Unterhaltung
Marius Jung mag's kontrovers.
Marius Jung mag's kontrovers.
Montag, 13. April 2015

"Das Elend der politischen Korrektheit": Wie wollen wir eigentlich sprechen?

Von Markus Lippold

"Neger" sagt man nicht, das ist Konsens. Doch wie politisch korrekt soll Sprache sein? Der Kabarettist Marius Jung wendet sich in seinem neuen Buch gegen übertriebene Belehrung und Sprachverhunzung - und setzt dabei auf Satire und Polemik.

Mit einem "Gruß an die falschen Freunde" beginnt dieses Buch. Mit einem Gruß an Reaktionäre und Machos, Rassisten und Faschisten. "Ihr könnt dieses Buch jetzt weglegen", fordern die Autoren. Denn man wolle nicht als Kronzeugen ihrer "inhumanen Weltsicht" dienen.

Warum dieser Gruß? Weil das Thema, das Marius Jung und Oliver Domzalski in "Moral für Dumme" behandeln, wie eine Steilvorlage scheint für jene "falschen Freunde": Es geht um "Das Elend der politischen Korrektheit", wie der Untertitel verheißt. Politische Korrektheit oder kurz PC (für Political Correctness) erregt die Gemüter. Die einen nicken zustimmend. Die anderen fangen an zu schimpfen, über Sprachpolizei und linke Bevormundung.

Jung geht mit seinem neuen Buch auf eine kurze Lesetour.
Jung geht mit seinem neuen Buch auf eine kurze Lesetour.

Die Mehrheit jedoch steht dazwischen. Sie hat sich schnell an das Wort "Kanzlerin" gewöhnt, verzichtet selbstverständlich auf rassistische und beleidigende Wörter wie "Neger" und "Krüppel". Doch schon bei der "Zigeunersauce" scheiden sich die Geister. Darf man das noch sagen? Soll man "Studenten" nun "Studierende" nennen? Und wie sieht eine Sprache aus, die kein Geschlecht ausgrenzt oder bevorzugt? Sind entsprechende Forderungen verständlich oder absurd?

Der Kabarettist Jung und sein Mitautor kritisieren die "immer größeren Zonen des Unsagbaren". Doch sie wollen sich nicht einreihen in die reaktionären Stimmen zum Thema, ihnen geht es um eine PC-Kritik "von links", wie es im Nachwort heißt. Brisant ist das Thema allemal, aber Jung scheint das zu mögen: Sein erstes Buch "Singen können die alle! Handbuch für Negerfreunde" löste eine Debatte über Klischees und Rassismus aus. Nun mischt er erneut eine ernste Diskussion mit Satire und Polemik.

Leser_in, Les* oder LeserIn?

Den Großteil des Buches nimmt die Sprache ein, das "Lieblingsspielfeld der Politischen Korrektheit", wie die Autoren schreiben. Sie stellen Forderungen nach Gender-Gap (Leser_in), Gender-Stern (Les*) und Binnen-I (LeserIn) vor. Sie zeigen, was passiert, wenn man konsequent statt Frau oder Mann die geschlechtsneutralen Wörter Mensch oder Person verwendet. In einem Kapitel geht es um die korrekte Ansprache von Schwarzen, in einem um die Diskussion um saubere Kinderbücher, weitere Abschnitte behandeln die Debatte um Gleichberechtigung und Frauenquote oder das Rauchverbot.

"Moral für Dumme", Carlsen Verlag, Taschenbuch, 192 Seiten, 11,99 Euro (D).
"Moral für Dumme", Carlsen Verlag, Taschenbuch, 192 Seiten, 11,99 Euro (D).

Die Texte zu den verschiedenen Themen werden ergänzt durch satirische Bilder, Quizfragen oder fingierte Zeitungsmeldungen, in denen den Lesern die Auswirkungen einer konsequent politisch korrekten Sprache vor Augen geführt werden. Statt der Zeitschrift "Freundin" kann man die "Befreundete Person" am Kiosk kaufen, "Der unsichtbare Dritte" von Alfred Hitchcock hieße besser "Die unsichtbare Dritte Person" und Bob Marley müsste, so er denn noch leben würde, "No Person, No Cry" singen.

Das Bewusstsein muss sich ändern

Diese witzigen, zugespitzten Abbildungen bringen die Kernaussage des Buches, die Kritik an absurden Sprachregelungen, weit besser auf den Punkt als die Texte, deren Argumentation etwas verwinkelt und trocken ist. Die Autoren haben durchaus gute Argumente gegen eine übertrieben korrekte Sprache. Wer stets aufpassen müsse, sich politisch korrekt auszudrücken, schweige am Ende lieber, schreiben sie etwa. Und sie verweisen zu Recht darauf, dass neue Wörter für bestimmte Personengruppen noch lange keinen Bewusstseinswandel einleiten. Man könne zwar statt "Penner" und "Obdachloser" das Wort "Wohnungssuchender" verwenden, das Bild vor dem inneren Auge bleibe aber dasselbe.

Doch das Buch hat auch seine Probleme. Etwa, weil zwar übertriebene Forderungen nach politischer Korrektheit ausführlich dargestellt und auseinandergenommen werden, aber positive Beispiele fehlen - und die gibt es zweifellos. Außerdem werden viele Themen durcheinandergewirbelt. Kritik an überzogenen Sprachregelungen trifft auf Kritik an gerade in den USA verbreitete Warnungen, dass etwa Kaffee heiß sein könnte. Dabei haben Letztere gar keinen politisch korrekten Hintergrund, sondern einen juristischen.

Den Autoren des Buches geht es darum, "bürokratisch-sektiererischen Eifer" zu entlarven. Das gelingt ihnen an einigen Stellen, indem sie Absurditäten dokumentieren und Widersprüche aufdecken - und damit sicher vielen Menschen aus der Seele sprechen. Doch ausgewogen ist ihre Kritik nicht, dafür bezieht sie sich zu oft auf sehr spezielle Forderungen, die ohnehin keine Chance auf Umsetzung haben. So ist ihre Argumentation auch weniger satirisch als gedacht. Sie beschränkt sich zu oft auf reine Polemik.

"Moral für Dumme" bei Amazon bestellen oder bei iTunes herunterladen.

Marius Jung auf Lesetour:
13. April - Berlin, Kookaburra Comedy Club
14. April - Hamburg, Carlsen Verlag
15. April - Köln, Atelier Colonia
20. April - Wien, Cafe Aera
21. April - München, Schlachthof

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen