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"Muss immer an Hitler denken": Tagebücher eines jungen Nationalsozialisten

Von Katja Sembritzki

Ein Leben ohne den "Führer" ist für Franz Albrecht Schall unvorstellbar. Aus dem begeisterten Hitlerjungen wird ein glühender Nationalsozialist. Seine nun veröffentlichten Tagebücher sind historisch von Bedeutung.

"Muss immer an unser Deutschland und an die Bewegung und an Adolf Hitler denken", notiert Franz Albrecht Schall am 13. Dezember 1932 in sein Tagebuch. Der junge Mann kann sich kaum auf seine Tischlerlehre konzentrieren, der Nationalsozialismus berauscht ihn wie eine Droge. "Ohne Nazi kann ich nicht voll leben und sein, was ich sein soll", ergänzt er an anderer Stelle.

Das Buch ist bei dtv erschienen, hat 352 Seiten und kostet 24 Euro.
Das Buch ist bei dtv erschienen, hat 352 Seiten und kostet 24 Euro.

Die zwischen 1928 und 1935 entstandenen Einträge sind etwas Einmaliges, da sie "die einzigen bis dato bekannten" Aufzeichnungen eines Jugendlichen aus dieser Zeit seien, so André Postert. Der Historiker hat sie unter dem Titel "Hitlerjunge Schall. Die Tagebücher eines jungen Nationalsozialisten" veröffentlicht und mit Kommentaren, Details zur Geschichte der Familie Schall und historischen Einordnungen versehen.

Die Tagebücher dokumentieren aus der Sicht eines fanatischen jungen Mannes die als "Kampfzeit" bezeichnete Phase vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und die anschließende Verankerung der NS-Diktatur. Und sie zeigen die gefährliche Verführungskraft, mit der die Nationalsozialisten schon Kinder und Jugendliche an sich zu binden wussten. Historisch haben die Notizen große Bedeutung, denn anders als später verfasste Erfahrungsberichte sind die Gedanken und Emotionen nicht durch die Erinnerung beeinflusst.

Marschieren, singen, "Heil" rufen

Schall wird 1913 in eine protestantische Familie in Altenburg hineingeboren. Der Vater ist promovierter Theologe und eng mit dem Schriftsteller Hermann Hesse befreundet. Er lehrt, ebenso wie die Mutter, an einem Gymnasium. In der thüringischen Kleinstadt gehört die Familie zur intellektuellen Oberschicht, Franz Albrecht und seinen zwei Brüdern wird eine umfassende Bildung zuteil. Nichts lässt vermuten, dass Schall sich politisch nach rechts orientieren wird.

Als aber nach der Wirtschaftskrise immer mehr seiner Pfadfinderfreunde zur Hitlerjugend wechseln, tritt auch Schall 1930 bei. In seinen Aufzeichnungen berichtet er detailliert von Heimabenden der HJ, die der Organisation und ideologischen Schulung dienen, von Fackelzügen, Werbemärschen durch Arbeiterviertel und Kundgebungen. Mehrmals nimmt er an Massenveranstaltungen teil, bei denen Hitler auftritt - den er oft aber weder sieht noch hört.

André Postert ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden.
André Postert ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden.(Foto: privat)

Es wird viel marschiert, gedrillt, "Heil" gerufen und gesungen. Schall schreibt mit großer Euphorie über seine Erlebnisse. Aufmärsche und politische Reden, die er oft wörtlich zitiert und kommentiert, sind "prachtvoll". Es herrscht "freudige" oder "kampffrohe" Stimmung, vieles hinterlässt einen "tiefen Eindruck". Die Feindbilder sind klar: Juden, Marxisten, Kommunisten.

Auch während seiner Lehrzeit in Dresden, wo er sich nach dem Abitur ab 1932 zum Tischler ausbilden lässt, nimmt er Kontakt zur dortigen Hitlerjugend auf. Kaum ein Eintrag, der ohne einen Gedanken zum Nationalsozialismus endet. Fast verzweifelt sucht Schall nach Möglichkeiten, seinen Betrag für "die Bewegung" zu leisten.

Aber so richtig will es ihm nicht gelingen. Die NS-Veranstaltungen missfallen ihm ("viel Spießertum und Frauen, wenige Kämpfertypen") und er ärgert sich über die Disziplinlosigkeit der jungen Braunhemden ("HJ aß mit Leidenschaft Eis! Das sagt alles. Von wirklichem Kampfgeist keine Spur! Es ist geradezu trostlos").

Kein Wort des Zweifels

Nach der "Machtergreifung" Hitlers Anfang 1933 sieht sich Schall - inzwischen Mitglied der NSDAP - darin bestärkt, sein Leben dem Nationalsozialismus zu widmen. Während sein Vater, der Kontakt zu Oppositionellen pflegt, in Gestapo-Haft sitzt und einen mitleidlosen Brief seines Sohnes erhält, verschreibt Schall sich auch beruflich dem NS-Staat: Er studiert Pädagogik an der NS-Musteruniversität in Jena und arbeitet anschließend als Werklehrer an den Adolf-Hitler-Schulen in Sonthofen.

Bei der spannenden und abstoßenden Lektüre der Tagebücher verfolgt der Leser Schalls Weg von einem begeisterten Hitlerjungen zu einem glühenden Nationalsozialisten. Nie fällt ein Wort, das auch nur leiseste Zweifel oder gar Kritik am Nationalsozialismus vermuten ließe. Schall entspreche dem klassischen Muster eines politischen Extremisten, schreibt Postert: "Unrecht wird von ihm zu Recht verklärt und die Realität so lange verdreht, bis sie ein ideologisches und bisweilen konfuses Wahnbild ergibt".

Schall, der nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin als Lehrer tätig war, wollte sich auch später die Erinnerung an seine Jugendzeit im Zeichen des Hakenkreuzes nicht kaputt machen lassen - wie so viele seiner Generation. Zwar bezeichnete er Hitler als "größenwahnsinnigen Despoten und Psychopaten" mit "perfiden Helfern und Helfershelfern", so Postert. Aber die Antwort auf die Frage, ob er selbst nicht auch im Kleinen zu diesen Helfern gezählt werden müsse, sei Schall bis zu seinem Tod 2001 schuldig geblieben.

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Quelle: n-tv.de

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