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Der große Hochstapler Karl May starb vor 100 Jahren.
Der große Hochstapler Karl May starb vor 100 Jahren.(Foto: dpa)
Freitag, 30. März 2012

Karl May zum 100. Todestag: Wenn Abenteuer im Kopf Romane werden

von Solveig Bach

Als Karl May am 30. April 1912 an Lungenkrebs stirbt, fühlt er sich zutiefst unverstanden. Der Sohn armer Weber, der sich zu einem produktiven und erfolgreichen Autor entwickelt hat, bewegt sich in Welten, in die ihm die Leser noch immer begeistert folgen. Doch die Kritik schmäht ihn als Hochstapler. Dabei hat er die populären Mythen der Deutschen geprägt wie kein zweiter.

100 Jahre sind seit dem Tod von Karl May vergangen und noch immer kann beinahe jeder ein Karl-May-Leseerlebnis konkret benennen. Nächte mit Winnetou und der Taschenlampe unter der Bettdecke werden häufiger genannt, Begegnungen in der Wüste mit Kara Ben Nemsi, der Traum, irgendwann einmal eine Silberbüchse, einen Henrystutzen oder einen Bärentöter zu besitzen.

Mit Karl May überwinden viele Leserinnen und Leser erstmals die Kindheit, um aufzubrechen in die weite Welt, auch wenn es nur die erträumte eines ein wenig hochstaplerisch veranlagten gescheiterten Lehrers ist. Für die jugendlichen und weniger jugendlichen Rezipienten ist nicht der Wahrheitsgehalt entscheidend, sondern die Tatsache, dass die Geschichten gut erzählt sind.

Rüdiger Schapers Buch ist bei Siedler erschienen und kostet 19,99 Euro.
Rüdiger Schapers Buch ist bei Siedler erschienen und kostet 19,99 Euro.

In seinem Buch "Karl May - Untertan, Hochstapler. Übermensch" konzentriert sich der Kulturjournalist Rüdiger Schaper denn auch auf die kulturellen Nachwirkungen Mays. Ohne den Fabulierkünstler May mit seiner gewaltigen Fantasie sind Pierre Brice und Gojko Mitic nichts, Bully Herbigs "Schuh des Manitu" wäre nie gedreht worden, selbst der so beliebte Faschingsauftritt als Indianer wäre nie erfunden. Denn Karl May, so Schaper, hat die "mythische Vorstellungskraft der Deutschen geprägt wie kein anderer".

Mit seinen für Groschenromane gedachten Geschichten hat er aber auch die Bild- und Erzähltechnik des Kinos vorweggenommen, argumentiert Schaper. Das erklärt wohl auch den sagenhaften Erfolg der May-Filme, die Horst Wendlandt ab dem Ende der 1950er Jahre dreht und die noch immer im Fernsehen wiederholt werden, um neue Generationen mit dem Winnetou-Virus zu infizieren.

Wer May liest, kommt in der Welt herum

Doch nicht nur das: Wer May liest, kommt in der Welt herum. Er "springt über Kontinente, vom Rio de la Plata über den Sudan, das Land des Mahdi, bis in den fernen Osten, von Arizona nach Damaskus und schließlich in Welten, die nicht auf dem Planeten Erde liegen". Schaper spielt damit auf Mays "Mir von Dschinnistan" an, eine Weihnachtsgeschichte, die auf einem anderen Stern spielt. Auch wenn es Mays Arabien oder Amerika so nie gegeben hat, so öffnete er doch zu einer Zeit den Menschen die Welt, als Globalisierung noch unerreichbar weit entfernt lag.

Schaper hat keine Biografie von May geschrieben, aber er verbindet seine Überlegungen immer wieder mit Mays Erfahrungen in bestimmten Lebensphasen. So sei nach der Zuchthausstrafe, die May wegen Diebstahls in Waldheim verbüßen muss, sein Erzählmuster klar gewesen, ist sich Schaper sicher. Der Mann, der die Freiheit ersehnt haben muss, wiederholt immer wieder "Geiselnahme, Gefangenschaft und neue Freiheit".

May leistet zeit seines Lebens Schwerstarbeit, um die Liste der ihm vorschwebenden Sujets abzuarbeiten. 600 Titel sind unter seinem Namen oder unter einem seiner Pseudonyme erschienen. Er hat Handlungen ausgewalzt, hat immer wieder neue Figuren ausgestattet, hat seine angelesenen geografischen Kenntnisse in Landschaften verwandelt und all dies mit einer Idee versehen. Diese Idee ist das Urvertrauen in die Menschen, die in der Lage sind, das Trennende zu überwinden. Und so kämpfen Mays Helden so lange miteinander, bis das "Gemeinsame zutage tritt und der Mensch den Menschen anerkennt". May schickt eine pazifistische Botschaft in die Welt.

Die Weltauflage seiner Bücher hat inzwischen 200 Millionen erreicht. Dennoch gilt May vielen noch immer nicht als ernsthafter Schriftsteller. Zu Unrecht, findet Schaper, denn das literarische Reich, in das er seine Leser entführt, ist größer und reicher, als es Arabien oder Amerika je sein könnten.

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Quelle: n-tv.de

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