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Es geht sehr schnell: Die Kidnapper dringen in das Zimmer ein und nehmen Christophe André mit.
Es geht sehr schnell: Die Kidnapper dringen in das Zimmer ein und nehmen Christophe André mit.(Foto: Guy Delisle / Reprodukt 2017)
Montag, 20. März 2017

111 Tage Geiselhaft: "Irgendwie wie ein gefangenes Tier"

Von Markus Lippold

Guy Delisle ist für seine humorvollen Reisereportagen aus Nordkorea oder Israel bekannt. In "Geisel" erzählt er nun die wahre Geschichte einer Geiselnahme. Anfangs hatte er davor etwas Angst, sagt er n-tv.de.

Es geht schnell. Die bewaffneten Männer brechen die Tür ein, stürmen das Zimmer. Sie packen Christophe André, ziehen ihn aus dem Bett und knebeln ihn. Er wird zu einem Auto gebracht und die Fahrt geht los: von Nasran in Inguschetien nach Grosny, der Hauptstadt Tschetscheniens. André, Mitarbeiter der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, wird entführt.

Christophe André wurde 1997 entführt. Seine Geschichte wird in "Geisel" erzählt.
Christophe André wurde 1997 entführt. Seine Geschichte wird in "Geisel" erzählt.(Foto: privat)

Noch macht sich der Franzose Hoffnung auf eine schnelle Befreiung. Doch am Ende wird er 111 Tage in der Gewalt der Männer sein. 111 Tage Ungewissheit, in kargen Zimmern sitzend, die meiste Zeit davon angekettet. Der kanadische Comiczeichner Guy Delisle hat Andrés wahre Geschichte zu einem beeindruckenden Buch verarbeitet: "Geisel". Delisle geht es dabei nicht um die politischen Rahmenbedingungen, nicht um die verworrene politische Lage in Tschetschenien, nicht um die Identität der Entführer. Delisle geht es um eine zutiefst menschliche Ebene.

"Mir ging es darum, zu zeigen, wie es im Kopf eines Entführten aussieht", erklärt er im Telefongespräch mit n-tv.de. "Es ist eine Art Dokumentation darüber, wie man überlebt, wenn man keine Entscheidungen treffen kann und man keine Freiheit hat." Dieser Aspekt löst das Buch von den Ereignissen im Jahr 1997 und macht es zu einer zeitlosen Reflexion über das Überleben unter extremen Umständen.

Ein kahler Raum: Delisle erkundet ihn aus immer neuen Perspektiven.
Ein kahler Raum: Delisle erkundet ihn aus immer neuen Perspektiven.(Foto: Guy Delisle / Reprodukt 2017)

Ein schwieriges Unterfangen, sprechen ehemalige Geiseln doch selten offen über ihre Erlebnisse und ihre innersten Gedanken. Anders André, der Delisle schon kurz nach ihrem ersten Treffen 2003 ausführlich Auskunft gab. Trotzdem dauerte es fast 15 Jahre, bis das Buch fertig wurde. Einerseits reiste Delisle in dieser Zeit selbst in verschiedene Länder: Er arbeitete in Nordkorea, begleitete seine Frau, die ebenfalls bei Ärzte ohne Grenzen arbeitet, nach Myanmar und Israel. Über diese Reisen zeichnete Delisle Bücher, die wegen ihrer Detailliebe und humorvollen Art ausnahmslos sehr lesenswert sind.

"Nur weiße Wände und eine Glühbirne"

Aber etwas ließ Delisle vor dem Projekt mit André zurückschrecken: Nach einer Reihe autobiografischer Werke erzählt er in "Geisel" nicht nur eine sehr ernste Geschichte, in der Humor nur selten aufscheint. Er erzählt auch erstmals von einer anderen Person. "Ich hatte etwas Angst, jemand anderen zu Wort kommen zu lassen", erklärt er. "Ich wusste nicht genau, was er in einem bestimmten Moment dachte." Doch André ließ ihm viele künstlerische Freiheiten. Er gab lediglich Hinweise, mit denen Delisle versucht hat, die Entführung so genau wie möglich zu rekonstruieren.

Immer wieder fantasiert André von der Möglichkeit einer Flucht.
Immer wieder fantasiert André von der Möglichkeit einer Flucht.(Foto: Guy Delisle / Reprodukt 2017)

So wird fast jeder der 111 Tage in "Geisel" dargestellt: die tägliche Routine, die dünne Suppe, die André vorgesetzt bekommt, der Eimer, mit dem er sich wäscht, die 15 Minuten, in denen ihm die Handschellen abgenommen werden. Aber vor allem: warten und grübeln. André denkt an seine Familie und an seine Kollegen, die vermutlich gerade an seiner Befreiung arbeiten. Er macht sich Gedanken über eine Flucht, wie er seine Entführer mit roher Gewalt überwältigen könnte. "Ich bin mir sicher, dass es in seinem Kopf viel brutaler war, als ich es darstellen konnte", sagt Delisle. "Er dachte wahrscheinlich täglich an solche Szenen."

Die einfachen Zeichnungen unterstreichen diese Routine. "Da gab es nicht viel, nur weiße Wände und eine Glühlampe", sagt Delisle. "Ich wusste, dass es sehr minimalistisch werden würde." Bewusst verzichtete er auf Spezialeffekte, um die Authentizität der Geschichte nicht zu gefährden. "Je mehr Effekte man benutzt, desto mehr sieht es wie ein Hollywood-Film aus. Aber das will man nicht", erklärt der Zeichner. Also sieht man immer wieder denselben Raum, aus den unterschiedlichsten Perspektiven. "Aber das war mir nicht so wichtig, weil ich wusste, dass die Geschichte von Christophe so stark war."

"Geisel" ist bei Reprodukt erschienen, 432 Seiten, Klappenbroschur, 29 Euro.
"Geisel" ist bei Reprodukt erschienen, 432 Seiten, Klappenbroschur, 29 Euro.

Diese Geschichte, ihre Routine und die schmucklosen, aber gerade deshalb eindringlichen Zeichnungen ziehen den Leser in das Buch hinein, lassen die Spannungskurve stetig ansteigen. Man spürt, wie die Zeit kriecht, fühlt die Enge und Ausweglosigkeit der Situation. Man bekommt ein Gefühl dafür, was es bedeutet, Tag für Tag, Woche für Woche allein und gefesselt in einem Zimmer zu hocken. Jede Abweichung von dieser Routine wird für André und den Leser zum Ereignis, zum Hoffnungsschimmer auf ein Ende der Tortur.

"Wie ein gefangenes Tier"

"André war irgendwie immer wie ein gefangenes Tier", erklärt Delisle. Immer im Stress, immer auf Adrenalin, immer auf Möglichkeiten zur Flucht bedacht. "Man kann sich nicht vorstellen, wie man in solch einer Situation agiert, weil man dann eigentlich ein anderer Mensch ist." Das wollte Delisle für den Leser spürbar machen. Die Entführung Andrés ist allerdings auch ein erstaunliches Beispiel, weil er als Geisel diszipliniert bleibt und einen erstaunlich kühlen Kopf bewahrt. "Er hat nie geweint, während er da war", sagt Delisle. Und er habe sich nicht als Opfer gefühlt. "Er sagte, er sei durch die Geschichte stärker geworden, weil er entkam."

Wobei Andrés Kidnapping glimpflich verlief. "Die Menschen, die vor 20 Jahren entführt wurden, sorgten sich eher darum, wie lange es dauern könnte und nicht, ob sie das überleben würden", sagt Delisle. Heute sei das wahrscheinlich anders, erklärt er mit Blick auf spektakuläre Geiselnahmen der Terrormiliz Islamischer Staat. "Heute denken Entführte, vor allem in islamischen Staaten, dass sie nicht lebend da herauskommen könnten."

Doch Delisle verweist darauf, dass auch heute die meisten Geiseln nicht getötet würden. Über viele Fälle, etwa bei Nichtregierungsorganisationen, würde auch gar nicht in den Medien berichtet. Er selbst, der jahrelang seine Frau in Krisengebiete begleitete, fühlte sich übrigens nie bedroht. Trotzdem ist sein Buch ein Hinweis darauf, dass es weltweit Menschen gibt, die sich in Gefahr bringen, weil sie anderen helfen wollen. Es sind Menschen wie Christophe André, der nur sechs Monate nach seiner Entführung zu Ärzte ohne Grenzen zurückkehrte und weitere 18 Jahre für die Organisation arbeitete.

"Geisel" bei Amazon bestellen. Eine Leseprobe gibt es hier. Delisle stellt sein Buch in Deutschland vor: in Stuttgart (20.3.), Frankfurt (21.3.), sowie zusammen mit Christophe André in Berlin (23.3.) und Leipzig (24.-25.3.). Details dazu hier.

Quelle: n-tv.de

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