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Das erste Aufeinandertreffen: Abel wird von der Wucht des Ministers überrascht.
Das erste Aufeinandertreffen: Abel wird von der Wucht des Ministers überrascht.(Foto: Christophe Blain / Reprodukt 2012)

Irak, Heraklit und die Grande Nation: So wird Politik gemacht

Von Markus Lippold

"Tschak Tschak Tschak" - die Themen müssen sitzen. Frankreichs Außenminister gibt die Linie vor, sein Redenschreiber kommt kaum noch mit. Dabei gibt es doch eine Krise zu meistern. Zehn Jahre nach Beginn des Irakkriegs zeigt ein Comic, wie es damals im Pariser Außenamt zuging - pointiert und hintersinnig.

Vor zehn Jahren glühten die diplomatischen Drähte der Welt. Die USA schickten sich an, den Irak anzugreifen. Doch es gab Widerstand. Und der saß unter anderem im "Quai d'Orsay", jener Pariser Uferstraße, die synonym für das Außenamt des Landes verwendet wird. Vor allem im Sicherheitsrat stemmte sich Paris gegen einen Krieg, den Washington wegen fadenscheiniger Begründungen führen wollte.

"Tschak Tschak Tschak" - der Minister hat klare Vorgaben.
"Tschak Tschak Tschak" - der Minister hat klare Vorgaben.(Foto: Christophe Blain / Reprodukt 2012)

Abel Lanzac war damals dabei im französischen Außenamt. Der Name freilich ist ein Pseudonym, denn der ehemalige Redenschreiber des damaligen Außenministers Dominique de Villepin will unerkannt bleiben. Kein Wunder, denn Lanzac hat ausgepackt, wie es damals im Ministerium zuging. Zusammen mit dem renommierten Zeichner Christophe Blain hat er den Comic "Quai d'Orsay" geschrieben, der auf Deutsch bei Reprodukt erschienen ist.

Warum ein Comic? Das lag nicht nur daran, dass diese Kunstform in Frankreich äußerst  populär ist, sondern hatte auch einen anderen Grund: "Als ich im Außenministerium anfing, kamen wir die Menschen um mich herum vom ersten Moment an wie Superhelden vor", sagt Lanzac. Seine ehemaligen Kollegen hätten alle Superkräfte gehabt: "Einer konnte in die Zukunft sehen, ein anderer konnte augenblicklich die Gegebenheiten jeder beliebigen Situation erfassen."

Die Zeiten sind hart

Minuziös schilderte Lanzac seine damaligen Erlebnisse dem Comic-Künstler Blain, der zu den renommiertesten Zeichnern seiner Generation gehört. Wobei Lanzac dabei Details veränderte und zusammenfasste, wie er selbst sagt. Aber: "Die Mechanismen sind alle real." Mit dem Buch will er die Wahrheit zeigen, "sagen wir, die relative Wahrheit meiner Sichtweise". Und dazu brauchte er teilweise auch die Fiktion.

Unter dem neuen Job leidet auch Abels Privatleben.
Unter dem neuen Job leidet auch Abels Privatleben.(Foto: Christophe Blain / Reprodukt 2012)

So taucht Lanzac nicht selbst in dem Buch auf. Im Mittelpunkt steht stattdessen Arthur Vlaminck. Der junge Akademiker arbeitet gerade an seiner Promotion, als er ins französische Außenamt gerufen wird. Minister Alexandre Taillard de Vorms, den man unschwer als Alter Ego von Villepin identifizieren kann, will ihn höchstpersönlich in sein Team holen.

Die Zeiten sind hart, eröffnet der Minister dem sichtlich nervösen Vlaminck: "Das Gleichgewicht, das 50 Jahre lang den Weltfrieden gesichert hat, ist gestört." Seit dem 11. September 2001 würden die USA die Doktrin des Präventivkrieges anstreben. Dem Minister behagt dies gar nicht. Es gilt, den von Washington angestrebten Krieg gegen Lusdem - dahinter versteckt sich der Irak - zu verhindern. Man muss Verbündete suchen und seinen gesamten Einfluss in die Waagschale werfen, bis es im Sicherheitsrat zum Showdown kommt.

Showdown im Sicherheitsrat: Deutschland führte damals den Vorsitz.
Showdown im Sicherheitsrat: Deutschland führte damals den Vorsitz.(Foto: Christophe Blain / Reprodukt 2012)

Vlamick steckt mittendrin, er schreibt die Reden des Ministers, doch er hat immer wieder Schwierigkeiten, bei seinem Chef eine klare Position auszumachen. Er wird zugedeckt mit sich teils widersprechenden Anweisungen, mit Zitaten des griechischen Philosophen Heraklit oder von Mao, mit Unmengen an Schlagworten: Verantwortlichkeit, Einheit, Effizienz. Oder war es Legitimität, Klarheit, Effizienz? Oder doch eher Legitimität, Einheit, Effizienz? Am Ende sitzt Vlamick ratlos vor seinem Computer, sein Kopf raucht.

Der Minister stabilosiert

"Quai d'Orsay" ist bei Reprodukt erschienen. Die gebundene Ausgabe im Großformat hat 200 Seiten und kostet 36 Euro (D).
"Quai d'Orsay" ist bei Reprodukt erschienen. Die gebundene Ausgabe im Großformat hat 200 Seiten und kostet 36 Euro (D).(Foto: Christophe Blain / Reprodukt 2012)

Die Darstellung der Gedankengänge des Ministers gehört zu den Höhepunkten des Comics. Er fuchtelt mit den Armen, seine Hände stehen nie still. "Taka, Taka, Tack. Tschak, Tschak, Tschak." Wer den Argumentationen nicht folgen kann, hat schon verloren. Und nicht zu vergessen: der Stabilo-Marker. "Stabilosieren" gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen des Ministers. Kein Text bleibt davon verschont.

So rasant wie die Argumentationen des Ministers ist die Handlung der Graphic Novel. Lusdem ist natürlich nur ein Punkt auf der Agenda. Ein Streit um den Fischfang muss beigelegt werden, in Afrika brodelt es. Vlamick mischt überall mit. Nebenbei entfremdet er sich von seiner Freundin, Weihnachten und Urlaub kennt er nicht mehr. Bei allem Witz hält "Quai d'Orsay" dem Politikbetrieb auch einen Spiegel vor. "Die Politik ist ein sehr wettbewerbsorientierter Sport", sagt Lanzac. "Es kann nur einen Sieger geben." Gleichzeitig verweist er auf das Paradox, dass politische Macht reine Fiktion ist. "Je näher man ihr kommt, als desto leerer stellt sie sich heraus."

"Quai d'Orsay" seziert eben nicht nur die Entscheidungen, die im Außenamt getroffen werden und persifliert die Phrasendrescherei der Politiker, sondern zeigt auch, wie ohnmächtig die mächtigsten Männer manchmal sind. Hochfliegende Reden und Zitate bedeutender Philosophen sind das eine. Das andere sind die realen Machtverhältnisse - dafür ist der Irakkrieg ein gutes Beispiel. Und doch verurteilt das Buch seine Hauptfiguren nicht. Bei aller Satire bleiben sie in gewisser Weise Helden, die versuchen, sich im Dickicht der Politik zurechtzufinden.

Blain kleidet das wie gewohnt in wundervoll überzeichnete Bilder, die vor Witz nur so sprühen. Die größte Präsenz hat dabei natürlich der übermächtig scheinende Minister, der mitunter zu Darth Vader mutiert und andere in seinen Bann schlägt. "Quai d'Orsay" ist ein großartiges, sehr zu empfehlendes Buch über Macht und Ohnmacht, darüber, wie Politik gemacht wird. Das weckte nicht zuletzt das Interesse von Peer Steinbrück. Auf der Frankfurter Buchmesse warf der erklärte Comic-Fan einen Blick in das Buch. Den Kanzlerkandidaten der SPD interessierte wohl, wie es zugeht am Quai d'Orsay. Man weiß ja nie, ob man die Informationen noch einmal gebrauchen kann.

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Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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