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Mark Reeder und Muriel Gray vor dem SO 36 in Berlin-Kreuzberg, 1983.
Mark Reeder und Muriel Gray vor dem SO 36 in Berlin-Kreuzberg, 1983.(Foto: Edel Books)

"Es war sehr, sehr geil": Lust & Sound in West-Berlin

Von Andrea Beu

Ein junger Brite kommt 1979 aus Manchester nach West-Berlin und stellt fest: "Berlin ist nicht schön, aber verdammt sexy!" Er stürzt sich in das wilde Leben und trifft alle, wirklich alle - von Blixa Bargeld bis Jim Rakete, vom Wahren Heino bis Die Ärzte. Aufregend!

Mark Reeder, der "uniformgeile" Brite, im Februar 2015 bei der Berlinale, vor der Premiere seines Films "B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin".
Mark Reeder, der "uniformgeile" Brite, im Februar 2015 bei der Berlinale, vor der Premiere seines Films "B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin".(Foto: imago/Future Image)

Ach ja, die Achtziger. Lange als hässliches, kaltes Jahrzehnt verschrien, sind sie in letzter Zeit häufig Thema und Mittelpunkt und werden als spannend und wild befunden - sei es in der TV-Serie "Deutschland 83" (für die RTL kürzlich sogar den Grimme-Preis bekam), in der Ausstellung "Geniale Dilletanten" (ja, richtig - in dem Fall nicht Dilettanten) im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe oder in zahlreichen Büchern wie etwa "Krach" von Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten. Oder auch in dem gerade am 28. März 2016 bei einer Party im Club SO 36 gefeierten dicken Erinnerungsband "SO 36 - von 1978 bis heute". Die Musikdokumentation "B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin", die bei der Berlinale 2015 vorgestellt wurde, beschreibt die wilden Jahre 1979 bis 1989 in der Mauerstadt aus der Sicht eines jungen Briten. Zum Film ist nun ein Buch erschienen, das "B-Book". Auf Deutsch und Englisch erzählt Mark Reeder, geboren 1958 in Manchester, in dem großformatigen Band, wie - und warum - er 1979 nach West-Berlin kam, wen er traf und was er dort erlebte.

Und er traf und erlebte nicht zu knapp. Ähnlich wie im Film versammelt das Buch alle nur denkbaren Protagonisten der West-Berliner Szene jener Jahre: Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten, laut Reeder "einer der schrägsten Vögel Berlins", der im Klamottenladen "Eisengrau" von Szenegröße Gudrun Gut als eine Art Untermieter auf einer Matratze schlief. Ebenjene Gudrun Gut, die "ununterbrochen neue Bands gründete", unter anderem Malaria ("Kaltes, klares Wasser") und auch die Einstürzenden Neubauten. Jim Rakete mit seinem Kreativlabor "Fabrik" in Berlin-Kreuzberg, der unter anderem Nina Hagen und Nena zum Erfolg verhalf. Die Ärzte und die Toten Hosen  - Letztere zwar aus Düsseldorf, aber damals sehr oft in Berlin. Die Toten Hosen hatte Reeder durch den "Wahren Heino" kennengelernt, nach seiner Aussage "der deutscheste Deutsche aller Deutschen"; er wurde schließlich ihr Soundmixer.

Der Krieg gegen den Schlaf

Joy Division mit Mark Reeder, 1980.
Joy Division mit Mark Reeder, 1980.(Foto: Edel Books)

Auch um Christiane F., das "Kind vom Bahnhof Zoo", kam Reeder natürlich nicht herum. Und auch nicht um Ratten-Jenny, Stilikone und Postkartenmotiv, die mal auf Martin Kippenberger losgegangen war - er warf sie daraufhin aus dem SO 36 (der Club-Legende, die gerade das bereits erwähnte, per Crowdfunding finanzierte Buch "36 Jahre SO 36" herausbrachte). Die Band Ideal mit ihrem genialen, ultimativen Berlin-Song "Ich steh' auf Berlin" darf ebenso wenig fehlen wie der Australier Nick Cave, der ein paar Jahre hier versumpfte. Er führte nach eigenen Aussagen mit Blixa Bargeld, der in seiner Band "Nick Cave and the Bad Seeds" spielte, einen "Krieg gegen den Schlaf": "We didn't go to sleep very much." Die Band Joy Division spielt eine größere Rolle - Reeder hatte sie zum einzigen Konzert der Stadt ins Kant-Kino geholt; die Veranstaltung im Januar 1980 wurde ein Flop, weniger als 150 Leute kamen. Der Band gefiel es trotzdem - im Song "Komakino", eine ihrer letzten Aufnahmen, verarbeitete sie ihre Berlin-Erfahrung. Wenige Monate später brachte Ian Curtis sich um.

Das "B-Book: Lust & Sound in West-Berlin" ist bei Edel Books erschienen. Gebunden, 224 Seiten, 100 Bilder, 39,95 Euro.
Das "B-Book: Lust & Sound in West-Berlin" ist bei Edel Books erschienen. Gebunden, 224 Seiten, 100 Bilder, 39,95 Euro.(Foto: Edel Books)

Es geht in die berüchtigte Kneipe Risiko an den Yorckbrücken, wo Blixa Bargeld auch hinterm Tresen stand, ins Loft am Nollendorfplatz, wo Monika Döring legendäre Konzerte veranstaltete, in den "Dschungel", laut Reeder der ultracoolste Laden in Berlin mit "trendy people" und in die Hausbesetzerszene in Kreuzberg. In Film und Buch lässt Reeder eine spannende, wilde Zeit auferstehen, in einer Stadt, die nach seiner Ansicht "nicht schön, aber verdammt sexy" war. Die ihn anzog wegen der großen Freiheit, die die Stadt bot, den unzähligen Möglichkeiten, sein Leben auch unkonventionell und mit wenig Geld zu führen. Und: "Es gab keinerlei Leidenschaft, die West-Berlin nicht befriedigte". So auch Reeders "Uniformgeilheit" - er deckte sich bei den Second-Hand-Läden und Trödlern mit ost- und westdeutschen, sowjetischen und Vorkriegsuniformen ein, es durfte auch mal ein FDJ-Hemd aus der DDR sein. Es scherte niemanden in der Stadt, wenn er so rumlief - und brachte ihm sogar Filmjobs bei Splatterfilmer Jörg Buttgereit ein.

Techno, Raves und Mauerfallrausch

Nach einer öden Phase der Stagnation und Niedergeschlagenheit Ende der Achtziger kam wieder frischer Schwung in die Stadt - durch Techno, die DJ-Kultur, Raves, die erste Loveparade im Juli 1989 auf dem Kurfürstendamm wurde es wieder aufregend. Dann fiel im November die Mauer und ein ganz neuer Rausch begann - der Osten der Stadt, den Reeder vorher schon oft und gern besucht hatte, stand offen, West-Berlin verlor seinen Insel-Status, eine neue Zeit brach an.

Die wilde, bunte Welt im doch oft so grauen, abgeranzten, runtergekommenen West-Berlin beschreibt Reeder mit großer Begeisterung und mit Witz. Es lohnt sich durchaus, die deutsche und die englische Fassung zu lesen (beide auf einer Seite, jeweils links und rechts), da beide sich oft ziemlich unterscheiden. Die aufregende Atmosphäre kommt aber in beiden Versionen gut rüber - Reeders Fazit im letzten Satz lautet: "Ich war dabei und es war sehr, sehr geil." (I was there and it was all pretty fucking geil!)

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Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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