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Grimms Märchen sind längst Weltkultur: Szene aus Walt Disneys "Schneewittchen und die sieben Zwerge". Der Film kam vor 75 Jahren, am 21. Dezember 1937 in den USA in die Kinos.
Grimms Märchen sind längst Weltkultur: Szene aus Walt Disneys "Schneewittchen und die sieben Zwerge". Der Film kam vor 75 Jahren, am 21. Dezember 1937 in den USA in die Kinos.(Foto: dpa)

Wenn die Hexe in den Ofen gestoßen wird: "Kinder lieben klare Lösungen"

Es waren einmal zwei Brüder, die sammelten Märchen und wurden damit unsterblich. Auch 200 Jahre nach ihrem ersten Erscheinen als Buch haben die Geschichten der Grimms nichts von ihrem Zauber eingebüßt. Das liegt an der einzigartigen Mischung aus Fantasie und Wirklichkeit, sagt Märchenforscher Hans-Jörg Uther.

n-tv.de: Lange wurde die Version verbreitet, die Brüder Grimm seien von Haus zu Haus zu gezogen und hätten sich Märchen erzählen lassen und aufgeschrieben. Das ist ein Mythos, aber wie war es wirklich?

Dieses Denkmal der Brüder Grimm steht in Kassel. Hier befindet sich auch ein Brüder-Grimm-Museum.
Dieses Denkmal der Brüder Grimm steht in Kassel. Hier befindet sich auch ein Brüder-Grimm-Museum.(Foto: dpa)

Hans-Jörg Uther: Die Brüder Grimm haben sich früh für Literatur interessiert und besonders für Geschichten, die ihrer Meinung nach im Volk kursierten. Dazu zählten Lieder, Sagen und natürlich auch Märchentexte. Danach haben sie in den Büchern in ihrer immer umfangreicher werdenden Bibliothek gesucht. Zum Teil sind sie ihnen auch von Freunden, Bekannten und Verwandten zugeschickt worden. Jacob und Wilhelm sind also nicht mit Block und Blei umhergewandert, sondern ihnen lagen die Geschichten eigentlich alle bereits in schriftlicher Form vor. Es war dann vor allem Wilhelm Grimm, der die Sammlung seit der zweiten Auflage fast im Alleingang betreute, der diese Geschichten so unnachahmlich in eine besondere Form gebracht hat, die von Auflage zu Auflage immer eleganter wurde.

Warum ist es trotzdem ein gar nicht hoch genug einzuschätzendes Verdienst der Brüder Grimm, die Märchen so zusammengetragen zu haben?

In Zeiten der Aufklärung - in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts - wurden Kinder als handelnde Personen entdeckt. Im Zuge dessen versuchte man, Kindern ihnen adäquate Literatur an die Hand zu geben und sie damit zu kleinen, selbstständigen Persönlichkeiten zu erziehen. Dafür gab es zunächst moralische Geschichten. Die waren zwar langweilig, aber gleichwohl erfolgreich. Parallel dazu entwickelten sich, beeinflusst von der französischen Kultur, die Märchen. Diese Feenmärchen waren Ende des 17. Jahrhunderts eine höfische Mode, angelehnt an den höfischen Roman. Darin  war viel von Fantasie die Rede, es kamen Zauberer und Zauberinnen darin vor, Menschen verwandelten sich in Tiere und vieles andere mehr. Diese Geschichten fanden auch in Deutschland ein Publikum. Dort gab es dann in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Schriftsteller, die diese Märchendichtungen aufgriffen oder eigenständig umformten. Diese Geschichten erschienen aber nur in sehr kleinen Auflagen und waren noch sehr lang. Das Verdienst der Brüder Grimm war es nun, dass sie statt solcher sehr langer und sehr moralischer Geschichten kurze, überschaubare, fantasievolle Prosaerzählungen darboten, die auch eine Lehre hatten oder die Menschen mit ihrem Humor ansprachen. Da haben die Brüder Grimm ein ganz großes Geschick bewiesen, aus dem Wust der Literatur genau die Geschichten auszusuchen, die sie dann in dieser einzigartigen, bunten Mischung von Erbaulichem und Unterhaltung in den Kinder- und Hausmärchen zusammenbrachten.

In Märchen gibt es ja nicht nur die heile Welt, da gibt es Hunger, verlassene Kinder und tote Eltern, Mord. Warum erreicht das die Menschen trotzdem so sehr?

Die erste handschriftliche Auflage der "Kinder und Hausmärchen" der Brüder Grimm aus dem Jahr 1812.
Die erste handschriftliche Auflage der "Kinder und Hausmärchen" der Brüder Grimm aus dem Jahr 1812.(Foto: dapd)

Die Märchen bilden auf ihre eigentümliche Art und Weise Wirklichkeiten ab, aber sie sind nicht die Wirklichkeit. Jeder Leser und jede Zuhörerin weiß, dass dies Fantasiegeschichten sind. Aber sie gründen auf den Normen und Werten der Allgemeinheit. Es wird klar unterschieden in Gut und Böse, es gibt extreme Charaktere, aber die Konflikte sind wirklich - Auseinandersetzungen in der Kleinfamilie, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Geschwistern - das wird zum Teil sehr drastisch geschildert. Kinder lieben diese Schwarz-Weiß-Malerei mit klaren Lösungen. Deshalb ist es auch nicht grausam, wenn die Hexe in den Ofen gestoßen wird, sondern nur konsequent. Das Gute muss weiterleben, das Böse muss scheitern. Die in den Märchen gezeichneten Tugenden sind ja auch nicht nur bürgerliche Tugenden, sondern allgemein anerkannte gute menschliche Eigenschaften. Oder die Tatsache, dass auch der Verachtete seinen Weg machen kann, das sind bestärkende Beispiele, dass man nicht aufgeben soll. Das hat noch immer einen großen Zauber, auch wenn Märchen inzwischen weniger gelesen werden als noch vor 40, 50 Jahren.

Kommen wir noch einmal auf Jacob und Wilhelm Grimm zurück. Was ist diesen Brüdern geschehen, dass sie eine solche Lebensbindung eingehen?

Die Brüder waren die ältesten von fünf Brüdern und einer Schwester. Sie verloren früh den Vater und  sahen sich nun in die Pflicht genommen, nicht nur für sich selbst, sondern auch für die anderen Geschwister zu sorgen. Das ging aber auch nur, weil sie Unterstützung durch eine in Kassel lebende Verwandte erfuhren. Hinzu kam, dass ihre Begabung frühzeitig erkannt wurde. Sie begannen zunächst mit dem Studium in Marburg, sattelten aber von der Rechtswissenschaft relativ schnell zur Literatur um, als sie Bekanntschaft mit Brentano und Arnim machten. Aber der Gelderwerb war ganz wichtig, auch wenn er zum Teil nur unter sehr großen Schwierigkeiten gelang. Wilhelm war sehr kränklich und Jakob war der beruflich Erfolgreichere, der seinen Bruder dann auch mit untergebracht hat.  Die Brüder werden heute oft als eine Einheit gesehen, weil es sehr selten ist, dass ein Brüderpaar so kongenial in der Weltliteratur verankert ist, gleichwohl waren sie aber sehr unterschiedlich. Wilhelm war mehr der Familienmensch, Jakob mehr der Einzelgänger.

Kann man auch sagen, Wilhelm war mehr der Dichter und Jakob mehr der Wissenschaftler?

So extrem würde ich es nicht ausdrücken, aber ich würde sagen, Wilhelm war mehr der musisch begabte, der Texte auch wirklich umschreiben konnte und Jakob war mehr derjenige, der auf der Treue des Wortes bestand.

Der erste Band der Kinder- und Hausmärchen ist am 20.12.1812 erschienen, Weihnachten war auch schon damals am 24. Dezember. Muss man darin bereits eine geschickte Marketingstrategie sehen?

Das glaube ich nicht. Die Brüder Grimm haben zunächst viele Artikel und Buchbesprechungen herausgebracht und ab 1811 auch selbstständige Veröffentlichungen. Die Märchen wollten sie ursprünglich nicht selbst publizieren. Sie hatten die von ihnen gesammelten etwa 50 Märchenfragmente an Clemens Brentano geschickt, der sie dichterisch verarbeiten wollte. Aber dann sahen die Brüder Grimm, dass Brentano keine Anstalten machte, etwas zu veröffentlichen. Daraufhin sind sie umgeschwenkt und haben im Lauf des Jahres 1812 begonnen, die Geschichten selbst zusammenzustellen und herauszubringen. Wenn man diesen ersten Band ansieht, ist das noch eine recht holprige Mischung aus Wissenschaft und Unterhaltung.

Von Auflage zu Auflage haben sie ihre Märchensammlung dann aber immer wieder bearbeitet. Was passierte dabei?

Alle Jahre wieder ist auch diese Grimm-Adaption sehr erfolgreich: "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" gehört in vielen Familien zur Weihnachtstradition.
Alle Jahre wieder ist auch diese Grimm-Adaption sehr erfolgreich: "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" gehört in vielen Familien zur Weihnachtstradition.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Es stellte sich heraus, dass diese Kinder- und Hausmärchen im Vergleich zu anderen Sammlungen ein Erfolg waren. Die Brüder Grimm konnten den Verleger von einer zweiten Auflage überzeugen, in der die wissenschaftlichen Angaben separiert werden sollten. Das ist dann auch geschehen. Zeitgleich hatte aber Wilhelm Grimm offenkundig die erste Auflage kritisch durchgesehen und Texte eliminiert, die seiner Meinung nach zu stark vom Ausland her beeinflusst waren. Die Märchen, die drinblieben, wurden von ihm so umgearbeitet, dass man die zum Teil ebenfalls vorhandenen ausländischen Wurzeln nicht mehr erkennen konnte. Das betrifft zum Beispiel den "Froschkönig" oder "Dornröschen". Geschichten, die thematisch häufiger vertreten waren, wie Erzählungen mit einem Tierbräutigam, wurden reduziert. Dafür wurden andere Geschichten mit hineingenommen, die sie inzwischen noch kennengelernt hatten. Ab 1819 war zum Beispiel "Hans im Glück" enthalten, eine Geschichte, die ein Jahr zuvor in einer literarischen Zeitschrift veröffentlicht worden war. Oder die "Bremer Stadtmusikanten".

Wahrscheinlich kennt jeder ein Märchen, das ihn besonders berührt hat oder immer wieder bezaubert. Welches ist das bei Ihnen?

Ich habe so viele Märchen gelesen, dass ich eigentlich kein Lieblingsmärchen habe. Aber mich hat immer besonders die Geschichte von "Hans im Glück" interessiert. Dieser Hans ist ja eine sehr ambivalente Figur, in den Augen des Bürgers ist er ein Dummkopf, ein Tölpel, der alles, was er an Gut und Geld hat, verspielt. Andererseits ist er aber auch ein Mensch, der sich mit den Situationen immer wieder neu auseinandersetzt und sie dann für sich als positiv empfindet. Mit dieser Zufriedenheit kann er durchs Leben gehen. Diese Momente hat  jeder von uns, dass Probleme bewältigt werden müssen, um dann eine neue Weltsicht zu finden.

Ist das der Beweis, dass Märchen nicht nur etwas für Kinder sind?

Märchen sind, wie es schon die Brüder Grimm geschrieben haben, nicht nur Kindermärchen, sondern Hausmärchen, also für das ganze Haus. Deshalb gibt es auch für Kinder weniger geeignete Stücke, die dann sehr moralisch sind, was heute nicht mehr so ankommt. Es ist eben eine Erzählgattung, die nicht nur Fantasiegeschichten verarbeitet hat, sondern auch Geschichten aus der Realität.

Sind Märchen inzwischen altmodisch?

Nein, das sehe ich nicht so. Der Markt ist da unglaublich vielfältig und die Märchen revitalisieren sich auch immer wieder. Wenn man "Märchen" googelt, bekommt man über 27 Millionen Ergebnisse.

Gibt es denn noch neue Märchen?

Ja, die gibt es schon, aber bisher haben die sich alle nicht halten können. Wir haben gute Ansätze in den fantastischen Romanen, die Tolkien verfasst hat, der "Herr der Ringe" usw. Und auch in den Harry-Potter-Geschichten von Joanne K. Rowling. Man wird aber erst in 20 oder mehr Jahren sehen, ob sie dann immer noch gern gelesen werden.

Mit Hans-Jörg Uther sprach Solveig Bach

Quelle: n-tv.de

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