Unterhaltung
Schwarzer Humor, wie er sein soll.
Schwarzer Humor, wie er sein soll.

Gnadenlos böse und voller Humor: Ned Beauman: "Flieg, Hitler, flieg!“

von Thomas Badtke

Ein Brief, unterschrieben von Adolf Hitler. Ein Käfer mit einem Hakenkreuz auf den Flügeln. Ein Computer-Nerd, den eine Krankheit nach vergammeltem Fisch stinken lässt. Dazu eine Prise Eugenik, Verschwörungstheorien und jede Menge britischer Humor - und fertig ist "Flieg, Hitler, flieg!“

Es gibt Bücher, die sind einfach auffällig. Die kommen daher und schreien einen förmlich an: Komm, nimm mich in die Hand, schau mich näher an! Lies den Klappentext! Kauf mich! Ned Beaumans "Flieg, Hitler, flieg!" ist so eines. Allein der Titel lässt die Fantasie Purzelbäume schlagen. Das Cover setzt sogar noch eins drauf: Es zeigt einen wie immer grimmig dreinblickenden Adolf Hitler - der aber eine rote Clownsnase trägt und dem zu allem Überfluss noch schwarze Flügel wachsen. Allein über dieses Bild könnten Psychologen stundenlang referieren, Ariosophen wochenlang wütend parlieren und Historiker mit ihren Abhandlungen darüber ganze Bibliotheken füllen.

Die schreiend daherkommenden Einband und Titel versprechen aber nicht zu viel: "Flieg, Hitler, flieg!" ist zwar ein Erstlingswerk, aber eines von der Sorte, die positiv im Gedächtnis haften bleiben. Das Buch stammt aus der Feder von Ned Beauman, gerade einmal Mitte 20 und in London lebend. Und wie alle Briten scheint er den sprichwörtlichen schwarzen Humor der Insulaner bereits mit der Muttermilch aufgesogen zu haben. Anders lässt sich die krude Story nicht erklären, die drei Hauptprotagonisten zwei Handlungsstränge verbinden lässt.

Von Boxern und Käfern

Da wäre zuallererst Seth "Sinner" Roach, 16 Jahre alt und nur 1,50 Meter groß. Mit nur neun Zehen von Geburt an ausgestattet, ist er Preisboxer im London der frühen 1930er Jahre. Er ist zäh, nicht totzukriegen und homosexuell. Und: Er ist ein veritabler Trinker, um nicht zu sagen, er säuft wie ein Loch - wenn man ihn lässt.

Ned Beauman, in London lebender Schriftsteller: "Flieg, Hitler, flieg!" ist sein Debütroman. (Foto: Nick Seaton)
Ned Beauman, in London lebender Schriftsteller: "Flieg, Hitler, flieg!" ist sein Debütroman. (Foto: Nick Seaton)

Möglichst daran hindern will ihn die zweite Hauptromanfigur: Philip Erskine. Der Sohn aus gutem Haus ist eigentlich Insektenforscher, tief im Herzen aber auch ein fanatischer Anhänger der Eugenik und ein absoluter Verehrer Adolf Hitlers. Bei einer Forschungsreise in Polen stößt er in einer Höhle überraschend auf das Skelett eines bolschewistischen Soldaten, aus dessen sterblichen Überresten plötzlich ein Schwarm Käfer herausbricht. Augenlos. Aber dafür mit einer besonderen Kennzeichnung auf den Flügeln: einem "vollkommenen Tetraskelion im Uhrzeigersinn. Einem Hakenkreuz.“ Und schon ist sein Forschergeist geweckt.

Erskine nimmt einige der Käfer mit nach London und will daraus eine Art Kampfkäfer züchten - mit Hilfe der ihm außergewöhnlich erscheinenden Gene des kleinen Boxers Roach. Erskine schickt einen der von ihm "Anophthalmus hitleri“ getauften Käfer an Hitler persönlich - und der antwortet entzückt in einem Brief.

Goethe, Goebbels, Hitler

"Flieg, Hitler, flieg!" ist im Verlag DuMont erschienen.
"Flieg, Hitler, flieg!" ist im Verlag DuMont erschienen.

Dieser persönlich von Hitler unterschriebene Brief eröffnet den zweiten Handlungsstrang des Buches und führt in die Gegenwart zu Kevin Broom. Der ehemalige Buchhalter ist Beaumans Erzähler. Broom ist ein Computer-Nerd, der seine Zeit meist in Chatrooms verbringt, weil er seinem Spitznamen "Fishy“ alle Ehre macht: Er leidet an der unheilbaren Krankheit Trimethylaminurie, die den Schweiß und Urin ihrer "Opfer“ nach vergammeltem Fisch stinken lässt.

"Fishy“ ist zudem passionierter Sammler von Nazi-Memorabilien. Besonders angetan hat es ihm die "erlesene fünfzehnbändige, illustrierte Gesamtausgabe von Goethes Werken, erschienen 1881 im Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung in Stuttgart, gebunden in rotes Saffianleder mit goldgeprägtem Buchrücken und marmorierten Schnitten“. Diese soll Hitler Joseph Goebbels zu seinem 43. Geburtstag geschenkt haben. Brooms Problem: Der Londoner Bauunternehmer Horace Grublock, ein ganz großer Fisch im Nazisouvenir-Sammelbecken, ist im Besitz der Gesamtausgabe - und Broom erledigt für ihn ab und an Aufträge.

Überragender Erstling, abseits der Masse

Als Broom dann überraschend den von Hitler unterschriebenen Brief findet, geht die Suche nach Erskine, Roach und "Anophthalmus hitleri“ los. Eine Suche, die noch mehr verschrobene Charaktere ans Licht zerrt. Eine Suche, die mehrere überraschende Wendungen offenbart. Eine Suche, gespickt mit Absurditäten - und einem völlig überraschenden Ende.

Beauman ist mit "Flieg, Hitler, flieg!“ ein Erstlingswerk gelungen, das historische Genauigkeit mit abstrusen Verschwörungstheorien verbindet und das vor allem dank des zum Teil abgrundtief schwarzen Humors des Autors überzeugt.

Quelle: n-tv.de

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