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Nicht nur der Tod will betrauert werden.
Nicht nur der Tod will betrauert werden.(Foto: picture alliance / dpa)

An Trauer kann man reifen: Mit Jorge Bucay auf dem Weg der Tränen

Von Solveig Bach

Leben heißt verlieren. Menschen sterben oder verlassen einander, man wechselt den Job oder die Wohnung und lässt Vergangenes hinter sich. Das löst Trauer aus, mit der man umgehen muss. Ob man will oder nicht.

Früher dauerte die anerkannte Trauerzeit nach dem Tod eines nahen Menschen ein Jahr. Der Gedanke, der dahinter stand: Man muss jeden Geburtstag, einmal Ostern und Weihnachten, jede Jahreszeit ohne den Toten erlebt haben. Trauernde Menschen waren an ihrer Kleidung erkennbar. Das Traurigsein, die Wut, das Vermissen, all das gehörte zum Leben dazu, zum eigenen, aber auch zu dem anderer. Es war offensichtlich und öffentlich.

Inzwischen ist Trauern zu einer sehr individuellen Angelegenheit geworden, die zumeist hinter verschlossenen Türen stattfindet. Jorge Bucay, der argentinische Geschichtenpsychiater, hat der Trauer nun ein eigenes Buch gewidmet. Dabei geht es nicht nur um das Sterben, sondern um die ganze Vielfalt der Verluste, mit denen sich Menschen im Leben konfrontiert sehen.

Nicht nur der Tod will betrauert werden, auch der Verlust des Partners, der Jugend oder der Abschied von einem zu Ende gegangenen Jahr sind Gründe, sich mit den Veränderungen des Lebens zu beschäftigen. Oder wie Bucay schreibt: "Es ist gut, sich von Anfang an darüber im Klaren zu sein, dass es immer mit Schmerz verbunden ist, wenn man etwas, das war, auf dem Weg zurücklässt." Es tut weh, etwas zurückzulassen, sogar dann, wenn man sich verbessert oder das alles so geplant hat.

20 Gebote

Bucay nennt die Verluste notwendig, an ihnen reifen Menschen. Denn mit der Trauer durchlebt man ein Spektrum an Gefühlen, das nur selten in dieser Intensität zu spüren ist. Wut, Leid, Angst, Leere, Verlassensein, Wehmut, Vorwürfe, Verzweiflung, die Trauer hat viele Gesichter. Sie löst sogar körperliche Empfindungen aus, die wie Krankheitssymptome daherkommen. Damit aus dem Verlust etwas Neues, sogar Gutes, entstehen kann, hat Bucay zwanzig Gebote der Trauer entwickelt, zehn Jas und zehn Neins. Er nennt sie seine "Empfehlungen für den Weg der Tränen und wie man ihn überlebt".

Dazu gehören naheliegende Dinge wie den Schmerz zuzulassen oder den Verlust zu akzeptieren, aber auch möglicherweise nicht ganz so naheliegende. Wie zum Beispiel der Rat, auch den Spaß zu genießen, der manchmal selbst in großer Trauer plötzlich aufkommt. Oder der, auf sein körperliches Wohlergehen zu achten. Oder der, nicht zu viel von seinen Mitmenschen zu erwarten, weil nicht jeder in der Lage ist, mit fremdem Schmerz umzugehen.

Wer Bucay bereits kennt, wird nicht überrascht sein, wenn der Autor immer wieder auf Geschichten zurückgreift, um seine Sicht zu vermitteln. Egal, ob man selbst trauert oder der Trauer eines anderen ratlos gegenübersteht, aus jahrelanger therapeutischer Erfahrung hat Bucay dazu etwas zu sagen. Es ist die Mischung aus Psychoanalyse, eigener Erfahrung und einer unbändigen Fabulierlust, die es dem Leser leicht macht, Bucays Rat anzunehmen. Außerdem schwingt oft eine Zugewandtheit mit, die tatsächlich etwas Tröstendes hat.

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Quelle: n-tv.de

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