Unterhaltung

Ein Fluch, zwei Morde, drei Tote: Obioma und der dunkle Fluss

Von Samira Lazarovic

Die Geschichte vierer Brüder, denen ein Seher Düsteres prophezeit, begeistert Leser und Kritiker. Selbst Maxim Biller lässt sich hinreißen. Zu Recht. Chigozie Obioma erzählt einfach, vielschichtig und spannend.

Chigozie Obioma ist Literatur-Dozent an der Universität von Nebraska-Lincoln und schreibt derzeit an seinem zweiten Buch.
Chigozie Obioma ist Literatur-Dozent an der Universität von Nebraska-Lincoln und schreibt derzeit an seinem zweiten Buch.(Foto: UM Photography, S. Soderberg)

Große Träume hat ihr Vater für Ikenna, Boja, Obembe und Benjamin. Seine Söhne sollen ihre Hände in die Flüsse und Meere des Lebens tauchen, um als Ärzte, Piloten, Professoren oder Anwälte erfolgreich zu werden. Doch als er aus Akure, einer Stadt im Nordwesten Nigerias, in den Norden versetzt wird, bricht seine sorgsam gebaute Familie auseinander. Der strengen Hand entkommen, ziehen die Brüder aus, die Welt zu erkunden. Statt Fischer des Geistes zu werden, wie ihr Vater es wünscht, fischen sie am verbotenen Fluss. Doch der Omi-Ala ist ein dunkler Fluss, in dem schon der eine oder andere Erwachsene verschwunden ist.

Sie werden verraten und bestraft. Und das ist nur der Auftakt zu einem größeren Unglück. Denn an den Ufern der Wiege des Bösen treffen sie auf Abulu, dem verrückten Seher der Stadt. Er prophezeit Ikenna, er werde durch die Hand eines Fischers sterben. Der Fluch führt zu einer brutalen Lynchung, einem Brudermord, einem Selbstmord, einer Flucht und einer Gefängnisstrafe.

Zwischen Aberglaube und Moderne

Vier Brüder im Alter zwischen 9 und 15 Jahren blicken einer auf den anderen. Reichen ihr kleines Wissen über das Leben von oben nach unten weiter. Bilden Paare, die zusammenhalten. Stehen für einander ein. Beschützen sich. Doch was passiert, wenn dieses Gleichgewicht durcheinandergebracht wird?

Das erzählt Chigozie Obioma in seiner Coming-of-Age-Geschichte aus dem Nigeria der 1990er Jahre. Der 1986 geborene Nigerianer wuchs selbst mit sieben Brüdern und vier Schwestern auf, das Buch soll eine Hommage an seine Geschwister sein. Gleichzeitig will Obioma die sozio-politische Situation seiner Heimat, diesem Land, das scheinbar unter Aufsicht sein will, weil es anders mit seinem Rückstand und Geisterglauben nicht zurechtkommt, ausleuchten.

Aufbau Verlag, 313 Seiten, gebunden 19,95 Euro
Aufbau Verlag, 313 Seiten, gebunden 19,95 Euro

Beides gelingt dem Autoren in seinem Debüt. Obioma nimmt den Leser mitten rein in die Familie Agwu, lässt ihn teilhaben am Alltag einer Familie, wo die Eltern zu den Kindern in Ibo sprechen, die Brüder untereinander Yoruba verwenden und bei Standpauken in das offizielle Englisch gewechselt wird. Zwischen Amuletten und amerikanischen Fernsehserien, Schrottplätzen und bescheidenem ersten Wohlstand wachsen hier Kinder in einem Land auf, das olympisches Fußball-Gold bejubelt, aber politisch und moralisch zurückfällt.

Vielleicht mag die Erzählperspektive aus der Sicht des jüngsten Bruders Benjamin an der einen oder anderen Stelle leicht verrutschen. Auch wenn im Rückblick erzählt wird, kann wohl kaum ein Neunjähriger derart schnell politische oder familiäre Zusammenhänge erkennen. Doch die Charaktere sind vom der Moderne zugewandten Vater über die Mutter, die aus Gram über ihre Söhne in eine wahnhafte Geisterwelt abgleitet, bis hin zu den Geschwistern so plastisch gezeichnet, dass diese kleinen Schwächen schnell vergessen sind.

"Der dunkle Fluss" hat in zahlreichen Ländern die Bestsellerlisten erobert und wurde mit Preisen und Lob überhäuft. Der Roman stand unter anderem auf der Short-List für den renommierten Man-Booker-Prize, die "New York Times" sieht in Obioma den "Erben Chinua Achebes". Ein Vergleich, der dem 1986 geborenen Autor sehr gefallen dürfte, schließlich spielt er in "Der dunkle Fluss" auf "Okonkwo oder Das Alte stürzt", eines der berühmtesten Bücher der nigerianischen Schriftstellerlegende, an.

Hierzulande entlockte das Buch selbst dem als ewig krittelnden Reich-Ranicki-Erben besetzten Maxim Biller im "Literarischen Quartett" ein Riesenlob: Obioma habe das beste zeitgenössische Buch geschrieben, das er in den vergangenen Jahren gelesen habe. Andere Kritiker warfen dem Autor vor, mit dem dunkel-mystifizierenden magischen Realismus eine Selbst-Exotisierung vorzunehmen oder einen Afrika-Roman westlicher Machart geschrieben zu haben.

Von solchen Debatten sollten sich Leser nicht abschrecken lassen. "Der dunkle Fluss" liest sich leicht und spannend und nimmt einen gleichzeitig mit in eine neue Welt. Nicht mehr, nicht weniger.

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Quelle: n-tv.de

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