Unterhaltung
Ja, Beziehungen sind manchmal herausfordernd. Für die Pointe auf das Bild klicken.
Ja, Beziehungen sind manchmal herausfordernd. Für die Pointe auf das Bild klicken.(Foto: Flix, Schöne Töchter, Carlsen Verlag Hamburg, 2015)

Comicstrips von Flix und Mawil: Quadratisch, praktisch, lustig

Von Markus Lippold

Ein Comicstrip kann einen Witz erzählen oder eine Kurzgeschichte. Und er kann ein Kunstwerk sein, wie bei Mawil und Flix. Deren Einseiter beschreiben mal das große Ganze und bringen mal absurde Alltagssituationen aufs Papier.

"Comic-Kolumnen" steht da im Untertitel. Das passt. Klar, könnte man das, was Mawil, Flix und andere Zeichner regelmäßig in der Sonntagsausgabe des Berliner "Tagesspiegels" veröffentlichen, auch als Comic-Strips bezeichnen. Aber denkt man dabei nicht eher an reduzierte, schwarz-weiße "Peanuts"-Comics?

Flix spielt mit dem Raum und der Leserichtung: Je nachdem nimmt die Liebe die Abkürzung oder den langen Weg.
Flix spielt mit dem Raum und der Leserichtung: Je nachdem nimmt die Liebe die Abkürzung oder den langen Weg.(Foto: Flix, Schöne Töchter, Carlsen Verlag Hamburg, 2015)

Was sich jedoch hier auf den 30 mal 30 Zentimetern Zeitungspapier abspielt, ist mehr. Von Ferne erinnert es in Größe und Farbenpracht an die große Ära der Zeitungscomics, als Sonntagsstrips ganze Seiten einnahmen - wie "Little Nemo in Slumberland" oder "Krazy Kat". Eine große Bühne ist es, die die Zeitung den Zeichnern bietet - und die liefern großes Kino ab.

Flix und Mawil legen nun gleichzeitig Bücher mit ihren gesammelten Strips vor - dankenswerterweise im quadratischen Originalformat. Im Fall von Flix ist es die seit 2010 laufende, preisgekrönte Serie "Schöne Töchter", die erst kürzlich beendet wurde. Mawil liefert mit "Singles Collection. Comic-Kolumnen 2006-2015" den umfangreicheren Band ab, der neben den seit 2006 entstandenen "Tagesspiegel"-Strips (und zwei von der Redaktion abgelehnten Beiträgen) noch ein paar andere Arbeiten beinhaltet. Quadratisch, praktisch, gut - der Vergleich zu einer berühmten Schokolade ist in beiden Fällen richtig. Denn hat man erstmal einen Happen genascht, kann man gar nicht mehr aufhören.

"Andere Mütter haben auch …"

Einer der schönsten Strips von Mawil: die fiktive Geschichte der realen "Roten Gitarren".
Einer der schönsten Strips von Mawil: die fiktive Geschichte der realen "Roten Gitarren".(Foto: 2015 Markus Mawil Witzel & Reprodukt)

Flix legt dabei die stringentere, homogenere Serie vor, die sich ganz dem Motto "Schöne Töchter" verpflichtet. Schon der erste Strip gibt die Richtung vor: "Andere Mütter haben auch …", sagt da ein Freund seinem soeben verlassenen Kumpel. "Halt die Fresse", ist die Antwort. Liebe und Sex, Streit und Eifersucht, Sehnsucht und Einsamkeit sind nur einige der Themen, mit denen Flix das große Feld der Beziehungen beackert.

Langweilig ist das nie, weil es stets neue Perspektiven zu entdecken gibt: Es gibt vergebliche Flirtversuche, Liebe auf den ersten Blick, Beziehungstrott und hinreißende Liebesgeschichten, aber auch Reflexionen über die Vergänglichkeit. Jeder, der schon mal - glücklich oder unglücklich - verliebt war, kann sich in die Protagonisten hineinversetzen. Die universelle Themensetzung korrespondiert dabei übrigens gut mit den klaren Zeichnungen und der flächigen Kolorierung. Allerdings spielt Flix auch gern mit den Erwartungen der Leser und führt sie meist an der Nase herum, bevor er im letzten Panel die Geschichte auflöst und eine Pointe serviert, die all die Freuden, Schwierigkeiten und Peinlichkeiten des menschlichen Miteinanders auf den Punkt bringt.

Alltag in Berlin: Umzüge und wie man sich davor drückt, aufgezeichnet von Mawil.
Alltag in Berlin: Umzüge und wie man sich davor drückt, aufgezeichnet von Mawil.(Foto: 2015 Markus Mawil Witzel & Reprodukt)

Dabei spielt Flix eine andere Fähigkeit voll aus: Im Laufe der Serie perfektioniert er den Umgang mit dem Raum, der ihm auf einer Seite zur Verfügung steht - kein Strip gleicht dem anderen. Vielmehr spiegelt die Anordnung der Panels die Handlung wieder. Mal beherrscht ein Riesenbild den Strip, erschlägt einen wie das Ende einer Beziehung. Mal verweigern sich die Bilder der Leserichtung und ergeben ein kompliziertes Geflecht, das auch manche Beziehungen ausmacht. Dann wieder erzählt Flix eine Traum-Geschichte, die sich plötzlich in der Realität auflöst. Stets jedoch versteht er es, Form und Inhalt zu verschmelzen und damit das Medium Comic voll zur Geltung zu bringen.

Punk-Fanzine und Tagebuch

Wo Flix auf die großen Themen setzt, geht es Mawil um kleine Alltagsgeschichten und autobiografische Anekdoten. Sein Humor ist in gewisser Weise hipper, schließlich geht es um das Berliner Leben, um Ausflüge mit Freunden, um Fahrräder, Musik, Mädchen und das Leben eines Comiczeichners. Abgehoben ist das aber nicht. Mawil nimmt sich oft und gern selbst auf die Schippe. Schon die Aufmachung als "Singles Collection" ist mit ihrem Spiel mit dem quadratischen Format des Buches, das an eine Schallplattenbox erinnert, ein Verweis auf die Popkultur, die in den Strips eine große Rolle spielt.

Links: "Schöne Töchter" ist bei Carlsen erschienen, 128 Seiten (ein Strip pro Doppelseite), Format 30x30 cm, 24,99 Euro. 
Rechts: "Singles Collection" ist bei Reprodukt erschienen, 136 Seiten, Format 30x30 cm, 29 Euro.
Links: "Schöne Töchter" ist bei Carlsen erschienen, 128 Seiten (ein Strip pro Doppelseite), Format 30x30 cm, 24,99 Euro. Rechts: "Singles Collection" ist bei Reprodukt erschienen, 136 Seiten, Format 30x30 cm, 29 Euro.

Die einzelnen Beiträge folgen keinem übergreifenden Thema, sie sind eher eine stilistische und inhaltliche Wundertüte. Er erzählt Geschichten aus dem Berliner Tag- und Nachtleben, über Verzweiflung beim Computerkauf und die Prenzlauer-Berg-Schickeria, gibt Lebenshilfe ("Die kleine Rückenschule"), erlebt Abenteuer auf Reisen oder erinnert sich an seine Kindheit in der DDR (die Mawil zuletzt auch in "Kinderland" verarbeitete). Mal schimpft er in einem Strip über die Berliner Verkehrsbetriebe, mal über Makler und Mietpreise (was ihm einen wütenden Leserbrief bescherte). Mal zeichnet er eine Suchanzeige für sein geklautes Fahrrad, um dann wieder in eine völlig andere, von sprechenden Tieren bevölkerte Fantasiewelt abzudriften (immer mit Hasen). Die stetige Versagensangst seiner urbanen Figuren brachte ihm nicht umsonst einen Vergleich mit Woody Allen ein.

Auch Mawil nutzt den zur Verfügung stehenden Platz voll aus, aber nicht als Architekt wie Flix. Dafür zeichnet er detaillierte Hintergründe, um noch ein paar Gags unterzubringen, füllt Lücken mit Dialogen und Erklärungen oder gestaltet seine Strips wie ein Adventskalender, eine Schallplatte oder einen Fotoroman. Das kommt wie eine Mischung aus Punk-Fanzine, Tagebuch und Skizzenheft daher, vermischt mit Berliner Schnauze und seinem Alter Ego, dem Supa-Hasi. Auch stilistisch lässt sich Mawil nicht festlegen: Zwar überwiegt sein typischer, zugespitzt-humorvoller Stil, der an selbstverlegte Independent-Comics erinnert, aber er setzt auch gröbere Zeichnungen ein, Kugelschreiber-Skizzen und Collagen.

Der rote Faden seiner Arbeiten sind die Anspielungen auf die Popkultur. Vor allem die Musik ist ein großes Thema. In einem der schönsten Strips erzählt Mawil die Geschichte der polnischen Band "Rote Gitarren", die er an die Story eines bekannten Liverpooler Quartetts anlehnt. Mawils eigene musikalische Versuche kommen ebenfalls zum Vorschein wie Konzerterlebnisse, extra für den Band gestaltete er zudem witzige, fiktive Plattencover. Dazu gibt es jede Menge Anspielungen auf Zeichnerkollegen, aber auch Zombies und Krimigeschichten. Mawils "Singles Collection" ist thematisch und formal so reich, so anspielungsreich und subjektiv, aber stets verständlich und äußerst witzig, dass sie sich den Untertitel "Comic-Kolumnen" wahrlich verdient hat.

"Schöne Töchter" von Flix und "Singles Collection" von Mawil direkt bei Amazon bestellen. Sowohl Flix als auch Mawil stellen regelmäßig auf Lesungen und Signierstunden ihre Werke vor.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen