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Mit moderner Gerätmedizin können Menschen fast unendlich lange in einem lebensähnlichen Zustand gehalten werden.
Mit moderner Gerätmedizin können Menschen fast unendlich lange in einem lebensähnlichen Zustand gehalten werden.(Foto: picture alliance / dpa)

Entscheidungen am Ende des Lebens: "Sterben lassen"

Von Jana Zeh

Das Thema ist unangenehm und bedrückend, doch um eine Auseinandersetzung damit kommt niemand herum. Wann ist das Leben zu Ende? Wann darf man ein Beatmungsgerät abschalten? Wer bestimmt, wann ein lebenserhaltende Maßnahme eingestellt wird? Der Mediziner Ralf J. Jox gibt Antworten.

Jeder dritte Mensch, der in einer Industrienation lebt, stirbt in einem Krankenhaus. Ähnlich wie die Geburt ist auch das Sterben in diesen Regionen zu einem klinischen Prozess geworden, der hinter geschlossenen Türen geschieht und lange dauern kann. Die moderne Gerätemedizin macht es möglich. Diese Entwicklungen werfen neue Fragen für das Ende des Lebens auf, mit denen sich jeder als Individuum auseinandersetzen sollte. Aber auch gesellschaftlich und vor allem auf rechtlicher Ebene ist Handlungsbedarf für diesen emotional aufgeladenen Bereich dringend nötig.

Was kann eine Patientenverfügung leisten? Was genau versteht man unter Sterbehilfe? Darf ich als Angehöriger bestimmen, wann eine lebenserhaltende Maßnahme eingestellt wird? Diesen und weiteren Fragen hat sich Ralf J. Jox in seinem Buch "Sterben lassen – Über Entscheidungen am Ende des Lebens" angenommen. Jox, der als Facharzt für Neurologie und Palliativmedizin arbeitet, steht oftmals selbst an den Betten sterbender Patienten. Auch er erlebt Unsicherheit und Zweifel, vor allem bei Angehörigen, aber auch beim Klinikpersonal. Der Mediziner will sich mit diesen Verunsicherungen nicht arrangieren. Er folgt mit seinem Buch Friedrich Dürrenmatt, der einmal gesagt hat: "Die Beschäftigung mit dem Tode ist die Wurzel der Kultur" und sorgt für Aufklärung.

Missverständnisse am Sterbebett

Obwohl in Deutschland Sterben und Tod bei einem großen Teil der Bevölkerung noch immer Tabu-Themen sind, geht Jox in unglaublich direkter Weise das Thema Sterben an. Er bearbeitet es vor allem als Arzt, aber auch als Mensch. Systematisch geht er auf den historischen Wandel des Sterbens ein, auf Ethik, Verantwortung und die Angst vor dem Tod. Er erläutert, welche negativen Auswirkungen eine künstliche Beatmung oder Ernährung und sogar manche Medikamente bei bestimmten Erkrankungen in der Phase des Sterbens haben können.

Er erzählt, in welchen Handlungszwängen sich die meisten Mediziner befinden, wenn sie todkranke Menschen behandeln. Er beleuchtet die rechtliche Lage und das umstrittene Thema der Hilfe zum Suizid. Er erzählt, wie in anderen Ländern das Thema angegangen wird und welche Auswirkungen alternative Ansätze haben können. Er entwirft Kriterien für Ärzte, Pflegekräfte und Seelsorger, wie man ein würdiges Sterben gestalten kann. Mit anschaulichen Beispielen aus dem Klinikalltag und zahlreichen Studienergebnissen räumt der Mediziner vor allem mit Vorurteilen und Missverständnissen über die rechtliche Lage am Sterbebett auf und deckt die juristischen Lücken auf.

Bei seinen Ausführungen ist Jox äußerst präzise und sachlich. Dennoch ist sein persönliches Anliegen in jeder Zeile seines Buches zu lesen. Er setzt sich für ein würdevolles Sterben ein. Für ein Sterben, das im Sinne des todkranken Patienten geschieht. Wenn dieser sich jedoch am Ende seines Lebens nicht mehr äußern kann, dann sind Angehörige meist hilflos und überfordert. Aber auch Ärzte und Pfleger sind in dieser Situation oftmals überlastet.

Reden über den Tod ist wichtig

Der Autor ruft dazu auf, sich mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen und darüber ins Gespräch zu kommen. Er macht unmissverständlich klar, dass der Wunsch nach einem würdevollen Sterben nur mit Hilfe intensiver Kommunikation zwischen Vertrauenspersonen umgesetzt werden kann.

Im Sterbeprozess muss der Mensch, der im Sterben liegt, im Mittelpunkt bleiben, aber die Angehörige brauchen dringend Unterstützung. Je mehr die Hinterbliebenen über die Wünsche des Sterbenden erfahren haben, umso beruhigter können sie diese Wünsche am Ende des Lebens umsetzen. Immer wieder verweist Jox in diesem Zusammenhang auch auf die ethischen und spirituellen Aspekte des Sterbens.

Mit "Sterben lassen" hat sich Jox nicht nur in beachtlicher Art und Weise des Themas angenommen, sondern auch einen Teil dazu beigetragen, das gesellschaftliche Tabu anzukratzen. Er gibt nicht nur seinen Kollegen strukturierte Arbeitsmaterialien auf wissenschaftlicher Basis an die Hand, sondern vermittelt auch gut recherchierte Informationen für Menschen, die sich mit dem Sterben auseinandersetzen wollen oder müssen. Dieses Buch sollte man vor einem möglichen Ernstfall lesen, damit es dann nicht zu spät ist.

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Quelle: n-tv.de

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