Sonntag, 15. August 2010
In Millisekunden die Welt verstehen: Was das Lesen mit unserem Hirn macht
Solveig Bach
Unser Gehirn ist nicht fürs Lesen gemacht. Es muss es mühsam lernen und verändert sich dabei enorm. Dann wächst es über sich hinaus und das, was wir lesen, wird lebendig.Wenn Sie diesen Text hier lesen, ist es Ihnen gelungen, etwas zu erlernen, was eigentlich nicht in unserem genetischen Code verankert ist. Jeder Mensch muss diese Kulturleistung neu erbringen. Dazu müssen Hirnareale, die dem Hören und Sehen dienen, bei jedem Einzelnen neu verknüpft werden, ein einzigartiger Vorgang.
Wenn er gelingt, öffnet er uns ganz neue gedankliche Welten, in denen wir in Gedanken wandern können, Stimmen hören, Gerüche riechen. Der neurowissenschaftlichen Seite widmet Maryanne Wolf in ihrem Buch "Das lesende Gehirn" ebenso viel Aufmerksamkeit wie der Faszination des Lesens. Das ist eine große Stärke von Wolf.
Sie beginnt bei der Entwicklung der Schrift und dem epochalen Übergang, den die Fixierung unseres kulturellen Gedächtnisses für die Menschheit bedeutete. Schon dieser Teil liest sich höchst erfrischend. Hirnforscher haben gemessen, dass wir in Millisekunden unser Bedeutungsverständnis mit eigenen Assoziationen verknüpfen. Das macht bei Wolf richtig Spaß.
Gehirne von Nicht-Lesern funktionieren dabei anders als die von Leseanfängern oder Viel-Lesern. Manchen ABC-Schützen gelingt das nicht, deshalb bildet die Legasthenie-Forschung einen weiteren Teil von Wolfs Ausführungen. Die Gründe, warum manchen die Welt der Buchstaben und Wörter einfach ein Rätsel bleiben, sind vielfältig und je nach Sprache verschieden.
Schließlich wendet sich die Leseforscherin der Frage zu, was das altmodische Bücher- oder Zeitungslesen vom digitalen Lesen im Netz unterscheidet und wie dieses neue Lesen möglicherweise unser Gehirn verändern wird. Vielleicht gibt es darauf noch keine abschließende Antwort, was Wolf aber über alle Maßen empfiehlt, ist, die Lust am Lesen neu zu entdecken. Selbst wenn "Das lesende Gehirn" ein wissenschaftliches Sachbuch ist, hat sie selbst beim Schreiben alles unternommen, das Lesen zu einem Vergnügen zu machen. Ein leidenschaftliches und unheimlich kluges Buch über eine faszinierende Fähigkeit des Menschen.
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