Unterhaltung

Kindheit zwischen Extremen: Wie ein kleiner Kommunist Hitlerjunge wurde

Von Katja Sembritzki

Günter Lucks wächst in einer kommunistischen Familie im "roten Osten" von Hamburg auf. Dann kommen die Nazis an die Macht und der kleine Günter will zum Schrecken seiner Eltern nur noch eins: ein Hitlerjunge sein.

"In diesem Verein melde ich dich nicht an!" Der Vater von Günter Lucks ist empört. Sein Sohn, der Sohn eines Rotfrontkämpfers, will Hitlerjunge werden. "Ich habe mich nicht jahrzehntelang mit den Nazis geprügelt, habe mich fast totschießen lassen, damit du jetzt ihre Uniform anziehst."

Das Buch ist bei rororo erschienen, hat 240 Seiten und kostet 9,99 Euro.
Das Buch ist bei rororo erschienen, hat 240 Seiten und kostet 9,99 Euro.

Warum wünscht sich ein Kind, das aus einer gestandenen Kommunistenfamilie stammt, ein Pimpf zu werden? Die Antwort gibt Lucks in "Der rote Hitlerjunge". Nach "Ich war Hitlers letztes Aufgebot. Meine Erlebnisse als Kindersoldat" (2010) und "Hitlers vergessene Kinderarmee" (2014) ist es bereits das dritte Buch, das er gemeinsam mit dem Journalisten Harald Stutte geschrieben hat. Dieses Mal berichtet Lucks, so der Untertitel, über seine "Kindheit zwischen Kommunismus und Hakenkreuz". Und das tut er lebendig und ergreifend.

Aufgewachsen ist Lucks, Jahrgang 1928, zwischen Hammerbrook, Eilbek und St. Georg, in den Hochburgen der Arbeiterbewegung, dort, wo "Hamburgs proletarisches Herz schlug". Bis auf den monarchistischen "Preußen-Opa" war seine gesamte Familie politisch tiefrot. Lucks' Eltern glaubten an die Weltrevolution, hatten Kontakt zu KPD-Größen wie Fiete Schulz und Etkar André, und der 1. Mai war für sie der wichtigste Tag im Jahr.

"Hein Dittmer" statt "Heil Hitler"

Vor allem seine Mutter war eine kleine lokale Berühmtheit, jeder kannte sie nur als das "rote Lieschen". Auch während des Nationalsozialismus' wurde sie ihren kommunistischen Prinzipien nie untreu: Am "Führergeburtstag" hängte sie nicht die Hakenkreuzfahne, sondern ein rotes Federbett aus dem Fenster und statt "Heil Hitler" nuschelte sie stets "Hein Dittmer".

Schon früh stand für Lucks, der auf Maikundgebungen begeistert sein kindliches "Ho Front" in den Chor der "Rot Front"-Rufe krähte, fest: Die Kommunisten sind die Guten, die Nazis die Bösen. Als aber ehemalige Genossen und Bekannte seiner Eltern in NS-Uniform auftauchten, geriet seine Weltsicht ins Wanken. Dann trugen auch immer mehr seiner Freunde die Kluft der Hitlerjugend. Lucks fühlte sich ausgeschlossen, war fasziniert von den Aufmärschen und dem Gemeinschaftsgefühl der NS-Jugendorganisation und wollte dazugehören.

Anschaulich erzählt Lucks von seiner Zerrissenheit zwischen den kommunistischen Idealen seiner Eltern und der NS-Ideologie, die ihm durch Schule und Propaganda eingeimpft wurde. Und von seiner Enttäuschung, als er mit der Unterstützung seiner Stiefmutter, einer glühenden Hitlerverehrerin, 1939 mit zehn Jahren zum Jungvolk kam: "Ewig mussten wir marschieren. Ich vermisste das Abenteuer."

Bruder stirbt im Feuersturm

Und immer wieder meldeten sich Zweifel. Etwa dann, als Lucks Vertrauen zu einem russischen Kriegsgefangenen fasste, der im Laden seiner Tante arbeitete. Der kleine Günter stellte fest, dass der Russe ein Mensch ist wie du und ich - ganz anders als von den Nazis behauptet.

Seine Familiengeschichte verknüpft Lucks gekonnt mit Hamburger Geschichte: Er erzählt davon, wie der Krieg in der Hansestadt präsenter und die Lebensmittel knapp wurden - genau wie andere Güter des täglichen Bedarfs. Daher mussten die Hitlerjungen herumziehen, um nach abgenagten, stinkenden Knochen zur Seifenproduktion zu fragen.

Dann gab es immer häufiger Fliegeralarm. Am Anfang waren die Luftangriffe für die Kinder eine Art "Unterhaltung, so makaber das klingt". Das änderte sich 1943. Die Textpassagen, in denen Lucks die Bombennächte im Sommer des vierten Kriegsjahres schildert, gehören zu den erschütterndsten des Buches. Während der "Operation Gomorrha" wurden die Arbeiterviertel durch die Alliierten fast komplett zerstört. Lucks Bruder ist eines der geschätzten 34.000 Opfer, die im sogenannten Feuersturm ums Leben kamen.

Es gibt unendlich viele Berichte von Zeitzeugen über ihre Kindheit und Jugend während des Zweiten Weltkrieges. Warum also auch noch "Der rote Hitlerjunge" lesen? Weil sein Autor plastisch die Stimmung in den proletarischen Arbeitervierteln, die tiefgreifenden Veränderungen im "roten Osten" Hamburgs nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten und den widrigen Alltag in einer zerstörten Stadt beschreibt. Und einmal mehr deutlich macht, wie perfide Diktaturen schon die filigrane Gefühlswelt der Allerkleinsten auszunutzen wissen.

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Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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