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Edwige Fenech war in den 60er und 70er Jahren ein Star unzähliger Filme, vom Historienschinken bis zur Erotikkomödie. Hier erzählt Berberian "Das Geheimnis der blutigen Lilie" nach.
Edwige Fenech war in den 60er und 70er Jahren ein Star unzähliger Filme, vom Historienschinken bis zur Erotikkomödie. Hier erzählt Berberian "Das Geheimnis der blutigen Lilie" nach.(Foto: Charles Berberian / Reprodukt Verlag 2016)

Gute Filme, schlechte Filme: Warum man das Kino lieben muss

Von Markus Lippold

Auf der einen Seite: eine billige "Star Wars"-Kopie aus der Türkei. Auf der anderen Seite: Hollywood-Klassiker mit Burt Lancaster und Marilyn Monroe. Zwei Comics feiern die absurde, großartige, verdammte Welt des Kinos.

Niemand ist so fasziniert vom Kino wie Kinder. Anders als Erwachsene lassen sie sich ohne Zögern auf das ein, was auf der Leinwand passiert. Egal wie billig der Streifen ist, egal wie unlogisch oder durchschaubar die Handlung daherkommt. Kein Wunder, dass viele Menschen die Filme, die sie als Kind gesehen und liebgewonnen haben, ihr Leben lang mit sich herumtragen. Ihre Helden sind für sie unsterblich: von Winnetou und Old Shatterhand über Bud Spencer und Terence Hill bis zur Olsenbande.

Das türkische Kino war in den 70ern äußerst produktiv - es entstanden unzählige Genre-Filme.
Das türkische Kino war in den 70ern äußerst produktiv - es entstanden unzählige Genre-Filme.(Foto: Charles Berberian / Reprodukt Verlag 2016)

Auch Charles Berberian liebte schon als Kind das Kino. Mit dem Comic "Cinerama" setzt er nun jenen Filmen ein Denkmal, die er damals gesehen hat. Dem Leser verspricht er nicht weniger als "eine Auswahl der besten schlechtesten Filme der Welt". Und er hält Wort: Er stellt B-Filme vor, Billigproduktionen aus der Türkei, aus Frankreich, Italien und Japan, die längst Kultstatus erlangt haben.

Die türkische Star-Wars-Version

Gleich zu Beginn widmet sich Berberian dem türkischen Kino. Dazu gräbt er den legendären Science-Fiction-Film "Der Mann, der die Welt rettet" aus (Video siehe unten). Dieser wurde auch als "Turkish Star Wars" bekannt. Warum? Weil die Darsteller teilweise einfach vor einer Leinwand agieren, auf der Szenen aus "Krieg der Sterne" laufen. Hemmungslos klaute der Streifen nicht nur Bilder, sondern auch die Musik aus dem Weltraum-Klassiker. Darin eingebettet ist die Geschichte zweier türkischer Piloten, die sich einem Weltraumtyrannen stellen. Der Film gilt heute als Geheimtipp unter B-Film-Fetischisten, obwohl er nie außerhalb der Türkei lief.

Gern erinnert sich Berberian an die Kindervorstellungen im Irak, in denen eigentlich nicht jugendfreie Filme geziegt wurden.
Gern erinnert sich Berberian an die Kindervorstellungen im Irak, in denen eigentlich nicht jugendfreie Filme geziegt wurden.(Foto: Charles Berberian / Reprodukt Verlag 2016)

Der Ausflug in die Untiefen des türkischen Genre-Kinos gibt die Richtung vor: In weiteren Kapiteln beschäftigt sich Berberian etwa mit dem arabischen Sänger Farid el Atrache, der in zahllosen Schmonzetten die Damenwelt becircte. Er begibt sich auf die Spuren der Italienerin Edwige Fenech, die in den 60ern und 80ern in Dutzenden Erotik- und Genrefilmen mitspielte. Er seziert den US-Horror-B-Film "Frankensteins Tochter" und macht einen Ausflug zur japanischen Science-Fiction-Serie "Ultraman". Berberian erzählt diese Filme als Comic nach - nicht ohne sie ironisch zu kommentieren.

"Cinerama" ist ein Ausflug an Orte, an denen die Kulissen aus Pappe und die Dialoge aus Schmalz und Pathos bestehen. Dazu passt Berberians beschwingter, zugespitzter Strich. Allerdings kratzt er nur an der Oberfläche. Die Nacherzählung der oft absurden Geschichten greift zu kurz, um die Faszination für B-Filme wirklich zu erklären. Bei etlichen Beispielen, die er aufführt, hätte man sich mehr Hintergrundwissen gewünscht. Immerhin ist der Blick Berberians, der im Irak, im Libanon und in Frankreich aufwuchs, kein rein europäischer. Trash ist eben ein internationales Phänomen. Fans von B-Filmen, Anhänger der Exploitation-Welle und Kinoliebhaber werden mit diesem Comic einige neue Meisterwerke entdecken.

"Ein letztes Wort zum Kino"

Filmhelden wie Burt Lancaster gebe es heute nicht mehr, findet Blutch.
Filmhelden wie Burt Lancaster gebe es heute nicht mehr, findet Blutch.(Foto: Blutch / Reprodukt Verlag 2016)

Auch Berberians französischer Kollege Blutch hat sich mit der Filmwelt befasst. Auch er erzählt sehr persönlich von seiner Liebe zum Kino. Und doch verfolgt er mit "Ein letztes Wort zum Kino" einen ganz anderen Ansatz: Dem Comickünstler geht es nicht um Nacherzählung. Er setzte weniger auf den Effekt des Absurden wie Berberian. Vielmehr zeigt Blutch, wie sehr das Kino ihn und die Gesellschaft geprägt hat.

Sein Comic ist ein Abgesang auf das klassische Hollywood-Kino mit seinen Stars: "Wer erinnert sich heutzutage an William Holden …? Solche wie den gibt's nicht mehr", sagt er gleich im ersten Kapitel zu seiner Freundin. Und die eröffnet ihm beim Sex, dass Paul Newman gestorben sei. "Weggefährten" nennt Blutch die Helden, denen er seine kurzen Comic-Essays widmet.

Blutch setzt sich mit der Sexualisierung von Frauen im Kino auseinander.
Blutch setzt sich mit der Sexualisierung von Frauen im Kino auseinander.(Foto: Blutch / Reprodukt Verlag 2016)

Blutch bewundert etwa die athletische Urgewalt Burt Lancasters, mit dem er einst die weite Welt eroberte - nur um dann mitzuerleben, wie er langsam vor den Augen des Kinopublikums alterte und erschlaffte. Zitiert der Zeichner anfangs noch Filmszenen, tritt er Lancaster schließlich selbst entgegen, hinterfragt dessen Eitelkeiten als Zwang der Filmindustrie, würdigt aber doch die Ausdrucksstärke all seiner Rollen. In einem besonders gelungenen Kapitel seziert er die Sexualisierung von Schauspielerinnen durch die Kamera: Marylin Monroe zeigt ihre Beine, Anita Ekberg ihre Brüste, Rita Hayworth zieht lasziv ihre Handschuhe aus. Und das gesamte Publikum schaut gebannt zu. Blutch spricht vom Beginn einer "pornographischen Zivilisation".

"Cinerama": 56 Seiten, Klappenbroschur, 14 Euro. "Ein letztes Wort zum Kino": 88 Seiten, Hardcover, 24 Euro.
"Cinerama": 56 Seiten, Klappenbroschur, 14 Euro. "Ein letztes Wort zum Kino": 88 Seiten, Hardcover, 24 Euro.

Huldigung und Kritik, ironische Brechung und persönliche Erinnerungen gehen bei Blutch Hand in Hand. Wo sich Berberian an glückliche Kinoerlebnisse als Kind erinnert, trauert Blutch den vergangenen Helden nach, nimmt aber auch die Bilder auseinander, die sie im kollektiven Gedächtnis hinterlassen haben. Seine Comicgeschichten sind assoziative Ritte durch die Kinogeschichte, gespickt mit Zitaten und Denkanstößen, die das mehrmalige Lesen und Anschauen nötig machen, denn nicht alles ist gleich verständlich.

Trash und Hochglanz

Das aber ist kein Problem, weil "Ein letztes Wort zum Kino" kurzweilig und mitunter ironisch erzählt ist. Etwa weil Blutch auf wunderbare Weise ikonische Filmszenen aneinanderreiht und Schauspieler auftreten lässt, mit denen er fiktive Gespräche führt. Zusammengehalten wird alles von Blutchs Zeichenstil, der mit seinen Schraffuren der Körnung alter Filme ähnelt. Zudem zeigt er mit der Lebendigkeit seiner Bilder, mit Seitenaufbau und Panelfolge, dass Comic und Film verwandte Medien sind, die von der Bildabfolge leben.

Wo sich Berberian mit seinem Buch in die bunte Welt der B-Filme stürzt und diese feiert, analysiert Blutch eher subtil weltberühmt gewordene Kinobilder. In einer seltsamen Umkehr entspricht das Buch über die internationalen Billigproduktionen eher der Effekthascherei des Mainstream-Kinos, während das Buch über Hollywood eine kluge Reflexion ist. Ihre Berechtigung haben aber beide - der Trash und die Hochglanzproduktion. Dafür muss man das Kino lieben. Egal, wie alt man ist.

Beide Bücher erscheinen dieser Tage im Reprodukt-Verlag. "Cinerama" direkt bei Amazon bestellen und "Ein letztes Wort zum Kino" bei Amazon bestellen.

Quelle: n-tv.de

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