Unterhaltung

Tapfer und kaltblütig sterben: Wenn der Kampf verloren geht

von Solveig Bach

Kann man sterben und darüber ein Buch schreiben? Man kann und die Gelegenheit nutzen, ein letztes Mal die ganz großen Fragen zu stellen. So hat es David Servan-Schreiber gemacht und ein zutiefst inspirierendes Buch über das Leben und das Sterben hinterlassen.

Das Buch ist bei Kunstmann erschienen und kostet 14,95 Euro.
Das Buch ist bei Kunstmann erschienen und kostet 14,95 Euro.

Im Juli 2011 verliert David Servan-Schreiber den Kampf gegen den Krebs. Beinahe 20 Jahre hat er mit der Krankheit gelebt und auch seine Arbeit darauf konzentriert. Sein "Antikrebs-Buch" und "Die neue Medizin der Emotionen" loten über die Möglichkeiten der Schulmedizin hinaus aus, was Kranke zu ihrer Heilung beitragen können, durch ihre innere Einstellung, ihr Essen, ihren Lebenswandel. Servan-Schreiber setzte damit auf die Selbstheilungskräfte der Menschen.

Mit seinen Büchern machte er Erkrankten Mut, vor allem weil der Arzt und Neurobiologe keine esoterischen Mätzchen lieferte, sondern wissenschaftlich abgesicherte Erkenntnisse. Glaubwürdig machte Servan-Schreiber, dass er wusste, wovon er schrieb. Er setzte auch bei seiner eigenen Behandlung auf konventionelle Therapien, wurde operiert und bestrahlt, bekam Chemotherapie. Aber er bemüht sich um Achtsamkeit für sich selbst, er meditiert und stellt seine Ernährung um. Er versucht Stress durch Gelassenheit zu ersetzen, er treibt Sport.

Im Juni 2010 kommt die Krankheit dennoch mit ganzer Wucht zurück. Servan-Schreiber hat wieder einen Hirntumor, ein Glioblastom Stadium IV. Er nennt es "The Big One", es ist ein aggressiver und bösartiger Tumor. Die statistische Überlebenszeit beträgt 15 Monate.

Chronik eines Sterbens

Servan-Schreiber nimmt den Kampf trotzdem auf, und er schreibt darüber. "Man sagt sich mehr als einmal Lebewohl" wird sein letztes Buch. Er geht streng mit sich selbst ins Gericht, bereut, dass er sich an seine Regeln immer weniger gehalten hat und ist trotzdem froh über seinen Erfolg in den vergangenen Jahren. Er fragt sich, ob seine Thesen auch angesichts seines eigenen Rückfalls noch immer Bestand haben und bejaht vehement.

Beinahe 20 Jahre Überleben wirft er in die Waagschale, eine bessere Lebensqualität für viele Patienten. "Man sagt sich mehr als einmal Lebewohl" wird sein letztes Buch. "In meinem Fall bin ich überzeugt, dass diese Methoden mein Leben sehr verbessert haben, sowohl hinsichtlich der Dauer wie hinsichtlich der Qualität. Die Tatsache, dass ich so viele Jahre mit einem aggressiven Krebs gelebt habe - 99 Prozent der Menschen, die so etwas haben, überleben nicht länger als sechs Jahre -, beweist mehr als genug, dass ich es in der Hand hatte, meinen Gesundheitszustand positiv zu beeinflussen."

Sterben als letzte Aufgabe

Doch schließlich muss er dem Tod ins Auge sehen. Denn bald wird klar, der Tumor lässt sich nicht mehr besiegen. Dennoch lässt sich Servan-Schreiber behandeln, er wird operiert, bestrahlt, bekommt wieder eine Chemotherapie und unterzieht sich einer experimentellen Therapie mit Impfstoffen. Die Prognosen werden schlechter und auch Servan-Schreibers körperlicher Zustand verschlechtert sich. Der Arzt ist ein aufmerksamer Patient, für seine Bedürfnisse und Empfindlichkeiten. Er beschreibt, wie schwierig es ist, die Verantwortung für seine Intimsphäre abzugeben und wie wohltuend, wenn man trotzdem teilhaben kann am Leben.

"Je kränker man ist, desto einsamer fühlt man sich und desto ängstlicher und deprimierter. Umgekehrt gilt: Je mehr Kontakt man hat, desto mehr fühlt man sich mit dem Leben verbunden und mit allem, was Lust zu leben macht. Oft reichen schon ganz einfache Dinge: gemeinsam einen Film anschauen, Karten spielen, sich Geschichten erzählen, sich gemeinsam an Dinge erinnern."

Servan-Schreiber beschreibt liebevolle Besuche, genussvolle Mahlzeiten, herzzerreißende Gespräche mit seinen Brüdern und seiner schwangeren Frau oder seinem heranwachsenden Sohn. Er drückt sich nicht um die Aussicht des Sterbens, er denkt über ein Testament nach und macht eine Playlist für den Moment des Todes. Servan-Schreiber erspart sich selbst und seinen Lesern nichts, trotzdem ist sein Buch niemals deprimierend, weil er nie aufhört, das Wunder eines jeden lebendigen Moments zu würdigen.

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Quelle: n-tv.de

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