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Guiseppina Vitale blickt zurück auf ein bewegtes bisheriges Leben.
Guiseppina Vitale blickt zurück auf ein bewegtes bisheriges Leben.

Die Mafia emanzipiert sich: "Mein Leben für die Cosa Nostra"

von Thomas Badtke

Die Mafia ist Giuseppina Vitales Welt. Von klein auf steht sie mit ihr in Kontakt. Schuld sind ihre Brüder, die sich nach und nach in einem Cosa-Nostra-Clan hocharbeiten - bis sie alle im Gefängnis sitzen. Nun schlägt Guiseppinas Stunde: Sie ist die erste und bisher einzige Mafia-Chefin der Welt.

Die italienische Mafia ist ein Männerding. Das weiß man aus TV-Serien, Kinofilmen und Büchern. Aber auch vor der organisierten Kriminalität macht die Emanzipation nicht halt: Es war nur eine Frage der Zeit, bis eine Frau die Spitze eines Mafia-Clans erobert. Ihre Geschichte ist als Buch herausgekommen, als spannende Biografie: "Ich war eine Mafia-Chefin - Mein Leben für die Cosa Nostra". Das Buch, erschienen im DVA, erzählt die bewegende Geschichte von Giuseppina Vitale, die es als erste und bisher einzige Frau überhaupt geschafft hat, einem Mafia-Clan vorzustehen, über Befehlsgewalt zu verfügen und damit Entscheidungen über Leben und Tod zu treffen. Und sie hat Blut an ihren Händen, wie sie selbst sagt. Aber der Reihe nach.

Giuseppina Vitale wird 1972 in Partinico geboren. Sie wächst in dem Dorf, rund 30 Kilometer von Palermo entfernt, im Kreis ihrer deutlich älteren Geschwister Leonardo, Vito, Michele und Nina auf. Ihr Vater arbeitet hart auf den eigenen Feldern, um die Familie zu ernähren. Hunger muss niemand leiden. Er betreibt nebenbei eine Viehzucht und weil er sich eines Tages einen Lamborghini-Traktor kauft und mit ihm seine Felder pflügt, nennen die Leute im Dorf die Familie nur die "Fardazzas" (Erdscholle).

Gefährliche Vorbilder

Von klein auf himmelt Giuseppina ihre älteren Brüder an. Sie vergöttert die drei, egal was sie auch anstellen. Und Kinder von Traurigkeit sind sie alle nicht. Sie kommen früh mit dem Gesetz und den "Bullen", wie alle Süditaliener die Polizei abfällig nennen, in Konflikt. Und sie sind aufbrausend. Nina und Guiseppina bekommen das sehr oft in Form von Prügeln zu spüren. Trotz allem liebt die kleine "Giusy" ihre Brüder.

Verbreitung u.a. der Cosa Nostra in Deutschland (Karte aus Francesco Forgione "Mafia Export").
Verbreitung u.a. der Cosa Nostra in Deutschland (Karte aus Francesco Forgione "Mafia Export").(Foto: Mafia-Export, Goldmann Verlag)

Sie hilft ihrem Vater bei der Feldarbeit und macht bereits als kleines Mädchen erste Botengänge für "Nardo" und Vito, die sich im Netz der Cosa Nostra verfangen haben und sich dort immer weiter hocharbeiten. Sie bringen ihr das Schießen bei: "Ich war noch klein, vielleicht acht oder neun Jahre", so Giuseppina, die daran nichts Schlechtes findet: "Pistolen und Revolver waren nichts Neues für mich. … Waffen faszinierten mich, es erschien mir, als verschafften sie ein Gefühl großer Sicherheit." Sie feuert mehrere Schüsse aus einem Revolver ab.

Ob es auch die letzten sind, verrät sie nicht. Doch bereits damals wird deutlich, dass die Jungen in der Familie die Zügel in ihren Händen halten. Widerworte werden nicht geduldet. Die Frauen machen den Haushalt. Schluss. Aus. Basta. Giuseppina muss nach der 8. Klasse die Schule verlassen, ihre Brüder wollen das so. Giuseppina darf sich nicht schminken, geschweige denn mit Jungen reden. Sie hält sich anfangs noch daran, schließlich will sie ihre "geliebten Brüder" nicht verärgern. Sie schaut noch immer zu ihnen auf.

"Nardo" und Vito sind längst feste Mafia-Größen in Partinico. Im Dorf nennt man die Familie hinter vorgehaltener Hand daher nur noch den "Fardazza-Clan". "Nardo" und Vito gehen über Leichen und so sind Gefängnisaufenthalte nicht selten. Ist der eine Bruder im Knast, schmeißt der andere die Geschäfte. Während der Haft hält die ganze Familie zusammen, die Feindbilder lauten dann "Bullen" und Staat.

Emanzipation?

Das Leben geht weiter: Feldarbeit, Botengänge für die Brüder, Gefängnisbesuche bei ihnen. Dennoch schafft es Giuseppina, sich eine eigene Familie aufzubauen. Sie heiratet, wird Mutter - und ist aber auch stolz auf den "eigenen Mafia-Bezirk" der Familie. Ihr Mann sieht es dagegen nicht gern, wenn sie mitten in der Nacht Botengänge für ihre Brüder machen muss. Sie versorgt sie in ihren wechselnden Unterschlüpfen, behält im Dorf Augen und Ohren für sie offen. Giuseppina will noch immer, obwohl längst erwachsen und mit einer eigenen Familie, dass ihre Brüder sich auf sie verlassen können, dass sie stolz auf "ihre kleine Schwester" sind.

Blick auf die Unglückstelle auf der Autobahn Palermo - Trapani, wo der Jurist und prominenteste Mafia-Jäger Italiens, Giovanni Falcone, am 23. Mai 1992 durch ein Bombenattentat getötet wurde. Laut Vitale kannten ihre Brüder die "Terroristen".
Blick auf die Unglückstelle auf der Autobahn Palermo - Trapani, wo der Jurist und prominenteste Mafia-Jäger Italiens, Giovanni Falcone, am 23. Mai 1992 durch ein Bombenattentat getötet wurde. Laut Vitale kannten ihre Brüder die "Terroristen".(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Eines Tages sitzen alle Brüder in Haft, auch wegen der Zugehörigkeit zu einer mafiösen Vereinigung. Nun ist es an Giuseppina, das Heft des Mafia-Handels in die eigenen Hände zu nehmen. Mit einem Freibrief ihrer Brüder übernimmt sie in deren Abwesenheit die Geschäfte: Organisiert die Schutzgeldbeschaffung, verteilt die "Löhne" - und versucht sich bei konkurrierenden Mafia-Clans Respekt zu verschaffen.

"Für mich bedeutete das, Augen und Ohren immer offen zu halten, grundsätzlich niemandem zu trauen, für zwei, für drei zu denken, vorherzusehen, zu rechnen, vorausschauend zu sein, während mein anderes Leben seinen ganz normalen Gang ging", erzählt sie. Giuseppina ist "stolz" auf ihre Arbeit - und es klebt Blut an ihren Händen. Sie hat den Auftrag für einen Mord gegeben.

So kommt es, dass auch Giuseppina 2003 hinter Gittern landet. Dort besucht sie eines Tages ihr Sohn. Er ist sechs Jahre alt und fragt sie, warum sie ins Gefängnis gekommen sei und: "Mama, was ist die Mafia?" Erst da beginnt Guiseppina, sich Gedanken über ihr Leben zu machen. Als sie im Gefängnis noch von einem anderen Insassen bedrängt wird, entschließt sie sich zu einem Neuanfang und erklärt sich zur Zusammenarbeit mit der Polizei bereit. Sie wird "Pentita" - eine Kronzeugin - und bekommt eine neue Identität. Ihre Brüder und auch ihre Familie können es nicht verstehen. Sie brechen mit ihr. Ihre Brüder drohen ihr mit dem Tod.

Interessant - mit kleinen Fehlern

Die Journalistin Camilla Costanzo verfolgt den Fall, ist fasziniert von der Person und versucht, sich mit Giuseppina zu treffen. Die staatlichen Stellen genehmigen es und auch zwischen den beiden Frauen besteht nach einem ersten kurzen Aufeinandertreffen so etwas wie gegenseitiges Vertrauen. Constanzo schreibt Giuseppinas Geschichte nieder: "Ich war eine Mafia-Chefin - Mein Leben für die Cosa Nostra" ist das Ergebnis.

Das Buch ist bei DVA erschienen. Aktuelle Bilder der Autorin gibt es nicht, da sie im Zeugenschutzprogramm steht.
Das Buch ist bei DVA erschienen. Aktuelle Bilder der Autorin gibt es nicht, da sie im Zeugenschutzprogramm steht.(Foto: DVA)

Herausgekommen ist eine Autobiografie, die spannend und detailreich das Leben von Giuseppina Vitale erzählt und auch den einen oder anderen Einblick in die Organisation und die Vorgehensweise eines Mafia-Clans der Cosa Nostra zulässt. Authentisch wird das Leben in den 1980ern und 1990ern in Süditalien geschildert.

Nur am Ende offenbart das Werk einige Schwächen: Giuseppina, die ein Leben lang ihre Brüder angehimmelt hat, verrät sie von heute auf morgen an den ansonsten so gehassten Staatsapparat. Die eigenen Jahre in der Haft finden im Buch zudem kaum statt. Auch dass die Frage ihres Sohnes nach der Mafia, auf die sie zunächst keine Antwort weiß und über die sie nachgrübelt, der Hauptbeweggrund für ihren "Verrat an der Familie" sein soll, erscheint irgendwie zu hollywoodesk, deutet aber darauf hin, dass eine Verfilmung des Stoffes durchaus im Bereich des Möglichen liegt.

Was bleibt, ist am Ende ein lesenswertes Mafia-Buch, das zwar nicht an Roberto Savianos "Gomorrha" oder an Francesco Forgiones "Mafia Export" herankommt, aber dennoch seine Leser in den Bann zu ziehen vermag.

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Quelle: n-tv.de

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