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Das Banksy-Graffiti  "Balloon Girl" auf der Mauer, die Israel an der Grenze zum Westjordanland gebaut hat.
Das Banksy-Graffiti "Balloon Girl" auf der Mauer, die Israel an der Grenze zum Westjordanland gebaut hat.

"Sweet Occupation": Wie hört man dem Feind zu?

Von Samira Lazarovic

50 Jahre Sechs-Tage-Krieg, 50 Jahre Besatzung, Hass und Terror. Der richtige Zeitpunkt für Versöhnung, für Lizzie Dorons Buch "Sweet Occupation"? In Israel heißt die Antwort: "Nein".

Bis auf den letzten Platz ist die Autorenbuchhandlung besetzt. Und mitten drin eine strahlende Lizzie Doron, die hier am Berliner Savignyplatz die Premiere ihres Buches "Sweet Occupation" feiert. In ihrer Heimat hat die israelische Autorin für ihr neuestes Werk erneut keinen Verleger gefunden. Warum? "Weil ich das Thema gewechselt habe. Nicht mehr der Holocaust, sondern die Geschichte der Palästinenser beschäftigt mich. Derzeit ist es in Israel aber sehr problematisch, den 'Feind' zu präsentieren", erzählt Doron einige Tage vorher im Gespräch mit n-tv.de. "Die Verlage sagten mir, es sei gut geschrieben, es sei wichtig, aber momentan würde in Israel niemand dieses Buch kaufen. Und es würde meine vorherigen stark beschädigen. Denn ich bin die VIP-Holocaust-Expertin."

In Berlin las die Schauspielerin Valerie Niehaus (l) aus "Sweet Occupation", Shelly Kupferberg (nicht im Bild) moderierte. Aber vor allem nutzte Lizzie Doron (r) die Gelegenheit, endlich über ihr Buch sprechen zu können.
In Berlin las die Schauspielerin Valerie Niehaus (l) aus "Sweet Occupation", Shelly Kupferberg (nicht im Bild) moderierte. Aber vor allem nutzte Lizzie Doron (r) die Gelegenheit, endlich über ihr Buch sprechen zu können.

Tatsächlich gehören in Israel Titel wie "Warum bist Du nicht vor dem Krieg gekommen" und "Das Schweigen meiner Mutter" zur Schullektüre; Doron selbst wurde unter anderem mit dem von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem vergebenen Buchmann-Preis ausgezeichnet. Auch hierzulande ist die 1953 in Tel Aviv geborene Autorin vor allem für ihre Bücher über die Traumata der Nachkommen der Holocaust-Überlebenden bekannt. 

So hätte es weiter gehen können, doch dann beginnt Doron über andere Dinge zu schreiben. Auf einer Nahost-Friedenskonferenz in Rom lernt sie vor einigen Jahren Nadim, einen palästinensischen Israeli kennen. Er ist Journalist und will einen Film über sie machen; sie beschließt, ein Buch über ihn zu schreiben. Was sie verbindet, ist die Überzeugung im selben Irrenhaus namens Israel zu wohnen – Doron mit dem Holocaust im Gepäck, Nadim mit der Nakba, der arabischen Bezeichnung für die Flucht und Vertreibung der arabischen Palästinensern aus dem früheren britischen Mandatsgebiet, dem heutigen Staat Israel. So entsteht das Buch "Who the fuck is Kafka".

Durch Zuhören helfen

Für Doron ist das Schreiben über die Besatzung die Fortsetzung ihres Nachdenkens über den Holocaust: "For me is very logisch", präsentiert sie dem Berliner Publikum die ersten Erfolge ihrer Deutschstunden – die Schriftstellerin hat sich mittlerweile ein zweites Standbein in Berlin aufgebaut. "Meine Mutter hat mir immer erzählt, wie sie im KZ krank wurde und überlebte, weil ein deutscher Offizier ihr Medikamente gab. Sie pflegte zu sagen, dass es keinen Holocaust-Überlebenden gebe, dem nicht eine helfende Hand gereicht wurde. Deshalb musste ich ihr versprechen, immer zu helfen, wenn es erforderlich ist."

Als sie Nadim kennengelernt habe, habe sie die Stimme ihrer Mutter deutlich gehört und sich gezwungen, ihm zuzuhören. Als nach dem Erfolg von "Who the fuck is Kafka" eine Gruppe "Friedenskämpfer" zu ihr kommt und sie auffordert, über sie zu schreiben, hört sie auch ihnen zu. Den verurteilten ehemaligen Terroristen Mohammed, Suliman und Jamil aus den besetzten Gebieten, sowie dem israelische "Refusenik" Chen, der als Soldat der Reserve den Dienst an der Waffe verweigert hat. Sie alle saßen für ihre Taten im Gefängnis und gründeten, als sie wieder frei waren, die "Combatants for Peace"-Bewegung. Ihre Geschichten hat Doron für "Sweet Occupation" aufgeschrieben.

"Ich konnte meine Vorurteile nicht zurückhalten"

Wer aber ein einziges, wohlwollendes Plädoyer für den historischen Feind erwartet, gar verbunden mit der eindeutigen Verurteilung der israelischen Seite, der irrt. Doron präsentiert in "Sweet Occupation" nicht nur die Erzählungen von Mohammed, Suliman, Jamil und den anderen, sondern auch ihr Ringen mit den eigenen Ängsten und Vorurteilen, mit ihrem Bedürfnis nach Sicherheit.

Sweet Occupation
EUR 16,90

Denn anders als bei "Who the fuck is Kafka", wo sie einem Universitätsprofessor zuhörte, der davon träumte, Filme zu machen, saß sie nun am Tisch mit Menschen, die bereit gewesen waren, zu töten. Die vielleicht in Verbindung mit dem Tod einiger von ihr geliebten Menschen standen. Und so sind die Aussagen der "Combatants for Peace"-Kämpfer durchwoben von schmerzhaft aufblitzenden Erinnerungen – kein Stilmittel, wie Doron versichert: "Ich schreibe nicht über Flashbacks, ich habe Flashbacks, ständig! Sie sind Teil meiner Persönlichkeit." Memorial Days und Hummus, daraus sei sie im wesentlichen gemacht, sagt sie lachend.

Die Leidenschaft, Geschichten unbekannter Menschen zu erzählen, hält Doron schließlich am Tisch, auch wenn es ihr schwerfällt, ihre Ängste zu unterdrücken. Ihre Gesprächspartner haben wiederum ihre eigene Motivation, sich ein Jahr lang immer wieder mit der Israelin und Jüdin, die auch noch Vegetarierin ist, zusammenzusetzen. Mohammed will einer alten Liebe in Deutschland erklären, warum er sie einst verließ. Außerdem hat die Arbeit mit jüdischen Friedenskämpfern dazu geführt, dass er sie für die süßesten Menschen der Welt hält und nun aufgrund der "Sweet Occupation" zuckerkrank ist. Suliman hat dagegen von genau dieser "Süßen Besatzung", diesen Friedensfestivals, wo Reden geschwungen werden und die Juden anschließend an den Strand von Tel Aviv zurückkehren, während die Palästinenser in den Abwässern von Hizma schwimmen gehen, genug. Und Chen will von den Zweifeln, die viele Israelis angesichts der aktuellen Situation haben, erzählen. Sein Bericht, wie nach dem Osloer Abkommen seine Hoffnung auf Frieden in Entsetzen umschlägt, als er den ersten Reservedienst danach antritt, gehört zu den bewegendsten Stellen im Buch.

Teurer Lernprozess

Für dieses Projekt hat Doron einen Preis bezahlt, nicht nur mit der ausgebliebenen Veröffentlichung des Buches. Dem Feind zuzuhören, bedeute in Israel den Konsens zu brechen: "Ich habe Freunde verloren, mein Mann hat Probleme mit Geschäftspartnern." Auch Mohammed, Jamil und die anderen sind in Gefahr, als Verräter gebrandmarkt zu werden, denn anders als Nadim, den Doron in "Who the fuck is Kafka" noch den Schutz eines "fiktiven Charakters" gewährt, stehen die "Combatants for Peace" im Licht der Öffentlichkeit.

Am Ende wird Doron jedoch auch belohnt bei ihrer Arbeit. Denn der fünfte Friedenskämpfer ist jemand Besonderes: Emil. Eine Liebe aus Jugendtagen. "Er war der erste Linke, den ich in meinem Leben getroffen habe. Er hat mich mit 'alternativen Fakten' bekannt gemacht", sagt Doron und lacht. "Aber ich wollte damals Teil der israelischen Gemeinschaft sein, ich wollte an den Mythos von den tapferen, besseren Israelis glauben. Er hatte zwar gute Argumente, galt aber als 'a bisschen verrückt'." Doch der Jugendfreund habe immer geahnt, dass sie diejenige sein würde, die eines Tages sagen würde: Du hast Recht. "Auch wenn es fast 40 Jahre gedauert hat, bis es dazu kam."

Ein Zurück gibt es für Doron nicht mehr, die Gespräche haben sie gezwungen, ihre Denkmuster, ihre Ängste zu überprüfen: "Jemand, der mein Feind war, lehrte mich, dass ich das, was ich bislang dachte, nicht zwingend auch morgen noch denken musste." Und genau deswegen hat der dtv-Verlag Recht: Es ist der richtige Zeitpunkt für dieses Buch. Nicht nur in Israel. Behutsam mit der Geschichte anderer umzugehen und bereit zu sein, die eigene Meinung auf den Prüfstand zu stellen, ist nicht nur im Nahost-Konflikt wichtig. Und heißt nicht, dass man am Ende nicht zu seinen Ansichten stehen darf: Lizzie Doron ist immer noch für eine Zwei-Staaten-Lösung. Aber früher wünschte sie sich diese, um in Sicherheit leben zu können. Heute wünscht sie sich ein freies und friedliches Leben auch für ihre Nachbarn.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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