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Dahmer auf einem Polizeifoto von 1982 - damals war er wegen Exhibitionismus verhaftet worden.
Dahmer auf einem Polizeifoto von 1982 - damals war er wegen Exhibitionismus verhaftet worden.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Aus der Jugend von Jeffrey Dahmer: Mein Schulfreund, der Serienmörder

Von Markus Lippold

Jeffrey Dahmer wurde als "Milwaukee Monster" bekannt. Vor genau 35 Jahren tötete er den ersten Menschen, mindestens 16 weitere folgten. Doch nicht nur das: Er vergewaltigte die Leichen und aß sie teilweise auf. Als Dahmer 1991 verhaftet wurde, war Derf Backderf schockiert: Er saß in der Schule neben ihm. In einem Buch beschreibt er nun Dahmers trostlose, einsame Jugend.

Ein Anhalter wird Dahmers erstes Opfer. Über das genaue Datum gibt es verschiedene Angaben - Backderf schreibt vom 18. Juni 1978.
Ein Anhalter wird Dahmers erstes Opfer. Über das genaue Datum gibt es verschiedene Angaben - Backderf schreibt vom 18. Juni 1978.(Foto: John Backderf / Walde+Graf bei Metrolit)

Im Juni 1978, wenige Wochen nach seinem Schulabschluss, nimmt Jeffrey Dahmer den Anhalter Stephen Hicks mit, der gerade von einem Rockkonzert kommt. Dahmer lädt ihn zu Bier und Gras bei sich zu Hause ein. Dort schlägt er ihn mit einer Hantel nieder und stranguliert ihn. Was dann folgt, ist die Erfüllung lange unterdrückter, brutaler sexueller Fantasien - Dahmer masturbiert, während er die Leiche streichelt und sie später kastriert. Es ist Dahmers erster Mord. Mindestens 16 weitere folgen, ehe er 1991 gefasst und verurteilt wird.

Als der Name des Serienmörders bekannt wird, ist Derf Backderf schockiert. Der Comiczeichner und Karikaturist kennt Dahmer aus der High School, saß im Klassenzimmer neben ihm. Kurz nach Dahmers Verhaftung beginnt er, Material über den ehemaligen Klassenkameraden zu sammeln. Mehrere Kurzgeschichten entstehen, jedoch ohne durchschlagenden Erfolg. Erst 20 Jahre später kann Backderf eine Graphic Novel nach seinen Vorstellungen veröffentlichen: In "Mein Freund Dahmer", das auf Deutsch bei Metrolit erscheint, schildert der Zeichner die gemeinsame Schulzeit, die mit jenem ersten Mord endet.

Als Jugendlicher interessiert sich Dahmer für tote Tiere.
Als Jugendlicher interessiert sich Dahmer für tote Tiere.(Foto: John Backderf / Walde+Graf bei Metrolit)

Dabei setzt das penibel recherchierte Buch weder auf Voyeurismus, noch auf Effekthascherei. Backderf geht es weder darum, Dahmer zu dämonisieren, noch seine Taten in irgendeiner Weise zu entschuldigen. Vielmehr schildert er in chronologisch geordneten Episoden auf bedrückende, teils auch erschreckende Weise das Schicksal eines Außenseiters in der amerikanischen Provinz.

Backderf begegnet Dahmer erstmals in der siebten Klasse einer Junior High School im ländlichen Ohio. Er beschreibt ihn als "Niemand", "einen von den scheuen Typen, die zum Sozialkrüppel werden, sobald die Pubertät zuschlägt". Die Schule ist damals aufgrund des Babybooms überfüllt. Wer nicht dazugehört, wird gnadenlos niedergemacht - so wie Dahmer. Er ist ein Außenseiter, der im Schulbus genauso alleine sitzt wie in der Cafeteria. Er ist zwar Mitglied im Tennisclub und spielt im Schulorchester, doch Freunde hat er keine.

"Abstieg in die Hölle"

Einer Leidenschaft geht Dahmer freilich nach: Er interessiert sich für Tiere. Für tote Tiere. Zunächst hat er nur eine Insektensammlung, doch bald schon sammelt er überfahrene Kadaver und untersucht sie. Sein Vater, ein Chemiker, hat ihm gezeigt, wie man sie in Säure auflöst oder in Gläsern haltbar macht. Auch aufgrund dieses Hobbys gilt Dahmer bei Gleichaltrigen als Freak.

Für Aufsehen sorgt er auch durch seine gespielten Anfälle - sehr zur Freude einiger Klassenkameraden.
Für Aufsehen sorgt er auch durch seine gespielten Anfälle - sehr zur Freude einiger Klassenkameraden.(Foto: John Backderf / Walde+Graf bei Metrolit)

Dieses Image verstärkt sich, als Dahmer, Backderf und andere Freunde auf die Revere High School wechseln. Dort wird Backderf erstmals richtig auf Dahmer aufmerksam, weil der spastische Ticks vortäuscht: Er verschränkt seine Arme, verkrampft seinen Kiefer und gibt eigenartige Laute von sich. Die Bewegungen könnte er sich vom Innenarchitekten der Familie abgeschaut haben, der an Infantiler Zerebralparese leidet, oder von seiner Mutter, die regelmäßig spastische Anfälle hat. Einige Mitschüler, darunter Backderf, sind von diesem Verhalten so fasziniert, dass sie den sogenannten Dahmer-Fanclub gründen und den skurrilen Außenseiter zu ihrem "Maskottchen" machen, wie es Backderf ausdrückt. Dahmer hat erstmals so etwas wie Freunde, auch wenn er letztlich ein Außenseiter bleibt, über den sich die anderen lustig machen.

Doch noch etwas verändert sich in der Pubertät: Dahmer entdeckt seine Homosexualität. Für einen Jugendlichen in einer amerikanischen Kleinstadt der 70er Jahre bedeutet das vor allem eins: Selbstverleugnung. Dahmer spricht mit niemandem darüber. Zumal er perverse Fantasien entwickelt: Seine Liebhaber sind tote Männer. Woher diese Vorstellungen kommen, kann Backderf nicht erklären. Nicht einmal Dahmer konnte das: "Ich weiß nicht, woher diese Fantasie kommt", sagte er später in einem Interview. "Ich werde es wohl nie wissen." Fest steht: Die Vorstellungen quälen ihn. Einmal lauert Dahmer sogar einem Jogger auf, der immer wieder an seinem Haus vorbeiläuft. Er will ihn bewusstlos schlagen, um die totale Kontrolle über ihn ausüben zu können. Dass der Läufer an diesem Tag nicht erscheint, rettet ihm vermutlich das Leben.

Zum Ende der Schulzeit verfällt Dahmer (M.) immer mehr dem Alkohol. Backderf (am Steuer) ist das langsam unheimlich.
Zum Ende der Schulzeit verfällt Dahmer (M.) immer mehr dem Alkohol. Backderf (am Steuer) ist das langsam unheimlich.(Foto: John Backderf / Walde+Graf bei Metrolit)

Gleichwohl: Für Backderf begann damit Dahmers "Abstieg in die Hölle". Zumal es gleichzeitig zu Hause Probleme gibt. Dahmers Mutter, die an Anfällen, Depressionen und Panikattacken leidet, ist medikamentenabhängig. Die Ehe der Eltern ist am Ende, die lautstarken Streits setzen Dahmer zu - zu einer Zeit, als ihn seine beginnende Sexualität bereits genügend verunsichert. Er flüchtet sich in den Alkohol. Im letzten Schuljahr, so beschreibt es Backderf, ist Dahmer dann ständig blau. Er kapselt sich vollständig ab, sein Verstand hängt "an einem seidenen Faden" - den Mitschülern ist er da schon nicht mehr geheuer, die Ausbrüche steigern sich vom Skurrilen ins Gruselige. Während seine Klassenkameraden schließlich nach dem Schulabschluss eifrig Zukunftspläne schmieden, versinkt Dahmer vollends in Dunkelheit. Zwei Wochen nach dem letzten Schultag nimmt er dann einen Anhalter mit - er wird sein erstes Opfer.

Im Gefängnis erschlagen

Mit diesem ersten Mord endet das Buch. Im Anhang freilich umreißt Backderf den weiteren Verlauf: Für ein paar Jahre schlingert Dahmer ziellos durchs Leben. Aus der Army, die ihn zeitweise auch nach Deutschland schickt, wird er wegen seiner Alkoholsucht unehrenhaft entlassen. Der zweite Mord folgt mehr als neun Jahre nach dem ersten, danach gibt es kein Halten mehr: Ab 1987 ermordet Dahmer 16 Menschen, allein 1991 sind es 8. Er wird schließlich gefasst, weil eines seiner Opfer fliehen kann. In seiner Wohnung findet die Polizei Dutzende Fotos von Leichen sowie die Überreste mehrerer Männer. 1992 wird Dahmer zu 15-mal lebenslänglich verurteilt. Im Gefängnis wird er zum wiedergeborenen Christen. 1994 ermordet ihn ein Mithäftling - Dahmer wird mit einer Hantel erschlagen.

"Mein Freund Dahmer" ist bei Metrolit erschienen, übersetzt von Stefan Pannor, mit einem Nachwort von Lutz Göllner. Die 224 Seiten in Broschur kosten 22,99 Euro (D).
"Mein Freund Dahmer" ist bei Metrolit erschienen, übersetzt von Stefan Pannor, mit einem Nachwort von Lutz Göllner. Die 224 Seiten in Broschur kosten 22,99 Euro (D).

Ohne Frage: "Mein Freund Dahmer" geht an die Nieren. Schonungslos schildert Backderf die realen Ereignisse, ohne Pathos und Umschweife. Er verlässt sich dabei nicht auf Gerüchte oder Vermutungen, sondern schlägt einen dokumentarischen Ton an. Neben den eigenen Erinnerungen fließen auch Interviews mit etlichen Schulfreunden, Nachbarn und Lehrern in die Geschichte ein. Zudem durchsuchte Backderf die Archive lokaler Zeitungen, begutachtete Interviews mit Dahmer nach dessen Verhaftung und durchforstete die FBI-Akten. Jede Episode, die er im Buch schildert, belegt er im umfangreichen Anhang mit den entsprechenden Quellen. Die Arbeit hat sich gelohnt: Das Buch ist vielleicht gerade wegen seines dokumentarischen Charakters äußerst spannend und zieht den Leser in seinen Bann.

Dieser dokumentarischen Nüchternheit entspricht der einfache, klare Strich des Comics. Dieser spiegelt Backderfs jahrelange Erfahrung als Cartoon-Zeichner und erinnert stellenweise an die Underground-Comix der 60er und 70er Jahre. Dabei halten die Zeichnungen geschickt die Balance zwischen leichten, humorvollen Überzeichnungen und den reduzierten Darstellungen von Szenen, die Dahmers dunkle Seite zeigen. Überhaupt umweht die Figur stets etwas Dunkles: Auf dem Gesicht liegt meist ein Schatten, die klobige Brille verdeckt den Blick in die Augen, seine Mimik ist stets starr - Backderf beschreibt sie an einer Stelle als "steinern, bar jeder Emotion".

Die Stärke des Buches ist jedoch vor allem, dass Backderf Zwischentöne zulässt. Zwar schwebt bei der Lektüre das Wissen um Dahmers Taten immer im Hinterkopf mit. Doch der Autor verzichtet auf eine Vorverurteilung und stellt Dahmer nicht als perverses Monster dar, wie es viele Medien nach dessen Verhaftung taten. So nimmt etwa die Darstellung von Dahmers Einsamkeit und persönlichen Problemen viel Raum ein: die Selbstverleugnung aufgrund seiner Homosexualität, die gesundheitlichen Probleme der Mutter, die Scheidung der Eltern, der Alkoholismus, schließlich auch das Fehlen echter Freunde. Zudem wird gezeigt, dass Dahmer immer wieder versuchte, seinen Fantasien zu entkommen, gegen sie anzukämpfen. Backderf will die späteren Taten aber keinesfalls mit dem persönlichen Schicksal des Jugendlichen entschuldigen, auch wenn dessen Darstellung in gewisser Weise Verständnis für den späteren Serienmörder weckt und zu einer gruseligen Zwiespältigkeit der Figur führt. Unmissverständlich macht der Autor klar, dass sein Mitgefühl an dem Punkt ende, an dem Dahmer zum Mörder wurde.

Warum er am Ende den Kampf gegen seine Dämonen verlor, warum aus dem skurrilen Freak und Außenseiter der Schulzeit ein brutaler Serienmörder wurde, kann Backderf freilich auch nicht erklären. Doch er stellt die berechtigte Frage, warum niemand die inneren Qualen des Jugendlichen bemerkte und ihm half, bevor er jenen Weg in die Hölle betrat. Vor allem den Erwachsenen, den Eltern und Lehrern, macht Backderf dabei Vorwürfe. "Ich glaube, dass Dahmer nicht als Monster hätte enden müssen, dass all diese Menschen nicht so schrecklich hätten sterben müssen", schreibt er im Vorwort und fährt fort: "wenn die Erwachsenen in Dahmers Leben nicht so unerklärlich, unverzeihlich, unverständlich ahnungslos und/oder gleichgültig gewesen wären". Hier wird die Graphic Novel zum Portrait des ländlichen Amerika der 70er Jahre. Es ist die Darstellung eines gesellschaftlichen Versagens.

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Quelle: n-tv.de

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