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Durchdachte ÜberraschungNobelpreis für Lessing

11.10.2007, 13:12 Uhr

Die britische Schriftstellerin Doris Lessing erhält in diesem Jahr den Nobelpreis für Literatur.

Der Nobelpreis für Literatur geht in diesem Jahr an die britische Schriftstellerin Doris Lessing. Dies gab die Schwedische Akademie der Wissenschaften in Stockholm bekannt.

Lessing wurde gewürdigt als "Epikerin weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen hat". Der Chef der Akademie, Horace Engdahl, sagte über die völlig überraschende Vergabe: "Dies ist eine der wohldurchdachtesten Entscheidungen, die wir jemals getroffen haben."

Eco freut sich

Der italienische Schriftsteller Umberto Eco nannte Lessing in einer Reaktion eine "große, individuelle literarische Seele". Sie verdiene den Preis "zweifellos", sagte Eco auf der Frankfurter Buchmesse. Zugleich stellte er fest, es sei "sehr außergewöhnlich", dass die Schwedische Akademie den Preis zwei Mal in so kurzer Zeit an das gleiche Land verleihe. 2005 hatte der Brite Harold Pinter den Literaturnobelpreis bekommen.

Reich-Ranicki bedauert

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki nannte die Entscheidung dagegen enttäuschend. "Ich finde sie bedauerlich", sagte der 87-Jährige in Frankfurt. Er sei der Ansicht, dass die angelsächsische Welt, "viele, jedenfalls mehrere bedeutendere, wichtigere Schriftsteller hat". Er habe erneut erwartet, dass Philip Roth oder John Updike ausgezeichnet werden. "Weder der eine, noch der andere hat den Preis bekommen, na ja."

Reich-Ranicki sagte, er habe von Lessing "vielleicht drei" Bücher gelesen. Das sei aber schon lange her. "Nichts hat mich wirklich beeindruckt."

Verlag überrascht

Als um 13.00 Uhr die Entscheidung in Stockholm fiel, führte Lessings deutscher Verleger Günter Berg auf der Buchmesse gerade in aller Ruhe ein Gespräch am Stand. Als eine Reporterin ihm die Nachricht überbrachte, sagte Berg nach einem verblüfften Schweigen nur ein Wort: "Großartig!"

Hoffmann und Campe habe sich jahrelang um diese Autorin gekümmert und sei auch stets davon überzeugt gewesen, dass Lessing den Nobelpreis verdiene. Ein gutes Dutzend ihrer Werke hat Hoffmann und Campe im Angebot. "Wir sind ganz gut lieferbar."

Die deutsche Übersetzung des jüngsten Buches der 87-Jährigen, "Die Kluft", ist gerade bei Hoffmann und Campe erschienen. Darin beschreibt sie eine mythische friedliche Welt voller Frauen - in die erst mit den Männern auch Probleme einziehen. Ihr Buch "Goldenes Notizbuch" (1962) gilt als feministischer Literaturklassiker.

Auch Neffe Gysi freut sich

Lessing wurde 1919 im Iran als Tochter eines britischen Kolonialoffiziers geboren, die Familie zog von England 1924 nach Südrhodesien (heute Simbabwe), wo ihr Vater eine wenig ertragreiche Maisfarm bewirtschafte. Sie sei ein tief unglückliches, rebellisches Kind gewesen, hat Lessing immer wieder betont. Unter ihrem verbitterten, kriegsversehrten Vater litt sie genauso wie unter ihrer ehrgeizigen, strengen Mutter. Wie automatisch habe sie sich deswegen gegen jede Form von Autorität aufgelehnt.

1939 heiratete Doris Lessing den Kolonialoffizier Frank Charles Wisdom und bekam zwei Kinder, die sie verließ, um 1944 den deutschen jüdischen Emigranten Gottfried Lessing zu heiraten. Die Ehe mit dem KP-Mitglied hielt bis 1949, aus dieser Beziehung stammt der Sohn Peter. Sie hatte Gottfried, der Jahrzehnte später 1979 als DDR-Botschafter in Uganda ermordet wurde, nur geheiratet, um ihn vor der Ausweisung zu bewahren. Durch Gottfried wurde die Autorin Schwägerin des DDR-Ministers Klaus Gysi und Tante des Linksfraktion-Politikers Gregor Gysi, der sich hocherfreut zeigte.

"Giftwolke des Leids"

Auch Doris Lessing engagierte sich damals, "als jedermann Kommunist war", in der Kommunistischen Partei. Von der distanzierte sie sich jedoch schließlich und kritisierte sie als bigott - "entmenschlicht im Dienste der Menschheit". Die Atheistin, die sich mit der Mystik des Islam beschäftigte, formulierte einmal, ihre Generation sei "überschattet von einer Giftwolke der Kriege und des Leids". Heute fühlt Lessing sich "angekommen" in ihrem Haus in London-Hampstead. Sie sei Erzählerin von Geschichten über Menschen und Werte, nicht über Thesen, betont sie immer wieder. Häufig wurde die Verfasserin von mehr als 50 Büchern mit Virginia Woolf verglichen und für den Nobelpreis gehandelt. Mit ihren Kindern aus erster Ehe sei sie ausgesöhnt.

Der Preis ist mit rund 1,1 Millionen Euro dotiert und wird im Dezember überreicht. Die Auszeichnung ist die wichtigste Preisverleihung der Branche und wird traditionell nach den Nobelpreisen in den naturwissenschaftlichen Fächern bekanntgegeben. Im vergangenen Jahr ehrte das Komitee den türkischen Schriftsteller Orhan Pamuk. Als bislang letzte deutschsprachige Autorin hat den Preis 2004 die Österreicherin Elfriede Jelinek erhalten. Fünf Jahre zuvor war der deutsche Schriftsteller Günter Grass ausgezeichnet worden.