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Constantin Schreiber hat kürzlich den Grimme-Preis gewonnen.
Constantin Schreiber hat kürzlich den Grimme-Preis gewonnen.(Foto: Charles Yunck)

Auszug aus "Marhaba, Flüchtling!": Unsere Scharia heißt Grundgesetz

Von Constantin Schreiber

Sind unsere Gesetze zu schwach angesichts der Zuwanderung von Menschen, die sich islamischen Regeln verbunden fühlen? Müsste sogar das Grundgesetz erweitert werden?

Auszüge aus "Marhaba, Flüchtling!" - exklusiv bei n-tv.de

Seit September 2015 bringt n-tv Moderator Constantin Schreiber in mehr als einem Dutzend Folgen der Multiplattform-Reihe "Marhaba - Ankommen in Deutschland" Flüchtlingen Deutschland näher. Anfang März 2016 wurde er dafür mit dem renommierten Grimme-Preis ausgezeichnet. Nun versucht Schreiber, die Unterschiede zwischen Deutschen und Zuwanderern in seinem neuen Buch zu erklären - auf Deutsch und Arabisch. Auf n-tv.de haben Sie die exklusive Möglichkeit, in drei Teilen Auszüge aus "Marhaba, Flüchtling!" zu lesen.

Am Anfang steht das Grundgesetz. Warum? Weil ein großer Teil unserer Freiheiten und unserer Geschichte in ihm gebündelt sind und es eine Art Kompass darstellt, anhand dessen man zeigen kann, wo wir herkommen und was uns ausmacht.

Die Rolle von Religion, das Verhältnis von Männern und Frauen. Das sind, nicht zuletzt auch wegen aktueller Debatten, eigene Kapitel. Diese Themen werden auch nicht in ihrer Tiefe im Grundgesetz behandelt. Aber es stellt in klaren, unmissverständlichen Formulieren fest, was bei uns gilt: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist die Verpflichtung aller staatlichen Gewalt", "Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit" und "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich".

Für einige sehr orthodoxe Muslime sind jedoch die Gesetze des Propheten wichtiger als jedes irdische Gesetzbuch. Stichwort: Scharia. Die Gesamtheit aller islamischen Gesetze basiert auf dem Koran und ist in allen islamischen Staaten eine Quelle der Rechtsordnung.

Wie passt das zusammen? Kann man Menschen, die fest an die Vorrangigkeit islamischer Gesetze für weltliche Gesellschaften glauben "umerziehen"? Auch hier gilt natürlich: "Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich." Jeder Muslim darf seine Religion bei uns leben, doch gilt unser Rechtssystem.

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Im Dezember wurde ein aus Pakistan stammendes Paar vom Landgericht Darmstadt zu lebenslanger Haft verurteilt. Sie hatten ihre 19-jährige Tochter, die gegen den Willen der Familie einen Freund hatte, ermordet, um die Familienehre zu retten. Zwar fordert die Scharia, die Gesamtheit aller islamischen Gesetze, eine besondere Keuschheit der Frau, aber Ehrenmorde? Nein! Rechtlich legitimiert werden sie dort ebenso wenig wie hier. Dennoch leben Menschen bei uns nach vermeintlich islamischen Maßstäben, die mit dem deutschen Grundgesetz in vielerlei Hinsicht nicht vereinbar sind. Was heißt das für unser Zusammenleben? Sind unsere Gesetze zu schwach?

Das Grundgesetz stammt aus einer Zeit, in der muslimische Zuwanderung für die deutsche Gesellschaft überhaupt keine Rolle spielte, und damit auch nicht bei der Erstellung des Werte- und Rechtekanons. Muss das Grundgesetz vielleicht sogar erweitert werden? Es entstand vor dem Hintergrund einer bestimmten geschichtlichen Erfahrung und in einer gesellschaftlichen Situation, die nicht mehr viel mit der heutigen gemein hat. Es war das Deutschland vor den Gastarbeitern, vor den 68ern, vor der Wiedervereinigung - und vor allem das Deutschland vor der Zuwanderung von Millionen Muslimen. Ändert das etwas an den Grundfesten unserer wichtigsten Werte und Normen?

In der zweiten Episode von "Marhaba" ging es um das Grundgesetz. Zu der Zeit gab es eine große öffentliche Debatte darüber, wie Flüchtlingen die wichtigsten Pfeiler unseres Staates und unserer Gesellschaft vermittelt werden können. In dieser Episode sagte Finanz-Staatssekretär Jens Spahn, man müsse auch Witze über den Koran aushalten. Schließlich garantiere unser Grundgesetz die freie Rede. Dieses Zitat wurde in Windeseile von zahlreichen arabischen Seiten und Foren aufgegriffen und diskutiert - "Da seht her, es ist ein ungläubiges Land", kommentierte ein arabischer Zuschauer bei Facebook diese Folge.

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Quelle: n-tv.de

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