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Lesen kann auch Medizin sein.
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Syrien, Knast und Bakterien: Lesestoff, der schlauer macht

Die Bürgerkriege in Syrien und im Jemen sind für viele ebenso schwer zu durchschauen wie die Machtstrukturen der Mafia oder die Geheimnisse der Mikrobiologie. Glücklicherweise gibt es Experten, die ihr Fachgebiet dem Leser faszinierend näherbringen.

Der Westen und der Nahe Osten

Dieser Tage beginnen deutsche "Tornados" ihre Erkundungsflüge über Syrien. Sie sind Teil eines umstrittenen Bundeswehr-Einsatzes - nicht, weil es gegen den Islamischen Staat geht, sondern weil dem Einsatz nach Meinung vieler Kritiker die langfristige Strategie zur Friedensstiftung im Nahen Osten fehlt. Dass diese Einschätzung nicht von ungefähr kommt, zeigt Michael Lüders Buch "Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet". Nicht zufällig spielt der Titel auf einen Satz aus dem Alten Testament an: "Wer Wind sät, wird Sturm ernten." Denn westliche Politik im Nahen Osten, so Lüders' These knapp zusammengefasst, bewirkte in der jüngeren Geschichte stets das Gegenteil des eigentlichen Ziels. Statt Frieden zu schaffen, spitzten sich die Konflikte nur noch zu. Statt für Stabilität zu sorgen, machten die Interventionen vieles noch schlimmer.

"Wer den Wind sät", C.H. Beck, 175 Seiten, 14,95 Euro.
"Wer den Wind sät", C.H. Beck, 175 Seiten, 14,95 Euro.

Lüders ist ein ausgewiesener Nahost-Experte, der Journalist lebte und arbeitete lange selbst in der Region. So ist sein Buch eine profunde Geschichtsstunde, die beim Putsch gegen den iranischen Premier Mohammed Mossadegh 1953 beginnt. Die amerikanische CIA hatten einen wesentlichen Anteil, dass jener Mann gestürzt wurde, der die wirtschaftlichen Interessen etwa der US-Ölindustrie im Iran gefährdete. Die Folge: Der Iran wurde destabilisiert, was die islamische Revolution 1979 wesentlich begünstigte. In Afghanistan war später die Unterstützung der USA für die islamischen Mudschahedin im Kampf gegen die sowjetischen Invasoren die Grundlage für den späteren Krieg des Westens gegen Taliban und Al-Kaida. Und das Versagen der US-Besatzer im Irak schürte unnötig den Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten und förderte die Entstehung des Islamischen Staats.

Das sind nur drei der bekanntesten Beispiele für die verheerenden Folgen westlicher (vor allem US-amerikanischer) Politik in der Region. Lüders schafft es, sie auf wenigen Seiten zu skizzieren und den Bogen in die Gegenwart zu schlagen. Denn die Folgen jener Politik findet man derzeit in vielen Entwicklungen: den Bürgerkriegen in Syrien und im Jemen, den Auseinandersetzungen zwischen Saudi-Arabien und dem Iran, der zunehmenden Destabilisierung Afghanistans. Lüders Darstellung widmet sich zwar stellenweise zu einseitig der westlichen Schuld an heutigen Konflikten und lässt andere (auch innerstaatliche) Aspekte außen vor. Doch seine pointierten Thesen treffen ins Schwarze. Wer die heutige Lage des Nahen Ostens verstehen will, findet hier jede Menge Antworten. (mli)

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Wegschließen ist nicht die beste Lösung

"Das Knast-Dilemma" ist bei Bertelsmann erschienen und kostet 19,99 Euro
"Das Knast-Dilemma" ist bei Bertelsmann erschienen und kostet 19,99 Euro

Ob die Zahl der Wohnungseinbrüche steigt, ob ein Mord passiert oder ob die Medien Gewalt von Jugendlichen thematisieren – wer versucht, dem Verbrechen beizukommen, landet oft bei der immer gleichen Antwort: härtere Strafen. Die Logik dahinter: Wer eine lange Haftstrafe befürchten muss, der überlegt sich seine Tat besser noch einmal. Und wenn er sie doch begeht, dann hat er umso mehr Zeit, auf den rechten Pfad zurückzufinden. So denken viele, doch sie machen einen Fehler, behauptet der Jurist und Sozialwissenschaftler Bernd Maelicke.

Maelicke erzählt in seinem Buch die Geschichte eines jungen Mannes namens Timo, dem sein Leben entgleitet und der wegen Einbruch und Körperverletzung ins Gefängnis kommt. Dort kann einer wie er ein Anti-Aggressionstraining und eine Ausbildung machen. Doch er lernt auch, wie er anderen gegenüber Stärke demonstriert und wie er sich mit den Clanchefs im Knast arrangiert. Er verliert seine Freundin. Als er entlassen wird, ist er verschuldet und hat ein Angebot, für die Mafia zu arbeiten.

In "Das Knast-Dilemma" schildert Maelicke, wie Gefängnisse als "Schulen des Verbrechens" funktionieren können und er macht Vorschläge, wie sich die Situation verbessern ließe, damit Täter nicht rückfällig werden. Das wäre im Sinne der Täter und im Sinne des Staates, der beim teuren Strafvollzug sparen könnte. Vor allem aber wäre es im Sinne der Menschen, die dadurch nicht zu Opfern werden. (che)

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Ein "lebendig Begrabener" erzählt

"Rache an Cosa Nostra" ist bei Bastei Lübbe, hat 400 Seiten und kostet 19,99 Euro.
"Rache an Cosa Nostra" ist bei Bastei Lübbe, hat 400 Seiten und kostet 19,99 Euro.

Am 21. September 1986 erschießt die Cosa Nostra in einer Bar im Süden Siziliens Dutzende Menschen. Giuseppe Grassonelli entkommt dem Blutbad nur durch einen Zufall. Sein Großvater, Onkel, Cousin und Freunde sterben im Kugelhagel. Grassonelli schwört Rache und entfesselt als einer der Bosse der sogenannten Stidda einen der brutalsten und tödlichsten Mafiakriege, die Sizilien jemals erlebt hat.

1992 wird Grassonelli mit 27 Jahren verhaftet. Als Kronzeuge will er nicht auftreten, das Urteil lautet "lebenslänglich ohne Möglichkeit auf vorzeitige Entlassung". Damit ist er ein "lebendig Begrabener": Er wird den Knast erst als toter Mann verlassen. In seiner Zeit im Gefängnis hat der mittlerweile 50-Jährige ein Philosophie- und Literaturstudium abgeschlossen. Inzwischen wisse er, dass es "Unrecht ist, jemanden umzubringen", und er sei "ein anderer Mensch" geworden, schreibt er in seinen Erinnerungen "Rache an Cosa Nostra".

In 62 Episoden erzählt Grassonelli in flottem Stil davon, dass er schon als Jugendlicher einen bewaffneten Raubüberfall nach dem nächsten beging, wie er als Falschspieler auf der Hamburger Reeperbahn das große Geld machte und es für ein Luxusleben inklusive schnellem Sex und schnellen Autos ausgab und wie er schließlich kaltblütig einen Feind der Familie nach dem anderen tötete. Die Biografie bietet aufschlussreiche Einblicke in Strukturen, in denen Blutrache, ein zweifelhafter Begriff von Ehre und ein tiefes Misstrauen in die Justiz scheinbar zwangsläufig in einem Strudel der Gewalt münden. (kse)

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Liebe als Familienrezept

"Familie" hat 288 Seiten und kostet 18,95 Euro.
"Familie" hat 288 Seiten und kostet 18,95 Euro.

Mit der Familie ist das so eine Sache. Sie ist der Hort der tiefsten Liebe, aber auch der der maximalen Erschöpfung und Frustration. Die glückliche Vater-Mutter-Kind-Runde aus der Margarine-Werbung ist allenfalls ein Sekunden-Ausschnitt aus dem realen Leben. Wie aber schafft man einfach Zusammenhalt bei all dem Unbehagen, das Eltern angesichts des ständig wachsenden Kommerz-, Leistungs- und Förderdrucks empfinden?

Für Reinhard Winter und Claudia Stahl ist die Liebe der entscheidende Faktor für den Familienzusammenhalt. Natürlich sind selbst gebastelte Geschenke, gemeinsam gekochte Mahlzeiten und gemeinsam verkuschelte Nachmittage Liebe. Aber auch: "Sich ärgern ist Liebe. Streiten ist Liebe. Grenzen markieren ist Liebe." Wie das funktionieren kann, erklären die Autoren in "Familie. Eine Gebrauchsanweisung". Fast 300 Seiten Anregungen für ein klares und liebevolles Miteinander, in dem alle Familienmitglieder zu ihren Recht kommen. (sba)

"Familie. Eine Gebrauchsanweisung" bei Amazon bestellen oder bei iTunes downloaden

Die leidigen Geschlechterrollen

Das Buch ist bei Metrolit erschienen und kostet 22 Euro.
Das Buch ist bei Metrolit erschienen und kostet 22 Euro.

"Bitte freimachen" hat Katrin Rönicke über ihre Anleitung zur Emanzipation geschrieben. Es ist ja nicht so, dass Frauen und Männer nicht theoretisch gleichberechtigt wären. Aber die Realität sieht dann eben doch anders aus. Denn die Geschlechterbilder in den Köpfen erweisen sich als ziemlich resistent. Das geht schon bei den Babysachen los, die inzwischen wieder überwiegend rosa oder hellblau sind. Es setzt sich beim Spielzeug fort. Nicht nur Lego, einst Vorreiter bei "Spielzeug für Kinder, zieht längst wieder klare Gendergrenzen.

Und bei der Karriereplanung, der Entscheidung für oder gegen Kinder, oder dem politischen Engagement wird es nicht besser. Von Alltagssexismus oder körperlichen Übergriffen ganz zu schweigen. Rönicke ist das Kind einer DDR-Mutter. Das prägt immer wieder ihren Blick. Ihr eigenes Frauenerleben stammt jedoch aus dem heutigen Deutschland und da geht es oft erschütternd altmodisch zu. Wer eine Ahnung davon bekommen will, wie es wäre, wenn sich jeder und jede ohne diese Festlegungen entfalten könnte, sollte dieses Buch lesen. (sba)

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Heilende Worte

Das Buch ist bei Rogner und Bernhard erschienen und kostet 22,95 Euro.
Das Buch ist bei Rogner und Bernhard erschienen und kostet 22,95 Euro.

Wer schon einmal ein Kind beim Lesen beobachtet hat, kann sehen, wie mühsam dieser selbstverständliche Vorgang erlernt werden muss. Tatsächlich gilt das Verbinden von Lauten und Zeichen als der vielleicht komplizierteste Prozess, zu dem unser Gehirn fähig ist. Das liegt unter anderem daran, dass es für das Lesen keinen spezifischen Bereich im Gehirn gibt. Es muss sich umstrukturieren und aus älteren Netzwerken neue Schaltkreise bilden, die diese unnatürliche Sache erst möglich machen. 

Die Literatur- und Theaterkritikerin Andrea Gerk hat versucht, der geheimnisvollen Wirkung des Lesens auf die Spur zu kommen. Ihre These: Worte können uns so tief verändern, dass sie sogar psychologische und emotionale Leiden lindern können. In diesem Sinne können sie sogar heilen. Gerk hat gute Gründe für ihre Theorie und nimmt den Leser mit auf eine außergewöhnliche Reise durch Literatur, Psychologie, Neurologie und Religion. Denn das Schlüsselwort der Leseforschung lautet Empathie. Die Forschung geht zurzeit davon aus, dass Lesen durch die für Mitgefühl verantwortlichen Spiegelneuronen erst möglich gemacht wird. Diese zeigen beim Lesen die gleiche Aktivität wie bei einem zwischenmenschlichen Kontakt. Anschließend lösen handlungsbezogene Worte die gleiche Reaktion im Gehirn aus, wie die Aktivität selbst.

Dass diese Erkenntnisse nicht nur theoretischer Natur sind, zeigt die Autorin anhand einer Vielzahl streng reglementierter Umgebungen. Ob Internat, Kloster, Psychiatrie oder Krankenhaus, Hier entfalten Bücher besonders ihre Kraft. Vor allem in den USA werden bereits große bibliotherapeutische Erfolge gefeiert. In Brasilien bekommen jugendliche Straftäter Haftverkürzungen, wenn sie Bücher lesen und reflektieren. Lesen ist also nicht nur ein hochspannender kognitiver Prozess sondern auch ein wichtiges Mittel zur Bildung von Persönlichkeit und Charakter – das ist eine biologische Tatsache. (wba)

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Eine kleine Filmgeschichte mit Fritz Lang

Fritz Lang - schon der Name weckt Ehrfurcht. Der Österreicher gehört zu den berühmtesten Regisseuren der Filmgeschichte, Werke wie "Metropolis" oder "M" sind Kinoklassiker. Norbert Grob hat genauer hingeschaut und legt mit "Fritz Lang: 'Ich bin ein Augenmensch'" eine umfassende Biografie vor. Detail- und anekdotenreich, vor allem aber unterhaltsam geschrieben schildert Grob die frühe Kinobegeisterung Langs in Wien - als die neue Kunstform gerade erst laufen lernte. Dann die Jahre in Berlin und Babelsberg, wo Lang Weltruhm erlangte. Schließlich sein Exil in den USA, die Versuche, in Hollywood Fuß zu fassen sowie die späten Jahre als Grandseigneur des Kinos, der von den Filmemachern der französischen Nouvelle Vague gefeiert wird. Stets verwebt Grob dabei das Privatleben des 1890 geborenen Lang, der immer wieder Affären mit Schauspielerinnen hatte, und sein Filmschaffen.

"Fritz Lang: 'Ich bin ein Augenmensch'", Propyläen Verlag, 448 Seiten, 26 Euro.
"Fritz Lang: 'Ich bin ein Augenmensch'", Propyläen Verlag, 448 Seiten, 26 Euro.

Viel Wert legt der Autor nicht nur auf die Darstellung von Langs Auftreten und seiner Art: vornehm-zurückhaltend, aber bestimmt auftretend und mitunter selbstherrlich. Grobs Recherchen ermöglichen auch tiefe Einblicke in die Planungen und Arbeiten an den Filmen, an Erfolgen wie Niederlagen. Im Hintergrund vermittelt Grob dadurch auch ein Stück Filmgeschichte, die von den frühen Versuchen über das Kino der Weimarer Republik und der Einführung von Ton- und Farbfilm bis zum Studiosystem Hollywoods reicht. Dies macht einen besonderen Reiz des Buches aus, denn Lang war stets eine prägende Figur, die sich für neue Entwicklungen interessierte. Vor allem seine Jahre in den USA sind äußerst spannend, als Lang seine weniger bekannten Filme schuf, gleichzeitig aber mit dem starren Studiosystem und seiner Existenz als Asylant haderte und sich immer wieder auch für andere Flüchtlinge einsetzte. Grobs Biografie ist nicht nur eine Pflichtlektüre für Filmfans. Sie macht auch Lust, nicht nur Langs Welterfolge noch einmal zu sehen, sondern gerade auch seine weniger bekannten Werke. (mli)

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Julia hat Trisomie 21

Fabien und Patricia freuen sich auf ihr zweites Kind. Sie sind gerade von Brasilien in Fabiens Heimat Frankreich gezogen, dort soll die Tochter zur Welt kommen. Die Ärzte sagen, alles sei in Ordnung. Doch als Julia geboren wird, ändert sich auf einen Schlag das Leben der Familie: Das Baby hat den Gendefekt Trisomie 21 - auch bekannt als Down-Syndrom. Vor allem Fabien fällt daraufhin in ein tiefes Loch: Er empfindet keine Liebe für seine kleine Tochter und schämt sich dafür. Er ist wütend auf die Ärzte, auf seine Frau, auf andere Paare mit gesunden Kindern. Für die Familie beginnt eine Tortur, die sie zu unzähligen Ärzten und Therapeuten führt. Doch dabei ändert sich langsam auch Fabiens Einstellung zu Julia.

"Dich hatte ich mir anders vorgestellt …" ist bei Avant erschienen, 248 Seiten, 24,95 Euro. In den einzelnen Kapiteln arbeitet Toulmé mit unterschiedlichen Farben (rechts eine Beispielseite).
"Dich hatte ich mir anders vorgestellt …" ist bei Avant erschienen, 248 Seiten, 24,95 Euro. In den einzelnen Kapiteln arbeitet Toulmé mit unterschiedlichen Farben (rechts eine Beispielseite).(Foto: Fabien Toulmé / Avant Verlag 2015 )

Fabien und Julia sind real: Der französische Ingenieur und Künstler Fabien Toulmé schildert in seinem autobiografischen Comic "Dich hatte ich mir anders vorgestellt …" die Erlebnisse vor und nach der Geburt seiner Tochter Julia. Es ist ein intimer und oft schonungslos ehrlicher Blick auf die eigenen Gefühle. Die einfachen, leicht zugespitzten Zeichnungen passen zum Ton der Handlung: Toulmé zeigt zwar die Ängste und Niedergeschlagenheit der Eltern, bewahrt sich dabei aber einen feinen Humor, der sich durch das Buch zieht. Er schildert zwar die Belastung durch ständige Arztbesuche - er nennt es sarkastisch "Handicap Land" -, fängt dies aber mit der liebevollen Darstellung der Figuren auf. Auch wenn das Buch vor allem durch seine berührende persönliche Perspektive besticht, ist es gleichzeitig ein lesenswertes Plädoyer für einen offenen, vorurteilsfreien Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigungen. (mli)

"Dich hatte ich mir anders vorgestellt …" direkt bei Amazon bestellen.

Der Traum der Bakterienzelle

Das Buch ist bei Wiley-VCH erschienen und kostet 29,90 Euro.
Das Buch ist bei Wiley-VCH erschienen und kostet 29,90 Euro.

Sie sind überall. Sie waren als erstes da. Sie haben höheres Leben auf unserem Planeten möglich gemacht und sorgen dafür, dass es möglich bleibt. Dennoch wissen viele Menschen kaum etwas über unsere winzigen Verwandten, die Bakterien und Archeen. Zwar gibt es schon zahlreiche Lehr- und Sachbücher zur dem Thema. Der Göttinger Mikrobiologe Gerhard Gottschalk aber wollte ein Buch schreiben, das beides sein soll. Ein Buch, das an der Schnittstelle von Studium und Leben steht. Deshalb unterteil er jedes Kapitel in einen Lektüreteil und einen faktenlastigen Teil für das Studium.

Auf fast 400 Seiten berichtet Gottschalk von den Ursprüngen des Lebens in Kratersee ähnlichen Verhältnissen, von LUCA, unserem gemeinsamen Vorfahr, vom Leben in Extremen, von Biosprit, Bakteriensex und bakterieller Kommunikation. Für Studenten werden detailliert Themen der klassischen Mikrobiologie wie Zellwand Aufbau, Biosynthesewege und Genetik behandelt. Authentisch wird das Buch durch Beiträge renommierter deutscher Wissenschaftler, wie etwa Antje Boetius, die ihre Arbeit erklären. Besonders stolz ist der Autor auf den Beitrag von Stefan Hell, der seine 2014 mit dem Nobelpreis gekrönte STED Mikroskopie erklärt.

Außerdem wird der Sachbuchteil immer wieder von kurzen Zwischenfragen im Plauderton aufgelockert. Ganz so, als würde man der eingespielten Unterhaltung zwischen einem Professor und seinem Lieblingsstudenten folgen. Das sollte aber nicht davon ablenken, dass der Inhalt sehr anspruchsvoll ist und vor allem chemisch ins Detail geht. Deshalb ist das Buch wohl vor allem für Leser mit naturwissenschaftlichem Vorwissen interessant. Trotzdem vermittelt das Buch, wie ungeheuer spannend es ist, eine Bakterienzelle dabei zu beobachten, wie sie alles tut, um ihren Traum zu erfüllen; den Traum, zwei Bakterienzellen zu werden. (wba)

"Welt der Bakterien, Archeen und Viren" bei Amazon bestellen

Quelle: n-tv.de

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