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Gewalt, vor allem gegen Frauen, ist ein wiederkehrendes Thema in den Mörderballaden - Abbildung aus "In the Pines".
Gewalt, vor allem gegen Frauen, ist ein wiederkehrendes Thema in den Mörderballaden - Abbildung aus "In the Pines".(Foto: Erik Kriek / Avant Verlag 2016)

Comics über Krieg, Mord und Rache: Komm auf die dunkle Seite des Lebens

Von Markus Lippold

Schwarze Striche, dunkle Schatten: Mit einfachen Mitteln können Comics düstere Stimmungen erzeugen. Angesichts der Geschichten, die hier erzählt werden, passt das: Es geht um Kriegsgräuel, Gewalttaten - und einen Literaturklassiker.

Rast unter einem "Galgenbaum" - aber auf dem Hügel scheint die Sonne. (Klicken zum Vergrößern)
Rast unter einem "Galgenbaum" - aber auf dem Hügel scheint die Sonne. (Klicken zum Vergrößern)(Foto: Lukas Kummer / Zwerchfell Verlag 2015)

Der Dreißigjährige Krieg verwüstete ganze Landstriche. Er war so verheerend, dass er in Deutschland über Jahrhunderte zum Inbegriff für Kriegsgräuel wurde. Dass man aber nicht Kämpfe und Waffen zeigen muss, um die Grausamkeit dieses Krieges darzustellen, beweist Lukas Kummer mit seinem bedrückenden Comic "Die Verwerfung": Zwei Figuren wandern umher, abgemagert, ausgelaugt und auf den ersten Blick ziellos. Der Ältere - Harald - hat selbst gekämpft. Er weiß, wie schwierig es ist, in dieser Zeit zu überleben. Das Kämpfen hat ihn hart gemacht, auch gegen seinen jüngeren Bruder Jakob.

Er hat das Kind im Schlepptau, passt auf ihn auf, so gut es geht. "Wenn du nicht mehr kannst, dann bleibst du hier. Dann kannst du im Schnee verrecken", sagt er gleich am Anfang zu ihm. Der Jüngere ist zum Träumer geworden, er interessiert sich für die Sterne. Die beiden durchziehen verwaiste Landstriche, rasten unter Galgenbäumen, an denen Leichen hängen. Sie durchwühlen geplünderte Bauernhöfe, auf der Suche nach ein klein bisschen Essen - zur Not Würmer. Doch sie müssen sich auch vor marodierenden Banden verstecken, die im Winter rauben und morden - das eigentliche Kriegsgetümmel ruht.

"Die Verwerfung" ist bei Zwerchfell erschienen, 120 Seiten im Hardcover, 20 Euro.
"Die Verwerfung" ist bei Zwerchfell erschienen, 120 Seiten im Hardcover, 20 Euro.

Kummers Strich ist so karg wie das Land entvölkert. Schwarze Umrisse und Schatten bestimmen die Bilder. Immer wieder verzichtet er auf Hintergründe. Denn die beiden Figuren stehen im Vordergrund: Sie sprechen über den Krieg, über das Morden, das Überleben und über Haralds Geheimnis. Immer wieder wird dabei das letzte bisschen brüderliche Zärtlichkeit auf die Probe gestellt. Durch die Dialoge skizziert Kummer nicht nur die Umstände des Krieges Mitte des 17. Jahrhunderts, sondern auch eine Gesellschaft, in der Moral keinen Platz mehr hat - was er durch die Zeichnungen noch verstärkt. "Die Verwerfung" ist kein Geschichtsbuch, erzählt aber trotzdem viel über diese Zeit. Der Comic ist sehr düster, aber trotzdem eine sehr gelungene Reflexion darüber, was Krieg aus Menschen macht.

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Musikalische Mörder

Die eigenen Taten holen den Mörder wieder ein und plagen das Gewissen mit Visionen.
Die eigenen Taten holen den Mörder wieder ein und plagen das Gewissen mit Visionen.(Foto: Erik Kriek / Avant Verlag 2016)

Im Vergleich dazu geradezu fröhlich scheint "In the Pines" von Erik Kriek. Zwar geht es hier ausnahmslos um Mörder, allerdings mit popkulturellem Hintergrund: Es sind Adaptionen sogenannter Murder Ballads, einem Genre US-amerikanischer Folkmusik, bei dem es - wenig überraschend - um Mord und Totschlag geht. Schon der Titel "In the Pines" verweist darauf, man kennt den Song auch als "Where Did You Sleep Last Night" von Nirvanas "Unplugged"-CD. Seltsamerweise hat der Song im Buch kein eigenes Kapitel bekommen, dafür aber etwa "Pretty Polly", "Caleb Meyer" und "Where the Wild Roses Grow", der große Hit von Nick Cave und Kylie Minogue. Kriek widmet seine Geschichten also sowohl Traditionals als auch modernen Songs - sie alle finden sich auch auf der beigefügten CD in Versionen der Blue Grass Boogiemen.

Da die Texte der Lieder oft zugespitzt sind, hat Kriek seiner Fantasie freien Lauf gelassen und sie zu Geschichten ausgebaut. Was diese eint: Die Protagonisten können ihrem Schicksal nicht entkommen. Selbst wenn sie unschuldig büßen müssen wie in "The Long Black Veil": Da wird ein Mann wegen eines Mordes gehängt, den er nicht begangen hat. Vor Gericht verweigerte er die Aussage, um seine verheiratete Geliebte nicht zu belasten, bei der er während der Tatzeit war. Anders in "Taneytown", wo ein Schwarzer im Mittelpunkt steht, der aus Notwehr einen Weißen ersticht. Gelyncht wird jedoch ein anderer, der mit der Sache nichts zu tun hatte. Die Geschichte besticht zudem mit Verweisen auf den Ersten Weltkrieg, in dem der Bruder des Protagonisten kämpfte.

"In the Pines: 5 Murderballads" ist bei Avant erschienen, 128 Seiten im Hardcover inkl. 6-Song-CD, 24,95 Euro.
"In the Pines: 5 Murderballads" ist bei Avant erschienen, 128 Seiten im Hardcover inkl. 6-Song-CD, 24,95 Euro.

Düster sind diese Balladen, sie dekonstruieren den heldenhaften Gründungsmythos der USA. Denn neben Mord geht es auch um Rassismus, um die allgegenwärtige Gewalt gegen Frauen - die in fast jeder Geschichte eine entscheidende Rolle spielt -, es geht um Aberglauben und Moralismus. Dazu passen Krieks schwarz-weiße Zeichnungen. Vor allem bei den Figuren kennt der Comic-Künstler keine Gnade: In ihren Gesichtern spiegeln sich Leidenschaft und Eifersucht, Angst, Schrecken und Wahn. Krieks Strich ist allerdings eher weich und geschwungen, was den Bildern insgesamt die Härte nimmt. Dieser Eindruck wird durch die zurückhaltende, einfarbige Kolorierung verstärkt. Auch wenn viele der Balladen auf wahren Ereignissen beruhen - Kriek ist sich des popkulturellen Hintergrunds seines Comics bewusst. Die Mörderballaden wirken bei ihm eher wie Schauergeschichten. Was kein Wunder ist: In Deutschland erschienen von ihm zuletzt Comic-Adaptionen von H.P. Lovecraft.

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Das Meer verheißt nichts Gutes

"Tod dem Moby Dick": Kapitän Ahab schwört seine Crew auf seine Rachegelüste ein.
"Tod dem Moby Dick": Kapitän Ahab schwört seine Crew auf seine Rachegelüste ein.(Foto: Christophe Chabouté / Egmont Graphic Novel 2015)

"Moby Dick" - noch so ein Klassiker der Weltliteratur, der die Jahrhunderte überdauert. Noch Captain Picard wird ja daraus zitieren, als sein Raumschiff Enterprise mit den Borg konfrontiert wird. Alle anderen haben den Roman von Herman Melville natürlich bereits gelesen, schon wegen der detaillierten Darstellung des Walfangs im 19. Jahrhundert. Oder nicht? Dass faulen Lesern gerne mal Comics als Ersatz angeboten werden, ist schade, denn sie sind - wie Filme - mit der Vorlage eigentlich nur schwer zu vergleichen, da sie auf anderen Wegen erzählen. So sie nicht zur bloßen Nacherzählung werden, haben sie ihre ganz eigene Daseinsberechtigung.

Das gilt auch für die "Moby Dick"-Adaption von Christophe Chabouté. Er hat die Vorlage entschlackt, natürlich. Puristen dürfte das auf die Palme bringen. Aber das Buch ist damit auch stringenter, weil sich der französische Comiczeichner auf die erzählerische Handlung beschränkt und Melvilles wissenschaftliche und philosophische Ausuferungen weglässt. Das macht Chabouté eng am Vorbild, jedem Kapitel ist sogar ein Satz aus dem Roman vorangestellt. Es geht also um die Jagd nach Moby Dick, den weißen Wal, der Kapitän Ahab ein Bein weggebissen hat. Der Wahn ist dem Kapitän ins Gesicht geschrieben- und seiner Besatzung der Schrecken darüber. Je näher die Pequod der Rache Ahabs kommt, desto furchenreicher ist sein Gesicht, desto zerzauster sein Haar.

"Moby Dick" ist bei Egmont Graphic Novel erschienen, 256 Seiten im Hardcover, 29,99 Euro.
"Moby Dick" ist bei Egmont Graphic Novel erschienen, 256 Seiten im Hardcover, 29,99 Euro.(Foto: Christophe Chabouté / Egmont Graphic Novel 2015)

Chabouté taucht sein Buch in Schwarz und Weiß, kein Grauton stört den Grad zwischen Genie und Wahnsinn, der Ahab umfängt. Mal geht der Zeichner dabei äußerst schroff vor, lässt durch Licht und Schatten scharfe Kontraste entstehen - das tiefschwarz gezeichnete Meer etwa verheißt nichts Gutes. Mal sind die Zeichnungen aber auch sehr detailliert, etwa bei der Darstellung des Schiffs - also doch ein Rückgriff auf Melvilles wissenschaftliche Genauigkeit. So entstehen starke Bilder und sorgsam komponierte Seiten, die den Leser ohne Mühe in die Handlung ziehen. Problematisch ist allenfalls, dass man irgendwann alle Ausformungen düsterer, faltiger Männergesichter gesehen hat - davon gibt es sehr viele, was irgendwann ermüdend ist. Aber dann kommt ja der weiße Wal ins Spiel. Chaboutés "Moby Dick" ist keine Ausrede, den Roman nicht zu lesen, sondern eine gelungene Adaption mit eigener Berechtigung.

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Quelle: n-tv.de

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