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"Jäger und Sammler": Vincent ist genervt - von allem.
"Jäger und Sammler": Vincent ist genervt - von allem.(Foto: Cyril Pedrosa / Reprodukt)
Sonntag, 01. Januar 2017

Melancholie, Hoffnung, Neuanfang: Menschen sind Jäger und Sammler

Von Markus Lippold

Neues Jahr, neues Glück? Schön wär's. Der Abschluss des alten Jahres ist auch eine Zeit der Melancholie. Dabei darf man die Hoffnung auf etwas Neues nicht aus dem Blick verlieren. Wie in Cyril Pedrosas neuem Comic.

"Melancholie ist ein interessantes Gefühl, denn es verbindet uns mit der Vergangenheit", sagt Cyril Pedrosa. Also genau das richtige für einen 1. Januar? Das sieht sicher nicht jeder so. Manch einer dürfte heilfroh sein, dass 2016 der Vergangenheit angehört. Andere dagegen dürften in den letzten Tagen tatsächlich auf die letzten zwölf Monate zurückgeschaut oder Vorsätze für das neue Jahr gemacht haben. Nie sind sich Rückblick und Neuanfang so nah wie zu Silvester und Neujahr. Vergänglichkeit wird spürbar, gleichzeitig entsteht etwas Neues.

Den Tod seines Sohnes hat Louis nie ganz verwunden.
Den Tod seines Sohnes hat Louis nie ganz verwunden.(Foto: Cyril Pedrosa / Reprodukt)

Diese Balance steht auch im Mittelpunkt von Pedrosas neuer Graphic Novel "Jäger und Sammler", einer Episodengeschichte, die verschiedenen Menschen durch die vier Jahreszeiten folgt. Auf den ersten Blick haben die Figuren nicht viel miteinander zu tun. "Aber sie alle befinden sich an einem Punkt im Leben, an dem sie vor einer Frage stehen, die sie nicht beantworten können", erklärt Pedrosa im Gespräch mit n-tv.de. Das mache sie alle einsam. "Das Buch versucht zu zeigen, dass dieser Moment sehr menschlich ist: Dass man sich irgendwann sehr, sehr einsam fühlt."

Louis zum Beispiel, der allein auf dem Lande lebt, hat den frühen Tod seines Kindes nie ganz verwunden. Darüber hat der alte politische Aktivist die Lust an Auseinandersetzungen verloren. "Ich habe das Gefühl, ein Leben lang gekämpft zu haben. Aber ich weiß nicht mehr, wogegen oder warum überhaupt", sagt er an einer Stelle. Und das ausgerechnet jetzt, wo in der Nähe ein Flughafen gebaut werden soll, gegen den sich Proteste regen. Ganz anders der Kieferorthopäde Vincent, dessen Sorgen sich eher um sein Privatleben drehen. Mit seiner Ex streitet er sich permanent, worunter vor allem die pubertierende Tochter Pauline leidet.

"Momente ohne Text und Momente ohne Bilder"

Schließlich gibt es noch die Fotografin Camille. Der Leser erfährt jedoch weniger über sie selbst, als über die Menschen, die Camille auf den Straßen fotografiert. Die so entstandenen Porträts lassen den Leser in deren Seelenleben blicken - was Pedrosa als Text formuliert, nicht als Comic. Der Wechsel des Ausdrucksmittels hat künstlerische Gründe: "Ich hatte das Gefühl, dass es sehr hart werden würde, all diese intimen Momente und Gefühle zu zeichnen", erklärt er. Also plante er sie schon von Anfang an als Texte.

"Jäger und Sammler" ist bei Reprodukt erschienen, 336 Seiten im großformatigen Hardcover, 39 Euro.
"Jäger und Sammler" ist bei Reprodukt erschienen, 336 Seiten im großformatigen Hardcover, 39 Euro.

In "Jäger und Sammler" geht es dem französischen Zeichner eben nicht nur inhaltlich, sondern auch formal um Balance: zwischen Bild und Text und um deren Zusammenspiel. "Ich wusste ziemlich schnell, dass ich Momente ohne Text und Momente ohne Bilder brauchen würde", sagt er. Klar war ihm aber auch, dass das den Lesern den Zugang erschweren würde. Denn durch die eingestreuten Texte verändert sich immer wieder das Erzähltempo.

So interessant dieser Versuch ist, die Texte erweisen sich leider auch als Schwachstelle des Buches. Die wirken seicht, sie erreichen nie die Tiefe und Subtilität von Pedrosas Zeichnungen. Als langjähriger Trickfilmzeichner für Disney versteht er es, Gefühle in Körperhaltungen zu übersetzen. Seine mit dünnem Strich gezeichneten, filigranen Figuren sind dynamisch, die realistisch dargestellte Mimik und Gestik wird zu einer eigenen Erzählebene. Das gilt auch für die Kolorierung und den Wechsel des Zeichenstils, der von holzschnittartigen Szenen über fast schon abstrakte Schattenbilder bis zu realistischen Porträts reicht. "Mein Ziel ist, die Grafik im Sinne der Geschichte zu verändern", erklärt Pedrosa seine zeichnerische Vielfalt.

"Alles was wir tun, hat Sinn"

Es ist aber auch der Comicteil, der die mal direkten, mal indirekten Zusammenhänge zwischen den Figuren und verschiedenen Handlungssträngen herstellt. Pedrosa verzichtet hier auf Überraschungseffekte, er setzt eher auf Anspielungen. Etwa wenn der Bau jenes Flughafens, der Louis umtreibt, auch in einer Szene mit Vincent zur Sprache kommt. Oder wenn Louis ein altes Gemälde kauft, das ihn an den Tiefpunkt in seinem Leben erinnert.

Besonders spannend sind die zeitlichen Entwicklungslinien, die Pedrosa zieht. So beginnt jedes Kapitel mit einem Abenteuer eines Jungen in prähistorischen Zeiten, dessen Handlungen in gewisser Weise die Gegenwart beeinflussen - er hinterlässt im wahrsten Sinne des Wortes Spuren. Dem Zeichner geht es eben nicht nur um das Verhältnis zwischen verschiedenen Generationen oder um das Erbe, das man an seine Kinder weitergibt. Ihm geht es auch um eine höhere Ebene: "Was auch immer wir tun, es gibt immer Konsequenzen in der Zukunft, für zukünftige Menschen", sagt er. "Alles was wir tun, hat Sinn, weil es andere Menschen beeinflusst. Das ist für mich ein Weg, nicht am Leben zu verzweifeln."

Verzweiflung und Melancholie bestimmen den Beginn von "Jäger und Sammler", Pedrosas bisher ambitioniertestem Werk. Es geht um Menschen, die am Scheideweg stehen, die sich fragen, was sie im Leben erreicht haben, was sie weitergeben können, was von ihnen bleibt. Diese eher düstere Stimmung erschwert den Einstieg in ein Werk, das insgesamt nicht die Ausgewogenheit seines Vorgängers "Portugal" hat. Etwa weil die wechselnden Handlungsstränge eine extrem fokussierte, konzentrierter Erzählweise erfordern.

Erst im Laufe der Handlung entfaltet der Comic seine Magie, verändert sich die Stimmung - was im Herbst beginnt, endet mit der Leichtigkeit des Sommers. "Wenn man Freude und Schönheit im Leben zeigen will, muss man vorher etwas Dunkleres zeigen", erklärt Pedrosa sein Vorgehen. "Es war leichter, die Figuren erst in melancholischen Momenten zu zeigen, um den Lesern zu verdeutlichen, dass in diesen Momenten Schönheit und Hoffnung liegt." Eine Hoffnung, die auch jedes neu beginnende Jahr begleitet. Zumindest, wenn man die Melancholie, die uns mit der Vergangenheit verbindet, hinter sich lässt.

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Quelle: n-tv.de

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