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Breite Straßen, keine Autos: Pjöngjangs Stadtplaner denken groß.
Breite Straßen, keine Autos: Pjöngjangs Stadtplaner denken groß.(Foto: picture-alliance / dpa)

Mit "Kim & Struppi" nach Nordkorea: Reise ins Land der wunderschönen Fassaden

Von Johannes Graf

Noch auf der Suche nach einem Reiseziel für die Herbstferien? Wie wäre es mit einem Trip nach Nordkorea? Was absurd klingt, hat Comedy-Autor Christian Eisert gewagt - und ein skurril-komisches Buch darüber geschrieben.

Es gibt sicher angenehmere Reiseziele als das, das sich Christian Eisert und seine Freundin Thanh Hoang ausgesucht haben. Die beiden machen sich auf den Weg von Berlin nach Pjöngjang, um - ja, tatsächlich - in Nordkorea Urlaub zu machen. Und dieser Trip, der ihre Freundschaft einer harten Probe aussetzt, macht - ebenfalls: ja, tatsächlich - eine Menge Spaß.

"Kim & Struppi" ist im Ullstein-Verlag erschienen und kostet 14,99 Euro.
"Kim & Struppi" ist im Ullstein-Verlag erschienen und kostet 14,99 Euro.

Und da kommt sie schon gleich zu Beginn, die alte Frage, die sich stellt, wenn es um Nordkorea geht: Darf man über eine Diktatur, in der die Menschen hungern, gefoltert und in Lager gesteckt werden, lachen? Über eine herrschende Kaste, die sich in ihrer unfreiwilligen Komik immer wieder selbst demaskiert? Christian Eisert hat mit "Kim und Struppi" darauf eine deutlich Antwort vorgelegt: Ja, man darf. Oder: ja, man muss es zwangsweise.

Denn das, was der Comedy-Autor in seinem Reisebericht beschreibt, schreit vor Witz. Etwa, wenn die beiden staatlich bestellten Reisebegleiter, Herr Chung und Herr Rym, bei kritischen Nachfragen einfach in eine andere Richtung deuten und sagen: "Schauen Sie dieses Gebäude! Sehr schön, nicht wahr?" Oder wenn Christian Eisert vor lauter Furcht vor Überwachung sein Hotelzimmer auf Wanzen untersucht und dabei - vergeblich - versucht, nicht aufzufallen.

"Tränen lügen nicht" vor gruseliger Kulisse

Zu wissen, ob Eisert und seine Freundin offen sprechen können, ist überlebensnotwendig. Denn die beiden reisen jeweils mit einem Geheimnis: Thanh verschweigt, dass sie Fotojournalistin ist und legt sich einen neuen Namen zu. Und Christian Eisert verheimlicht, dass er nach seiner Rückkehr ein Buch über Nordkorea plant. Beides hätte dem Regime vermutlich gereicht, die "Touristen" unbesehen ins Straflager zu schicken.

Die Nervosität, die das in Eisert hervorruft, und die trotzige Haltung seiner ungleich mutigeren Kumpanin lassen die Stimmung der beiden zusehends abkühlen. Schließlich wird ihnen nach und nach bewusst: Herr Chung und Herr Rym, bei aller Liebenswürdigkeit, stehen in engem Kontakt mit den "Struppis" - den bräunlich gekleideten Geheimagenten, die Touristen in Nordkorea auf Schritt und Tritt verfolgen. Und auch die Reiseleiter selbst stehen unter strenger Beobachtung. Willkommen in der Paranoia-Republik Korea.

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Und weil das auch allen anderen Menschen bewusst ist, denen die beiden Reisenden begegnen, kommt es zu herrlich absurden Szenen. Höhepunkt ist - auch in den Augen des Autors - sein Tänzchen in der Nähe der wohl am strengsten bewachten Grenze der Welt zwischen Nord und Süd. Zu Michael Holms "Tränen lügen nicht". Mit einer kleinen Nordkoreanerin, die fürchten muss, dass ihr Reigen mit dem West-Mann ihr letztes Vergnügen sein könnte.

Schwächen der Zensur Nordkoreas

Skurril ist auch der Besuch in einem Museum, in dem ausschließlich Geschenke ausgestellt werden, die der "Große Führer", Kim Jong-Il, zu Lebzeiten erhalten hat. Wer will nicht gerne einmal das von Erich Honecker überbrachte Porzellangeschirr bewundern oder den von Muammar al-Gaddafi spendierten Sattel aus Gold? Und keiner der Besucher wagt es, das Offensichtliche auszusprechen: Diese Sammlung ist albern und langweilig zugleich.

Doch bei aller Komik verliert "Kim und Struppi" nie den Respekt vor den Menschen, denen die beiden verwunderten Reisenden begegnen. Denn dass die Nordkoreaner ihren politischen Führern bedingungslos folgen, ist der jahrzehntelangen Abschottung und der Furcht vor Strafe geschuldet - und nicht etwa einer tief empfundenen Überzeugung.

Zudem entlarvt "Kim und Struppi" die Fadenscheinigkeit des Systems. Pjöngjangs Straßen, die die Touristen zu sehen bekommen, sind wie geleckt. Doch ein verhuschter Blick in die Seitengasse zeigt die Wahrheit. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte Eisert dazu, auf die von der Zensur überwachten Postkarten habe er stets geschrieben: "Pjöngjang ist beeindruckend, hier gibt es wunderschöne Fassaden." Ein Lob, dessen Giftigkeit den Kontrolleuren offenbar entgangen ist.

Gibt es die Wasserrutsche wirklich?

Lesenswert macht "Kim und Struppi" die besondere Perspektive, die Autor und Reisepartnerin einnehmen. Christian Eisert ist in der DDR sozialisiert worden. "Struppis" und hohle sozialistische Parolen sind ihm daher ebenso bekannt wie die sanften Einschränkungen der Freiheit, wie sie ihm als Reisender in Nordkorea wieder begegnen. Thanh hat ihre Kindheit dagegen in der Bundesrepublik verbracht. Wenn ihr bei der Einreise das heiß geliebte iPhone abgeknöpft werden soll, reagiert sie ungleich schnippischer als ihr Freund.

Eiserts Antrieb zu seiner Reise ist übrigens eine Kindheitserinnerung. Als Schüler der "Schule der Freundschaft zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Koreanischen Demokratischen Volksrepublik" (sie hieß tatsächlich so) in Ost-Berlin ist ihm einst ein Propagandafilm gezeigt worden. Darin vergnügten sich fröhliche nordkoreanische Kinder auf einer regenbogenfarbenen Wasserrutsche, die den kleinen Jungen ins Schwelgen brachte. Diese Wasserrutsche einmal mit eigenen Augen zu sehen, ist das inoffizielle Ziel, das sich Eisert und Thanh gesteckt haben. Oder entspringt sie am Ende doch nur der blühenden Fantasie eines übereifrigen Propagandaoffiziers?

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Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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