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Der Bug im Morgengrauen - mittlerweile ist der Fluss die Ostgrenze der EU.
Der Bug im Morgengrauen - mittlerweile ist der Fluss die Ostgrenze der EU.(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Galizien, der Bug und das Biest: Vertreibung ins "schissige Schlesien"

Von Markus Lippold

In ihrem Debütroman "Katzenberge" erzählt Sabrina Janesch von der Vertreibung des Großvaters. Dessen Vergangenheit lässt die Enkelin nicht ruhen. Sie muss nach Galizien - um einen Fluch zu bannen.

Nele Leipert aus Berlin – polnische Mutter, deutscher Vater, Medienjob in einer Agentur – bekommt einen Anruf: Ihr Großvater ist tot. Stanislaw Janeczko wird in fremder Erde begraben. Einst, nach dem Krieg, musste er während antipolnischer Pogrome seinen Hof in Galizien verlassen, die Flucht endete weit im Westen, im "schleimigen, schissigen Schlesien". Hier fand er einen von Deutschen verlassenen Hof, hier zog er seine Kinder groß, hier erzählte er seiner Enkelin die Geschichten seines Lebens. Die nun ukrainische Heimat sah der Pole nie wieder.

Sabrina Janesch
Sabrina Janesch(Foto: Milena Schloesser)

Doch auf der Beerdigung Janeczkos stößt Nele auf Ungereimtheiten. Was tuscheln ihre Onkel da? Warum schweigen alle, wenn es um Galizien und den verschwundenen Bruder des Großvaters geht? Die junge Frau will es genau wissen – typisch deutsch, spottet die polnische Verwandtschaft. Gegen deren Widerstand macht sie sich auf den Weg nach Osten, nach Galizien. Die Reise der Enkelin in die Ukraine korrespondiert dabei mit der geschickt eingeflochtenen Lebensgeschichte des Großvaters, der in die entgegengesetzte Richtung flüchtete. Je näher Nele dem Grenzfluss Bug kommt, je ursprünglicher und wilder die Natur wird, desto geheimnisvoller wird die Geschichte der Familie, desto größer wird der Strudel aus Verrat, Schuld und Fluch.

Die persönliche, familiäre Perspektive

Sabrina Janesch erzählt in "Katzenberge" atmosphärisch und stellenweise bedrückend eine Familiengeschichte vor dem Hintergrund polnischer Historie, die hier zum Mit- und Gegeneinander benachbarter Völker wird. Das kennt die Autorin aus eigener Erfahrung. Die 25-Jährige ist wie ihre Protagonistin Deutsch-Polin. Sie studierte kreatives Schreiben in Hildesheim und Polonistik in Krakau. 2009 wurde sie erste Stadtschreiberin in Danzig, mit einem Ausschnitt aus dem Roman war sie schließlich für den diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert. Der dort vorgestellte Text ist mit dem fertigen Roman freilich nur schwer zu vergleichen. Darum greift auch die in Klagenfurt vorgebrachte Kritik nicht.

Janeschs Sprache mag einfach sein, doch sie passt, wie das Erzähltempo, ins dörfliche Leben. Die Einfachheit ist nicht mit Einfalt zu verwechseln, denn sie entspringt der Herkunft des Großvaters und seiner Bindung an die heimatliche Erde. Der in einem abgelegenen galizischen Dorf Geborene misstraut der Eisenbahn, die in die Ferne führt, hängt aber einem Aberglauben an Naturgeister und teuflische Biester an, die den gewohnten Jahreskreis begleiten. Im fremden, unbekannten Schlesien wird deshalb jeder Laut, jede Bewegung zur unheimlichen, abergläubisch überhöhten Gefahr. Dieses bäuerliche Denken fängt Janesch mit klarer Sprache und schönen magischen Momenten ein.

Der Großvater rettet die Geschichte

Sabrina Janesch: "Katzenberge", Aufbau-Verlag 2010, 277 Seiten, 19,95 Euro (D).
Sabrina Janesch: "Katzenberge", Aufbau-Verlag 2010, 277 Seiten, 19,95 Euro (D).

Dem Großvater steht eine eher blasse Enkelin gegenüber, die für die wenigen Längen im Roman sorgt. Zu lange verharrt die unentschlossene Protagonistin in Schlesien, zu kurz ist der spannende Besuch in der Ukraine, wo die Handlungsstränge zusammenlaufen – etwas mehr Abenteuer hätte man sich hier gewünscht. Immer wieder sind es die Erlebnisse des alten Janeczko – die Ankunft in Schlesien, der Kampf gegen das mysteriöse Biest, die Flucht im Nachthemd –, die die Spannung erhalten. Von diesem ereignisreichen Leben zehrt auch die Enkelin, denn die Reise der medial bewanderten Großstädterin ist weit weniger aufregend als die Flucht des bäuerlichen Großvaters. Erst als Nele – in Umkehr zum Großvater in Schlesien – das ihr fremde Galizien betritt, nimmt auch ihre Geschichte Fahrt auf.

Janesch legt mit "Katzenberge" ein gut erzähltes Debüt vor. Sie unternimmt nicht den Versuch, den großen historischen Roman über Vertreibungen zu schreiben, sondern sie nähert sich dem Thema aus einer sehr persönlichen, familiären Sicht. Zudem bildet der von Janesch geschilderte dörfliche Handlungsraum – in Schlesien, in Ostpolen, in der Ukraine – einen wohltuenden Gegenpol zur medial ausgeschlachteten Großstadtliteratur mit Darkrooms und Drogenexzessen. Die von ihr gewählte Thematik ist brisant: Die Vertreibung der Polen nach Schlesien wird in der deutschen Debatte weitgehend verschwiegen, dabei ging sie der Vertreibung der Deutschen voraus. Diese Polen gehören zu den Verlierern eines Krieges, den sie nicht angefangen hatten.

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Quelle: n-tv.de

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