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Jeden Tag werden irgendwo grausam verstümmelte Leichen gefunden.
Jeden Tag werden irgendwo grausam verstümmelte Leichen gefunden.(Foto: AP/dpa)

Aus dem Inneren des Drogenkriegs: "Sterben in Mexiko"

Von Solveig Bach

Die großen Drogenkartelle verbreiten in Mexiko Angst und Schrecken. Sie erpressen Schutzgeld, morden und entführen Menschen. Es sind gewaltige Geldströme, die sie lenken. Alle bisherigen Bemühungen, ihnen das Handwerk zu legen, sind gescheitert. Der Autor John Gibler meint, dass dieser Krieg auch nicht gewonnen werden kann.

In den letzten sechs Jahren sind in Mexiko in einem blutigen Drogenkrieg zwischen 60.000 und 70.000 Menschen ums Leben gekommen. Bis zu 26.000 Menschen sind verschwunden. Nicht bei allen ist klar, ob es sich um Opfer der mächtigen Drogenkartelle, illegale Migranten oder anderweitig Verschwundene handelt. In vielen Fällen sind auch Sicherheitskräfte für das Verschwinden der Opfer verantwortlich, hieß es kürzlich in einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Dennoch: Die Bilanz ist schrecklich.

John Gibler war in den vergangenen Jahren immer wieder in Mexiko. Seit 2006 lebt und arbeitet er in dem Land. Das grausame System der alles beherrschenden Drogenbanden gehört zu seinem Alltag. In "Sterben in Mexiko" liefert er Berichte aus dem Inneren des Drogenkriegs. Es sind brutale, fast unmenschliche Wahrheiten, die Gibler dabei ausspricht. "Der Tod ist in einer transnationalen Multimilliarden-Dollar-Industrie ein Teil der laufenden Geschäftskosten", schreibt er.

Seit sich in den 1990er Jahren verschiedene Gruppen zu Drogenkartellen zusammengeschlossen haben, toben die unerbittlichen Kämpfe zwischen diesen paramilitärischen Drogenorganisationen. Jede dieser Gruppen kämpft mit äußerster Brutalität. Entführungen, Folter, Hinrichtungen und regelrechte Massaker sind an der Tagesordnung. Das Drogengeschäft ist eine gewaltige Geldquelle, das einzelne Menschenleben im Vergleich dazu nichts.

Unglaubliche Geldmengen

Das Buch ist bei Edition Tiamat erschienen.
Das Buch ist bei Edition Tiamat erschienen.

"Der Anbau der Koka-Pflanze bringt nicht viel ein", schreibt Gibler, "aber das fertige Kokain in die USA zu schmuggeln, ist ein wahnsinnig lukratives Geschäft. Das schiere Ausmaß des Marktes für illegale Narkotika sprengt jede Vorstellung." Die US-Behörden gehen davon aus, dass der Hauptteil der in die USA geschmuggelten Drogen aus Mexiko stammt. Marihuana wird dort angebaut, Methamphetamin in illegalen Labors hergestellt. Hinzu kommen Unmengen an Kokain aus Kolumbien und anderen lateinamerikanischen Ländern. Allerdings versäumten es offizielle Stellen in den USA wie auch die Presse "regelmäßig zu erwähnen, dass die mexikanische Armee und Bundespolizei sehr oft selbst Drogenhändler sind".

Längst durchzieht das Narco-Geschäft die mexikanische Gesellschaft bis in ihre letzten Winkel. Gibler erzählt von zahlreichen Verbrechen, von Überfällen auf Geburtstagsfeiern, bei denen viele junge Menschen sterben, bevor sich herausstellt, dass das Ganze eine Verwechslung war. Von subtilen und unverhohlenen Drohungen gegen Journalisten und Angehörige von Verschwundenen und von einer Medienoffensive, bei der der Mord auf Video aufgezeichnet und anschließend auf Youtube gezeigt wird, so wie es die Drogenkartelle bei Terrororganisationen wie El Kaida gelernt haben.

"Dieser Krieg hat ein Klima von so überwältigender Gewalt und Straflosigkeit geschaffen, dass die Morde an politischen Gegnern - Anwälte für indigene Rechte, Menschenrechtskämpfer, Anti-Bergbau-Aktivisten oder Aufständische - schnell ohne viel Aufmerksamkeit der ständig steigenden Zahl der Toten zugeschlagen werden." Die allumfassende Macht der Drogenkartelle lässt kaum noch Raum für demokratische Strukturen, die unfassbar reichen und mächtigen Gruppen bringen noch jede kritische Stimme zum Schweigen. Gerade erst stellte wieder eine Regionalzeitung die Berichterstattung über organisierte Kriminalität ein. Die Redaktionsleitung von "Zócalo" sei um die Sicherheit der Mitarbeiter und deren Familien besorgt, hieß es dazu im Editorial des Blatts aus dem Bundesstaat Coahuila de Zaragoza im Norden des Landes.

Legalisierung als Lösung?

Von den Geldströmen des gewaltigen Narco-Geschäfts profitieren nach Giblers Ansicht längst Staaten und Kapitalmärkte, das mache den Kampf dagegen so schwierig.  Drogenbosse brauchen seiner Meinung nach Banken für die Geldwäsche. So werden die Drogenmillionen "vollständig in die legale kapitalistische Ökonomie eingebunden". Alle Bemühungen der mexikanischen Regierung, den Zustand der Korruption und Rechtlosigkeit zu beenden, seien deshalb zum Scheitern verurteilt.

Gibler ist ein Befürworter der Legalisierung von Drogen und beruft sich dabei auf Wissenschaftler und Politiker, die ähnlich argumentieren. Seine These ist, dass der Preis für die legalisierten Drogen um 90 Prozent fallen würde. "Eine Legalisierung würde die Drogenhändler, so wie es sie heute gibt, aus dem Geschäft drängen." Dann könne man die wirklichen "Probleme des Drogenmissbrauchs durch Erziehung, Risikominimierung und gesundheitspolitische Maßnahmen angehen". Der Drogenkrieg habe sich längst zu einem eigenen "gewalttätigen und kriminellen Unternehmen" entwickelt, dass es als erstes zu stoppen gelte.

"Sterben in Mexiko" ist nichts für Zartbesaitete, Gibler beschreibt die Brutalität der  Narco-Kartelle genau und dennoch voller Mitgefühl für die Opfer und ihre Angehörigen. Er zeigt das Bild einer Gesellschaft voller Angst und mit wenig Optionen auf einen anderen Weg. Das klingt manchmal naiv. Doch es lässt den Leser nicht kalt, auch wenn dem Buch ein wenig mehr Sorgfalt gut getan hätte. Giblers Arbeit und die zahlreichen Opfer des Drogenkriegs hätten es verdient.

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Quelle: n-tv.de

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