Terroir, Parker-Punkte und echter GenussTerry Theise kämpft gegen den Einheitswein

Wer je an einer Weinverkostung teilgenommen hat, könnte sich seltsam unwissend und inkompetent vorgekommen sein. Die Beurteilung von Weinen ist längst ein Geschäft, Weine werden regelrecht designt und dann mit zahlreichen blumigen Formulierungen auf dem Etikett in die Supermärkte gestellt. Weinhändler Terry Theise ist all das ein Graus.
Terry Theise als Weinhändler zu bezeichnen, ist untertrieben, selbst Weinkenner oder Weinliebhaber dürfte ihn nur unzureichend beschreiben. Theise ist natürlich all das, vor allem aber ist er dem Wein leidenschaftlich verbunden. Mit "Mein Wein" legt er nun ein Plädoyer gegen den globalen Einheitswein vor.
Als Teenager lebte der US-Amerikaner Theise drei Jahre in München, das verbindet ihn noch immer mit Deutschland, aber auch mit dem benachbarten Österreich. Dass Wein cool sein könnte, glaubte Theise, nachdem er Rod Stewart auf einem Konzert gesehen hatte, der Mateus Rosé trank. Zu der Entscheidung mag beigetragen haben, dass Stewart die Flasche in die erste Zuschauerreihe weiterreichte und auch Theise einen Schluck abbekam.
Viele Jahre später schreibt er: "Seit Jahrzehnten bin ich jenen Weinen verfallen, deren eigentümliche Kraft der Sanftheit uns um eine Sprache ringen lässt, um sie zu beschreiben." Jene Weine, das sind vor allem in Deutschland und Österreich produzierte, besonders der Riesling hat es Theise angetan. Die gut 220 Seiten seines Buchs nutzt Theise hauptsächlich, um für seine Idee von einem guten Wein zu werben. Der entscheidende Punkt für ihn ist dabei: Der Wein soll danach schmecken, wo er herkommt. Es macht eben einen himmelweiten Unterschied, ob der Weinstock auf Moselschieferboden, tonhaltigem Boden oder an einem Steilhang wächst.
Allerdings vermeidet Theise den Modebegriff des "Terroir", mit dem Winzer und Weinexperten nicht nur den Boden, sondern auch den Niederschlag, die Rebsorte, das Mikroklima und die Arbeitsweise des Weinbauern beschreiben. Ihm geht es um nicht weniger als den Wein: ein in seiner Einfachheit perfektes Produkt, mit jahrhundertealtem Wissen regional erzeugt und gern auch international vermarktet.
Zu viel Gestaltung
Theise hasst es, wie besessen der "technokratisch-önologische Komplex daran gearbeitet hat, jede "ärgerliche Variable aus dem Wein zu verbannen und der verflixten Natur ihre Launen auszutreiben". Das dabei entstandene Industriegesöff, in jedem Supermarkt zu haben, verdient nach Theises Maßstäben den Namen Wein nicht mehr. Der Käufer packt ihn trotzdem in den Wagen und trinkt ihn auch.
"Aber was soll der arme Konsument denn tun, der vor überbordenden Weinregalen voller Kauderwelsch auf den Etiketten steht, der mit der talmudischen Undurchdringbarkeit einer kiloschweren Weinkarte konfrontiert ist oder Bücher liest, die ernsthaft davon handeln, wie schwierig doch die Welt des Weins ist?" Der Sarkasmus in Theises Worten lässt ahnen, wie fremd ihm diese Weinwelt ist.
Was dann?
Doch weil er der "Weinversimplungsindustrie" den Kampf angesagt hat, hat er für den Leser auch einen Weg abseits dieser Strecke parat. Er führt – bildlich gesprochen – über die verschlungenen Pfade an briefmarkengroßen Parzellen entlang, steile Berghänge hinauf, in der Nase den Geruch nassen Schiefers. So beschreibt er seine eigenen Wanderungen zu Winzerfamilien, in denen teilweise drei Generationen mit dem Weinanbau und der Herstellung beschäftigt sind. Weil diese Wanderung an Rhein oder Mosel entlang nicht jeder unternehmen mag, empfiehlt Theise, sie im Weinladen zu wagen. "Verschiedene Winzer mit angrenzenden Parzellen auf demselben Weinberg werden aus ihren Beeren unterschiedlich schmeckende Weine ausbauen." Die könnte man also alle kosten und dabei vermutlich eine Menge Spaß haben. Selbst wenn einem einer oder mehrere der Weine nicht schmecken, hätte man damit sicher eine bessere Zeit verbracht, als mit dem schlechten Gefühl, sich weininkompetent vorzukommen.
Und man hätte einen weiteren Rat Theises beherzigt, den Spaß beim Weintrinken nicht zu vergessen. Denn: "Wein kann eine bedeutende Erfahrung sein, er kann eine ganze Kultur verkörpern, uns zum Schwelgen bringen und die Tür zum Geheimnisvollen einen Spalt weit öffnen. Aber ihn immerzu mit bedeutungsschwangerer Feierlichkeit zu behandeln, kann das Leben ziemlich öde machen." Andererseits, und das ist Theises dritter Rat, tut man gut daran, den Zauber zuzulassen, den ein Wein gelegentlich verbreitet. Dann darf nicht nur, es sollte geschwelgt werden in der Stimmung, die Ort und Menschen und Rebensaft gemeinsam erzeugen.
Vergnügliche Lektüre
Terry Theise hat ein herrlich unterhaltsames Buch für Menschen geschrieben, die sich für Wein interessieren. Er hat es auf eine Weise getan, dass man selbst als Nichtweintrinker wünscht, dieser Genuss möge sich eines Tages vielleicht doch noch erschließen. All diejenigen, die Wein schon mögen, aber noch irgendwelche Minderwertigkeitsgefühle mit sich herumschleppen, lädt er ebenso freundlich wie überzeugend ein, ihrer Liebe leidenschaftlich zu frönen. Und sich von den aufgeblasenen Beschreibungen zu lösen, ob dieser oder jener Wein nun eine "herzhafte Ader von Mineralität" oder doch eher "barocke Fruchtigkeit" hat.
Selbst ein teurer Wein mit 100 Parker-Punkten kann eine Enttäuschung sein. Theise zufolge verhält sich ein gut gemachter, einfacher Wein zu einem vinifizierten Gesöff wie eine schöne Frau zu einer schönheitsoperierten. Und, ja, man darf auch einen guten Wein in einem wunderbaren Moment aus der Flasche trinken.