zudem würde das Ausländertum oft an Dingen festgemacht, wie Aussehen oder komplizierte Namen. "Ich bin selber weiß und habe blaue Augen. Aber ich kenne das von Freunden, die zum Beispiel schwarze Locken haben, da heißt es oft, darf ich mal anfassen? Oder die Tatsache, dass man gleich geduzt wird, das passiert mir auch. Oder das die Menschen besonders langsam und laut mit einem sprechen." Die Frustration, die ein solcher Alltag mit sich bringt, die merkt man auch ihren Romanfiguren an.

Expertin wider Willen

Dass sie jetzt oft als Expertin für Migrationsfragen angesehen wird, stört Olga Grjasnowa nicht. "Solange ich meinen deutschen Pass habe, dieses Dokument mit dem ich reisen kann, ist mir das egal. Ich sehe mich als deutsche Schriftstellerin." Überraschenderweise habe aber der Eurovision Song Contest dafür gesorgt, dass sich viele für ihre Herkunft interessierten: "Jetzt bin ich plötzlich Expertin für den Grand Prix, nur weil ich aus Baku komme, dabei habe ich ihn noch nie in meinen Leben gesehen, eigentlich fand ich das immer fürchterlich", lacht Grjasnowa.

Nun wird Grjasnowa für deutsche Medien aus Baku bloggen, deshalb nimmt sie sich zur Sicherheit zwei Freunde mit, die sich mit diesem "Grand Prix", wie sie den ESC durchgängig nennt, gut auskennen. Dass viele in Europa sich dank des ESC wohl zum ersten Mal in ihrem Leben mit dem Aserbaidschan beschäftigen, findet sie zwar gut, aber meist entstehe doch ein verzerrtes Bild. Gerade deutsche Medien würden verzweifelt versuchen, Oppositionelle zu finden, und am Schluss würden Vertreter der Volksfront interviewt, die ihrer Meinung nach nicht in ein Café in Baku gehörten, sondern ins Gefängnis, weil sie für Progrome verantwortlich waren.

Schriftstellerin per Zufall

Und wie geht es nach dem Song Contest weiter? Ihre nächste Romanfigur soll vielleicht eine Ballerina sein. Es solle auch um Homophobie und Körperbildung gehen. Wenn es klappe. Zweifelt sie daran, nach dem Erfolg ihres ersten Romans? Mit dem habe sie niemals gerechnet, gesteht Olga Grjasnowa und fügt dramatisch hinzu: "Ich bin da so reingerutscht!" Eigentlich sei sie eine verkappte Kunsthistorikerin.

Schaut man sich ihren Lebenslauf an, mit dem Studium der Kunstgeschichte, dem Abschluss am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, längere Auslandsaufenthalte in Polen, Russland und Israel, einem Kurzfilmdrehbuch sowie einem Dramatikerpreis der Wiener Wortstätten für ihr Debütstück "Mitfühlende Deutsche", denkt man, dass sie das noch einfach reinpacken könnte. Wie schafft man das alles mit 28 Jahren? "Ach das", winkt sie locker ab. Kunstgeschichte habe sie nur zwei Semester studiert. Und während des Studiums in Leipzig sei das Theaterstück entstanden und das Kurzfilmdrehbuch. Und die ersten 80 Seiten des Romans wären für ihre Abschlussarbeit gewesen. Und das Studium der Tanzwissenschaften? Sie lacht. Das pausiere gerade. Ziemlich sogar. Da gehe es auch nur theoretisch ums tanzen, nicht praktisch: "Ich kann noch nicht mal Walzer."

Quelle: n-tv.de

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