Unterhaltung

Dem Leben entfremdet: Wenn das Mitgefühl abhanden kommt

Von Gudula Hörr

Es sind Fragen, die sich immer wieder stellen: Warum töten Menschen? Und warum schauen manche tatenlos zu? Wenn das Mitgefühl fehlt, ist der Mensch zu ungeheuerlichen Taten fähig – und gilt oft genug dabei noch als erfolgreich.

Dr. Hans Münch war offenbar ein liebenswürdiger alter Herr. Bemüht umsorgt er seinen Besucher, während er von seiner Arbeit als junger Mann berichtete: "Juden auszumerzen, das war eben der Beruf der SS damals … Ich konnte an Menschen Versuche machen, die sonst nur an Kaninchen möglich sind. Das war wichtige Arbeit für die Wissenschaft."

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Münch mag ein besonders krasses Beispiel sein, doch in vieler Hinsicht auch ein typisches. Zumindest für den Therapeuten und Autoren Arno Gruen, der diese Szene in seinem jüngsten Buch "Dem Leben entfremdet" wiedergibt. Laut Gruen steht Münch, einst Mitarbeiter am "Hygiene-Institut" der Waffen-SS, exemplarisch für deutlich mehr Menschen, als man gemeinhin denken mag. So repräsentiert er jene Spezies, die perfekt abstraktes Denken und empathische Gefühle voneinander trennen kann, die Gefühle wie Mitleid bisweilen überhaupt nicht zulässt.

Woher kommt es, dass Menschen bestimmte Gefühle komplett ausblenden können? Für Grün steht fest: Es ist in der frühesten Kindheit angelegt. Wenn die Umwelt – und damit in den meisten Fällen die Eltern – nicht genügend auf das Kind eingehen, die Schreie des Babys ignorieren und seine Wünsche später nicht ernst nehmen, lernt dieses nicht, seinen Gefühlen zu vertrauen. Um Anerkennung und Lob zu erhalten, muss sich das Kind vielmehr den Spielregeln der Erwachsenen beugen – und das heißt: gehorsam sein.

Dieser Gehorsam aber verengt laut Gruen das Bewusstsein des Kindes, das sich nicht mehr im Klaren über seine eigentlichen Bedürfnisse ist. Wenn es pflichtschuldigst tut, was von ihm erwartet wird, ist der Preis hoch: Indem es Mitgefühl mit sich selbst und Einfühlungsvermögen unterdrückt, verschenkt es auch die Möglichkeit, frei zu sein. Der Mensch entfremdet sich von sich und dem Leben. Er ist abhängig von der Meinung anderer, und muss die Leere in sich immer wieder füllen. Die Konsequenz: "Die Anhäufung von Reichtum, Macht und Besitz wird zum Selbstzweck, sie sind ein Zeichen für die Angst vor der Ohnmacht eines Menschen, der seine empathischen Wurzeln verloren hat", meint Gruen.

Suche nach Erfolg soll Leere füllen

Das Buch ist bei Klett-Cotta erschienen und kostet 19,95 Euro.
Das Buch ist bei Klett-Cotta erschienen und kostet 19,95 Euro.

SS-Männer wie Hans Münch sind nur eine Ausprägung dieses Menschentyps. Gewiss gelten sie heute auch bei uns nicht mehr als besonders salonfähig. Doch das Wegrennen vor sich selbst, das Verleugnen der eigenen Gefühle und die ständige Suche nach Sicherheit im Außen ist laut Gruen noch immer weit verbreitet und ein bedeutender Bestandteil unserer Kultur. Ebenso wie das Konzept von Ruhm, Macht und Erfolg.

Letztlich, so Gruens These, beruhen alle großen Zivilisationen auf Wett- und Machtkämpfen. Ziel sei es, möglichst viel Erfolg zu haben. Wer im herkömmlichen Sinne etwas erreicht und zu Besitz und Macht gelangt, muss sich schließlich hochkämpfen und gegen andere durchsetzen. Für einen solchen Aufstieg aber ist das Beherrschen und Manipulieren von Menschen unerlässlich, Mitgefühl hingegen hinderlich. Sollten denn gute Kooperation und Altruismus vorkommen, sind diese für Gruen vor allem Mittel zum Zweck. Gruen zitiert einen Mitarbeiter des Teilchenbeschleuniger in CERN, der es seiner Ansicht nach auf den Punkt bringt: "Da gibt es unter uns den zivilisierten Umgang miteinander, und dann ist da noch die andere Art: 'Ich bin besser als du und ich werde dich umbringen'."

Dass diese Einstellung nicht naturgegeben ist, verdeutlicht Gruen, indem er den großen Zivilisationen so genannte "primitive" Urvölker entgegenstellt. Schon deren Sprachen drückten teilweise eine ganz andere Art des Denkens aus. Während wir mehr Wert auf die Beschreibung von Dingen legten, hätte beispielsweise ein Volk wie die Hopi viel klarere Begriffe für die Gefühlswelt. Auch habe es in den vorkapitalistischen archaischen Gesellschaften keine Ausbeutung von Menschen durch Menschen gegeben. Hierfür zitiert Gruen Studien über ein Dorf der Nuer, in dem niemand Hunger zu leiden brauche – es sei denn, alle hungerten.

Was macht einen Menschen zum Menschen?

Mit seinem jüngsten Werk "Dem Leben entfremdet" liefert Gruen, der 1936 mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten aus Berlin floh und später als Therapeut in den USA und der Schweiz arbeitete, eine radikale Kritik unserer Zivilisation. Vieles, was gemeinhin als gegeben hingenommen wird, stellt er infrage, von der Gleichsetzung von technischem Fortschritt mit Fortschritt überhaupt bis hin zum Konzept von Erfolg. Zugleich liefert Gruen viele plausible Erklärungsansätze für Verhaltensmuster einzelner Menschen und Gruppen, und geht dabei konsequent der Frage nach: Was macht einen Menschen zum Menschen?

Auch wenn man nicht allen Ausführungen im Einzelnen folgen mag und sich bisweilen noch ausführlichere Begründungen seiner Thesen wünscht, bleibt "Dem Leben entfremdet" ein äußerst lesenswertes Buch. Gruen gelingt, was man sich von einem guten Buch nur wünschen kann: Es öffnet die Augen und weckt die Lust nach mehr Erkenntnis.

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Quelle: n-tv.de

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