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Für Irmina geht ein Traum in Erfüllung: Sie erreicht England, wo sie ein selbstbestimmtes Leben führen will.
Für Irmina geht ein Traum in Erfüllung: Sie erreicht England, wo sie ein selbstbestimmtes Leben führen will.(Foto: Barbara Yelin / Reprodukt 2014)

Karriere, Freiheit, Hakenkreuz: Irmina hatte große Pläne

Von Markus Lippold

Was macht eine Diktatur aus den eigenen Träumen? Das erfährt Irmina, als sie 1935 von England nach Deutschland zurückkehrt - und sich den Nazis anpasst. Ihre Geschichte ist ein beeindruckendes Porträt einer schweigenden Generation.

"Oh!", sagt Irmina. Vage schält sich die englische Küste aus dem Dunst über dem Ärmelkanal. Neugierig und entschlossen schaut Irmina auf das Land, denn dort beginnt für sie ein neues Leben. Die junge Deutsche reist 1934 nach England. Nicht, weil sie eine Jüdin ist oder eine Kommunistin, die vor dem Nationalsozialisten flieht. Irmina geht nach England, weil sie etwas werden will.

Mit Howard erlebt Irmina  in England unbeschwerte Stunden.
Mit Howard erlebt Irmina in England unbeschwerte Stunden.(Foto: Barbara Yelin / Reprodukt 2014)

In Deutschland, wo die Nazis gerade ihre Terrorherrschaft etablieren, kann sie nicht studieren. Das sei nichts für die deutsche Frau, meinen die neuen Machthaber. Doch Irmina ist klug. Die 19-Jährige will Karriere machen, sozial aufsteigen und ein selbstständiges Leben führen. England bietet ihr diese Möglichkeit, sie beginnt eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin. "Klack, klack, klack" machen die Schreibmaschinen.

Irmina weiß zwar, was sie will. Eine Abenteurerin ist sie aber nicht. Die junge Adlige ist zurückhaltend, spröde, manchmal auch schroff. Und widersprüchlich. Sie will nicht als Vertreterin von Nazi-Deutschland gesehen werden. Kritik am neuen Deutschland weist sie aber auch zurück. So wird das deutsche Fräulein in England mit einer Mischung aus Faszination und Argwohn betrachtet. Stets bleibt sie eine Außenseiterin. Auf einer Party trifft sie jedoch einen anderen Außenseiter: Howard. Er kommt aus Barbados und ist einer der wenigen schwarzen Studenten in Oxford. Beide knüpfen zarte Bande.

Realer Hintergrund

Die Graphic Novel "Irmina" von Barbara Yelin beginnt als ungewöhnliche Liebesgeschichte. Eine Geschichte, die einen realen Hintergrund hat: das Leben von Yelins Großmutter. Das Buch basiert auf deren Tagebüchern und Briefen. Eine Biografie ist es aber nicht. Yelin hat sich dramaturgische Freiheiten herausgenommen, hat Namen, Charaktere und Biografien verändert und historische Fakten hinzugefügt. Historische Fakten aus dem nationalsozialistischen Deutschland.

In Berlin findet Irmina Arbeit im Kriegsministerium - und reagiert trotzig, als sie nicht nach England zurückkehren kann.
In Berlin findet Irmina Arbeit im Kriegsministerium - und reagiert trotzig, als sie nicht nach England zurückkehren kann.(Foto: Barbara Yelin / Reprodukt 2014)

Denn die Geschichte endet nicht in England. Aus finanziellen Gründen muss Irmina 1936 nach Deutschland zurückkehren. Sie landet in Berlin und findet Arbeit im Reichskriegsministerium. Noch hofft sie auf eine Rückkehr, auf ein Wiedersehen mit Howard. Dass die politischen Umstände dagegen sprechen, ignoriert sie lange. Irmina ist ganz auf ihren persönlichen Aufstieg fokussiert. So bricht der Kontakt zu Howard bald ab und sie wendet sich Gregor zu, einem Architekten und überzeugten Nationalsozialisten.

Synagogen brennen, Bomben fallen

Das Leben in Deutschland verändert Irmina, langsam, fast unmerklich. Aus der Frau, die die Welt erobern wollte, wird eine Hausfrau und Mutter. Vielleicht ist ja noch etwas zu retten vom Aufstieg, vom besseren Leben. Doch dann brennen die Synagogen, dann fallen Bomben und der Mann zieht in den Krieg. Da plappert Irmina längst die Durchhalteparolen nach. Propaganda ist ein schleichendes Gift. Die Symptome fängt Yelin äußerst genau ein - was man oft erst auf den zweiten Blick bemerkt, an kleinen Hinweisen in Gestik und Mimik.

Die Jahre vergehen und Irmina erlebt den zunehmenden Terror des Nationalsozialismus, wie hier nach der Reichspogromnacht.
Die Jahre vergehen und Irmina erlebt den zunehmenden Terror des Nationalsozialismus, wie hier nach der Reichspogromnacht.(Foto: Barbara Yelin / Reprodukt 2014)

Die Farben sind mitunter blass. Blass und gedeckt, irgendwie nostalgisch, wie man sich die Farben damals vorstellt. Hinzu kommen Zeichnungen, die sich ihren skizzenhaften Stil bewahren. Mitunter scheinen sogar die Vorzeichnungen durch. Sie wirken wie ein Verweis auf die Möglichkeiten, die Irmina einst hatte, werden dann aber überdeckt von tristen Braun- und Grautönen, die den Mittelteil des Buches dominieren.

Yelin skizziert eine Biografie, eine Epoche. Es ist der Versuch einer Annäherung an ein Leben im Nationalsozialismus, ein Beispiel von vielen. Das merkt man auch in der Erzählung. Während der erste Teil noch zusammenhängend erzählt ist, weist der zweite Abschnitt Sprünge auf. Es sind Schlaglichter auf Irmina während der Reichspogromnacht oder den Bombennächten im Bunker. Die Auslassungen lassen den Lesern Räume für eigene Interpretationen und für Assoziationen: Wie war das eigentlich bei den eigenen Eltern oder den Großeltern? Wie hätte ich reagiert, wenn jüdischen Nachbarn terrorisiert werden?

"Ich hatte große Pläne"

"Irmina" ist bei Reprodukt erschienen, 288 Seiten im Hardcover, 39 Euro.
"Irmina" ist bei Reprodukt erschienen, 288 Seiten im Hardcover, 39 Euro.

Yelin macht es den Lesern nicht leicht mit dieser Hauptfigur, von Anfang an nicht. Wer ist diese spröde, verschlossene, manchmal naive Frau, die ihre Möglichkeiten wegwirft, die die politischen Umstände einfach nicht für sich gelten lassen will. Bewusst lässt Yelin offen, wie sehr sich Irmina selbst schuldig macht. Ihre Anpassung wird nicht in großen Gesten, sondern in kleinen Momenten deutlich. Dem Leser bleibt immer etwas Hoffnung, dass sie irgendwann doch noch ihre Augen öffnet und die Frau zurückkehrt, die voller Erwartungen an der Reling stand, den Blick auf England gerichtet. "Oh!"

Aber spätestens im dritten Kapitel, wenn es Jahrzehnte später auf Barbados zu einem Wiedersehen mit Howard kommt, lässt man alle Hoffnung fahren. Da ist eine Frau, die diszipliniert ihr Leben gelebt hat und ihren Möglichkeiten nachtrauert. "Ach - nun ja, ich hatte große Pläne", sagt Irmina. Viel mehr Worte findet sie nicht. Denn ihre Generation lebte ein Leben unter dem Eindruck von Nationalsozialismus, Holocaust und Krieg. Frühes Leid, frühe Schuld. Der Rest ist Schweigen.

"Irmina" ist eine subtile Geschichte, deren historische Referenzen genau recherchiert sind - der Historiker Alexander Korb steuert auch ein Nachwort bei. Die Faktentreue mischt Yelin mit dem Blick auf ein Familienmitglied und holt den Nationalsozialismus damit aus den Geschichtsbüchern auf eine persönliche, aber nicht weniger packende und emotionale Ebene. "Menschen erleben die Wirren der Geschichte in erster Linie als ihren Alltag, sodass persönliche Zäsuren wie die erste Liebe, die Berufswahl, die Geburt eines Kindes oder ein Umzug biografisch bedeutender sein können als die großen historischen Ereignisse", schreibt Kolb dazu im Nachwort.

Das macht den Comic "Irmina", der übrigens auch ein haptisches Vergnügen ist, so lesenswert für die heutige Enkelgeneration, die den Nationalsozialismus nur mehr aus der Ferne wahrnimmt. Eine Zeit, die immer mehr verblasst, deren Bilder immer mehr verschwimmen. Von den Großeltern, jener schweigenden Generation, hat man meist nicht viel erfahren über ihren Alltag im Nationalsozialismus. Der exzellent gestaltete Comic regt zum Nachdenken an und entfaltet so erst mit der Zeit seine ganze Wucht.

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Quelle: n-tv.de

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