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Kurz nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo": Catherine Meurisse versucht, sich an die ermordeten Kollegen zu erinnern.
Kurz nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo": Catherine Meurisse versucht, sich an die ermordeten Kollegen zu erinnern.(Foto: Carlsen Verlag, Hamburg 2017)
Sonntag, 08. Januar 2017

Überlebende von "Charlie Hebdo": Kunst siegt über Terror

Von Markus Lippold

Beim Anschlag auf "Charlie Hebdo" vor zwei Jahren verliert Catherine Meurisse nicht nur viele ihrer Kollegen. Sie fällt auch in ein tiefes Loch. In einem Buch beschreibt sie ihren Weg zurück ins Leben: mit Kunst, Natur und Schönheit.

Taktaktak Taktaktak Taktaktak. "Die werden im Redaktionszimmer in die Luft geschossen haben", denkt Catherine Meurisse. Sie hockt in einem Büro am Boden und hört die Schüsse, die nebenan in den Räumen von "Charlie Hebdo" fallen. Dort hätte sie jetzt sein müssen, hätte sie sich nicht verspätet. Taktaktak.

Meurisse war zehn Jahre lang Mitglied der Redaktion von "Charlie Hebdo" - nach dem Anschlag verließ sie das Magazin, zeichnet aber nach wie vor eine Kolumne.
Meurisse war zehn Jahre lang Mitglied der Redaktion von "Charlie Hebdo" - nach dem Anschlag verließ sie das Magazin, zeichnet aber nach wie vor eine Kolumne.(Foto: Dargaud / Rita Scalia)

Nein, keine Schüsse in die Luft. Am 7. Januar 2015 stürmen die Brüder Chérif und Saïd Kouachi die Redaktion des Satiremagazins. Sie schießen mit Sturmgewehren. Zwölf Menschen sterben, darunter der Herausgeber Charb, die Zeichner Cabu, Tignous, Philippe Honoré und Georges Wolinski, weitere Mitarbeiter des Blatts sowie zwei Polizisten. Mindestens 20 Menschen werden teils schwer verletzt, viele sind traumatisiert.

Während weltweit eine Welle der Solidarität losbricht, Menschen "Je suis Charlie" proklamieren und die beiden Täter erschossen werden, bricht für Meurisse eine Welt zusammen. "Vorbei. Das war's mit der Zeichnerei", ist ihr Gedanke am nächsten Tag. Sie arbeitet noch an der ersten Ausgabe nach dem Anschlag mit, um dann völlig zusammenzubrechen. Sie verliert ihre Erinnerungen und sich selbst.

"Ich schwebe im Nichts"

Meurisse erlebt den Anschlag von einem benachbarten Büro aus.
Meurisse erlebt den Anschlag von einem benachbarten Büro aus.(Foto: Carlsen Verlag, Hamburg 2017)

Ausgerechnet "Die Leichtigkeit" heißt Meurisses Comic über ihre Aufarbeitung des Anschlags. Das ist schwer verständlich - bis man am Ende dieses intimen, beklemmenden, aber auch witzigen und befreienden Buches anlangt. "Leichtigkeit steht für all das, was ich am 7. Januar verloren habe, und was ich wiederzuerlangen suche", sagt Meurisse. Es ist ein langer, schwerer Weg, den sie in ihrer Graphic Novel beschreibt, die aus Comicszenen, Skizzen, Pastellzeichnungen und Aquarellen zusammengesetzt ist.

Am 7. Januar 2015 kam Meurisse zu spät zur wöchentlichen Redaktionssitzung, genau wie ihr Kollege Luz. Beide versteckten sich und überlebten. Luz verarbeitete sein Trauma in dem Buch "Katharsis". Nun tut es ihm Meurisse gleich. Beide Bücher haben durchaus Ähnlichkeiten: das "Taktaktak" der Maschinengewehre, den schnellen Strich oder die Zeichnungen ihrer verbogenen Körper, die sich unter dem seelischen Druck winden.

Erinnern die antiken Statuen nicht an Terroropfer?
Erinnern die antiken Statuen nicht an Terroropfer?(Foto: Carlsen Verlag, Hamburg 2017)

Doch es gibt auch Unterschiede: Meurisses Buch wirkt weniger stückhaft, auch wenn sie selber sagt, dass es aus Fragmenten bestehe - eine "Arbeit der Rekonstruktion, des Sammelns von Bruchstücken meiner selbst". Bruckstücke, die sie verloren hat: Kurz nach dem Anschlag verliert Meurisse ihre Erinnerungen - Bilder, Melodien, Bücher verschwinden. "Ich weiß nicht mehr, wer ich bin. Ich schwebe im Nichts", sagt ihre Figur an einer Stelle. Von "Dissoziation" spricht ihr Psychiater. Der permanente Polizeischutz belastet sie, die Albträume, der "Tsunami der Unterstützung" und die Medien, die sich auf jede noch so kleine Reaktion stürzen. Auch bei Luz finden sich solche Themen.

Doch viel stärker als im Werk ihres Kollegen webt Meurisse einen roten Faden in ihr Buch, der es besser lesbar macht, ausgereifter wirken lässt. Denn während Luz vor allem seine seelischen Qualen darstellt, geht es Meurisse um mehr: Rettung. Sie sucht sie in der Schönheit. "In den Tagen nach dem Attentat und das ganze Jahr 2015 hindurch, war ich unmittelbar und instinktiv wie besessen von Schönheit." Sie ist für sie ein Gegenpol zu Chaos und Gewalt. "Als Schönheit begreife ich die Natur, die Kultur und die Freundschaft."

"Mit gewaltig geweitetem Blick"

"Die Leichtigkeit" ist bei Carlsen erschienen, mit einem Vorwort von Philippe Lançon, 144 Seiten im Hardcover, 19,99 Euro.
"Die Leichtigkeit" ist bei Carlsen erschienen, mit einem Vorwort von Philippe Lançon, 144 Seiten im Hardcover, 19,99 Euro.

Sie flieht nach Cabourg ans Meer, in Erinnerung an ihren Lieblingsschriftsteller Marcel Proust. Sie geht ins Theater, wandert in den Bergen. Zur Katharsis jedoch wird Rom. Einen Monat verbringt sie in der Villa Medici, in der französische Künstler leben und arbeiten. Sie reist dorthin in der Hoffnung auf das "Stendhal-Syndrom", einer Überwältigung durch Kunst, die den Schock des 7. Januars tilgen soll. Und tatsächlich löst der Besuch ihre Erstarrung: "Ich entstieg ihr mit gewaltig geweitetem Blick, der mich mit vollem Bewusstsein die ganze Schönheit Roms, der Villa Medici, Italiens, der Künste, der Landschaft hat erfahren lassen", sagt Meurisse.

Jene letzten 40 Seiten, in denen die Zeichnerin ihren Rom-Besuch beschreibt, sind ein berauschender Blick auf die Kunst, dem Meurisse ihre seelischen Verletzungen gegenüberstellt. Sie steht vor antiken Statuen mit fehlenden Gliedmaßen und fühlt sich sofort an ihre dahingemetzelten Kollegen erinnert. Sie zeichnet sich selbst in berühmte Gemälde hinein, mit einem abgeschlagenen Schädel in der Hand, auf dem "Terrorismus" steht. In den Ruinen des alten Rom sucht sie nach dem Zeitlosen - und fühlt sich an das von Terroristen zerstörte Palmyra erinnert.

Meurisse geht einer interessanten Frage nach: Kann man Kunst und Schönheit dem Terror entgegensetzen? Für sich selbst bejaht sie das. Die Schönheit habe sie gerettet, indem sie ihr Leichtigkeit zurückgegeben habe. Sie meint die bleibende Schönheit von Literatur und Malerei, von Theater und Musik. Jene verstümmelten Statuen aus Marmor empfindet sie als würdevoll. In der Sixtinischen Kapelle bemerkt sie, dass Michelangelo den Hintern Gottes dargestellt hat - aber nie als Gotteslästerer angegriffen wurde. In den vielen Gemälden findet sie Gewalt und Unheil - aber auch Lust. Statt wie Stendhal einen ästhetischen Schock zu erleiden, ersetzen diese Bilder Stück für Stück ihr traumatisches Erlebnis.

Die inhaltliche Auseinandersetzung mit ihrem Seelenleben fängt Meurisse auch in ihren Zeichnungen auf. Die sind mal schnell hingeworfen, mal ausgefeilt, kommen mal ohne Worte aus, sind dann wieder lange Gespräche mit sich selbst oder ihren ermordeten Kollegen. Deprimierende Situationen mit gekritzelten Figuren wechseln sich ab mit nachdenklichen Momenten in ganzseitigen Pastellzeichnungen und Karikaturen mit dem typischen, sarkastischen "Charlie"-Humor. Erst in Rom findet der Comic Ruhe. In Schönheit, in der wunderbar gelungenen Aneignung klassischer Gemälde und Skulpturen. Die Gedanken der Zeichnerin finden wieder einen Rhythmus, eine Balance, die nicht nur Meurisse selbst, sondern auch die Leser erleichtert zurücklassen. Die Kunst hat den Terror besiegt.

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Quelle: n-tv.de

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