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Verbeugung vor der Rock-GeschichteThe Stranglers - (fast) das ganze Opus

15.11.2009, 15:12 Uhr
imageManfred Bleskin

Sie sind das ganze Gegenteil von dem, was sie scheinen. The Stranglers sind eine Band, die einen unverzichtbaren Anteil an der Geschichte des zeitgenössischen Rock and Roll hat.

Sie sind das ganze Gegenteil von dem, was sie scheinen. The Stranglers sind keine Würger, sondern eine Band, die einen unverzichtbaren Anteil an der Geschichte des zeitgenössischen Rock and Roll hat. Stranguliert haben sie niemanden, höchsten den schlechten Geschmack. Sie sind auch nicht ausländer- oder frauenfeindlich, sondern stehen politisch links. Einer ihrer Helden im Song "No More Heroes" ist der im Auftrag des Antikommunisten Stalin ermordete russische Revolutionsführer Lew Dawidowitsch Trotzki.

Wer bis hin zum Zynismus reichende Hintergründigkeit nicht versteht oder verstehen will, dem ist dann auch nicht mehr zu helfen. Diese Widersprüchlichkeit ist – wahrscheinlich – dafür verantwortlich, dass die Gruppe aus dem südostenglischen Guildford heuer, auch und gerade hierzulande, nicht jenen Status genießt, wie andere aus der Zeit des New Wave. Stichworte: Dire Straits und Police. Das kann und sollte sich mit den vorliegenden Ausgaben ändern.

Originalcover und Bonustracks

Das Massivangebot umfasst ein 3-CD-Set mit allen Singles und B-Seiten aus der Zeit zwischen 1977 und 1982 sowie eine Box aus der "Original Album Classics"-Reihe. Reizvoll hier wie immer die "Cardboard-Sleeves" mit den Originalumschlägen der Platten. Dazu gibt’s auf jeder Scheibe Bonustracks. Schade, dass der Wechsel der Truppe um Sänger und Bassist Jean-Jacques Burnel von United Artists zu Epic eine noch repräsentativere Edition verunmöglicht hat. "Rattus Norvegicus", das Debütalbum aus 1977, fehlt irgendwie und hätte die Entwicklung der einstigen Post-Punk- zur Popband noch deutlicher gemacht. Sei’s drum. Es sind ja auch noch nicht alle Epic-Alben neu erschienen.

Erstaunlicherweise blieben die Stranglers im Verlaufe ihrer Entwicklung auf ihrem hohen musikalischen und textlichen Niveau. Die harten, manchmal bis an die Schmerzgrenze schrillen, Gitarren, der wummernde Bass aus den Anfangsjahren klingen ebenso überzeugend wie die sanfte Orgel, die sich durch den Superhit "Golden Brown" zieht. Der Song entstammt der LP "La folie", die 1981 erschien. Der Titelsong ist ein Chanson, das den Vergleich mit Léo Ferrés gleichnamigem Lied nicht zu scheuen brauchen. Das Französisch von Burnel klingt überzeugend. Was Wunder, wenn man als Sohn französischer Eltern das Licht der – englischen – Welt erblickt. Aber allemal überzeugender als – der von mir sehr verehrte Jeff Lynne möge mir verzeihen – als die gallischen Töne in "Hold On Tight To Your Friends" des Electric Light Orchestra. Umso mehr, als andererseits Burnels Englisch keinen Akzent aufweist.

Eine heftige Umarmung

Nicht nur Eigenkompositionen gab es von den Stranglers. Erwähnt seien hier das psychedelische "96 Tears", mit dem eine längst vergessene US-Kapelle namens Question Mark & The Mysterians 1966 schon einmal einen Nummer-1-Hit in den Billboard Charts hatte. Und natürlich das geniale "All Day And All Of The Night" aus der Feder von Meister Ray Davies von den Kinks selig. Die Nummer gibt’s gleich im Doppelpack. Einmal als Studioaufnahme auf der LP "10" und dann als Konzertmitschnitt auf dem Album "All Live & All Of The Night”. Das ist mehr als ein Wortspiel: Selten ist eine Verbeugung vor der Rock-Geschichte so gut gelungen.

Fazit: The Stranglers haben ihr Publikum keinesfalls erwürgt, sondern umarmt. Auch wenn die Umarmung manchmal etwas heftig ausfiel. Was zu beweisen war.

The Stranglers: "Original Album Classics" – "Feline", "Aural Sculpture", "Dreamtime", "All Live & All Of The Night” (Live), "10"; THE UA SINGLES 1977-1982", 3CD-Box, Epic Sony