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Was geschieht nur hinter der schwarzen Tür von Downing Street Nr. 10?
Was geschieht nur hinter der schwarzen Tür von Downing Street Nr. 10?(Foto: dpa)
Sonntag, 19. Juni 2016

Intrigen und ein Referendum: Wenn der Premier den Kopf verliert

Von Gudula Hörr

Was tut man nur, wenn es ein EU-Referendum gibt und wenige Tage davor die Regierung kopflos wird? Im Großbritannien des Jahres 2017 ist das der Fall – zumindest in dem realistisch anmutenden und zugleich grotesken Roman "Der Premierminister".

Irgendwie kommt es einem bekannt vor: Der Premierminister hat im House of Commons ein Referendum über die Mitgliedschaft des Landes in der Europäischen Union angesetzt. EU-Gegner wie Befürworter bekämpfen sich erbittert und mit allen Regeln der politischen Kriegskunst. Schließlich geht es um viel, um sehr viel.

Das Buch ist bei Droemer erschienen und kostet 14,99 Euro.
Das Buch ist bei Droemer erschienen und kostet 14,99 Euro.

So weit, so gut. Allerdings schreiben wir nicht das Jahr 2016. Vielmehr sind wir schon etliche Monate weiter, im September 2017, und befinden uns mitten im Roman "Der Premierminister" des bekannten britischen Politikjournalisten Andrew Marr.

Die Geschichte handelt von nur sieben Tagen, doch die haben es in sich. Schließlich findet am 21. September das für das Schicksal des Landes so entscheidende Referendum statt. Kurz zuvor wird in den Straßen Londons die Leiche des jungen Enthüllungsjournalisten Lucien McBryde entdeckt. Doch nicht nur er beschäftigt die Ermittler. Auch am Themse-Ufer wird ein Toter angeschwemmt, beziehungsweise das, was von ihm übrig geblieben ist: Ein Körper ohne Kopf und Hände.

Verschwörung ungeahnten Ausmaßes

Nur im Herzen der Macht, in Downing Street Nr. 10, weiß man um die Identität dieses missgestalteten Leichnams. Und hat ein echtes Problem. Denn der Tote war nicht irgendwer, sondern die wichtigste Waffe im Kampf um einen EU-Verbleib. Kurz vor dem Referendum ist eine Tragödie geschehen, doch was kann man tun?

Der Tote muss weiterleben, um jeden Preis. In generalstabsmäßiger Effizienz und atemberaubender Geschwindigkeit inszeniert der innere Zirkel der Macht die perfekte Scheinwelt, eine Verschwörung ungeahnten Ausmaßes nimmt ihren Lauf. Und fast scheint es, als könne alles glattgehen. Aber auch innerhalb der Verschwörer gibt es Intriganten, die die Gunst der Stunde für sich nutzen wollen. Ist der Zeitpunkt doch ideal, um schnell zu ganz viel Geld zu kommen, wenn man nur skrupellos genug ist.

Skrupellos sind fast alle Beteiligten im Roman. Sei es die runtergewirtschaftetete britische Presse, die von billigen Arbeitskräften und schmutzigen Geschichten lebt. Sei es der enge Kreis der Vertrauten um den Premierminister oder der Kreis seiner Gegner, denen es allen gleichermaßen um Macht geht. Oder aber die ehemaligen polnischen Geheimdienstkräfte, die nun die schmutzigen Jobs übernehmen.

Bei aller Skurrilität wirkt dieser aberwitzige Roman oft erschreckend realistisch, – was nicht zuletzt am Autor, Andrew Marr, liegen dürfte. Dieser ist einer der bekanntesten britischen Journalisten, der allwöchentlich Politiker aller Parteien in seiner Sonntagsshow grillt. Er weiß, wovon er schreibt, und hatte sich zum Schreiben guten Rat geholt.

Zum Glück scheint er seine Geschichte dann aber doch nicht ganz so ernst zu nehmen. Immer wieder driften die Szenen ins Komische und Surreale ab und der Leser, der sich zu sehr an die britische Realität des Jahres 2016 erinnert fühlen mag, kann sich wieder beruhigen. Denn so schmutzig und grotesk kann das echte Leben doch gar nicht sein. Oder?

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Quelle: n-tv.de

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