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Carrington in ihrem Atelier in Mexiko.
Carrington in ihrem Atelier in Mexiko.

Porträt der letzten Surrealistin: Windsbraut gegen alle Konventionen

Von Katja Sembritzki

Sie legt auf einem Fest einen Striptease hin und beschmiert sich in einem Restaurant die Füße mit Senf: Leonora Carrington hat keine Lust auf das enge Korsett eines Unternehmertochter-Lebens. Sie widersetzt sich allen Konventionen, studiert Malerei, folgt ihrem Geliebten Max Ernst nach Paris und wird eine der bedeutendsten Künstlerinnen der Surrealisten-Szene.

Was will man mit einem Kind machen, das im Weihwasserbecken einen Tiger auf einem Floß rudern sieht, das mitten im Gebet lauthals herausplatzt, dass gerade 99 als Schafe verkleidete Pferde die Kapelle betreten, und das sich zu allem Überfluss auch noch selbst für eine Stute hält? Leonora überfordert mit ihrer Fantasie ihre Umgebung. Weder ihre Eltern kommen mit dem Mädchen klar noch Nonnen oder Benimm-Lehrerinnen. Binnen kürzester Zeit fliegt sie von jeder Erziehungsanstalt.

Ein Ausschnitt aus Carringtons Bild "Chiki To Pays".
Ein Ausschnitt aus Carringtons Bild "Chiki To Pays".(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Leonora Carrington, Tochter eines britischen Großindustriellen, entspricht so gar nicht dem Bild, das Anfang des 20. Jahrhunderts von einem Mädchen aus besseren Kreisen erwartet wird. Sie hat ihren eigenen Kopf und denkt gar nicht daran, angepasst zu sein. Sich bei Hofe einführen lassen, wie es ihr dominanter Vater wünscht? Eine gute Partie auf den Heiratsmarkt abgeben? Nicht mit Leonora. Sie sitzt lieber stundenlang in Museen vor der Mona Lisa und Werken von Brueghel - und schreibt an ihrem "Handbuch des Ungehorsams".

Und schließlich gelingt es ihr, allen Widerständen zum Trotz, ihrem Vater ein Kunststudium abzuringen. Als sie dann Max Ernst kennenlernt, hält sie nichts mehr in England: Sie wird seine "Windsbraut", er ihr "Loplop, der Vogelobere" - Leonora bricht endgültig mit ihrer Familie und folgt dem 26 Jahre älteren Geliebten nach Frankreich. Dort bannt sie ihre Fantasiegestalten auf Leinwand und gehört bald zum illustren Kreis der Surrealisten.

Mit senfbeschmierten Füßen

Schön, wild und mutig wird sie nicht nur eine der Lichtgestalten der Gruppe, sondern auch eines der "enfants terribles": Sie erscheint auf einem Fest nur mit einem Laken bekleidet, das sie publikumswirksam fallen lässt, setzt sich bei einem Abendessen mit Freunden in tropfnasser Kleidung an den Tisch und bestreicht sich während eines Restaurantsbesuchs die Füße mit Senf.

Autorin Elena Poniatowska ist spezialisiert auf außergewöhnliche Künstlerporträts.
Autorin Elena Poniatowska ist spezialisiert auf außergewöhnliche Künstlerporträts.(Foto: picture alliance / dpa)

In ihrer Romanbiografie "Frau des Windes" beschreibt Elena Poniatowska den Lebensweg der 2011 mit 94 Jahren gestorbenen Malerin, "letzten Surrealistin" und Schriftstellerin Leonora Carrington: Von Frankreich aus folgt sie ihr, nach einem traumatischen Aufenthalt in einer Heilanstalt, während des Zweiten Weltkrieges in die USA und von dort aus weiter nach Mexiko, wo sie zusammen mit ihrem zweiten Mann, dem ungarischen Fotografen Chiki Weisz, und ihren zwei Söhnen eine neue Heimat findet.

Poniatowska, eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Mexikos, hat bereits mehrfach Künstlerporträts fiktiv aufgearbeitet. So lässt sie in "Lieber Diego" die dramatische Liebesbeziehung zwischen der russischen Malerin Angelina Beloff und dem mittlerweile mit Frida Kahlo verheirateten Künstler Diego Rivera anhand von Briefen Revue passieren. Mit "Tinissima" gibt sie Einblicke in das kurze, bewegte Leben der Fotografin und Revolutionärin Tina Modotti.

An der Grenze des Schnulzigen

Jetzt also die Carrington, mit der die Autorin seit den 50er Jahren befreundet war. Das Buch beruht unter anderem auf verschiedenen Interviews, die Poniatowska mit der Surrealistin selbst, ihren Kindern und Freunden geführt hat. Und die Bewunderung für diese unangepasste, exaltierte und freiheitsliebende Künstlerin schwingt dann auch unüberhörbar mit.

"Frau des Windes" ist im Insel-Verlag erschienen und kostet 24,95 Euro.
"Frau des Windes" ist im Insel-Verlag erschienen und kostet 24,95 Euro.

Sprachlich wagt sich die Autorin dabei manchmal hart an die Grenze des Schnulzigen und wählt eine emotional aufgeladene Ausdrucksweise gemischt mit surreal anmutenden Bildern, was an der einen oder anderen Stelle den Lesefluss ein wenig schwerfällig werden lässt.

Aber Poniatowska ermöglicht es dem Leser, in eine spannende Epoche der Kunst- und Zeitgeschichte einzutauchen, ruft einige der Großen der damaligen Künstlerszene auf den Plan – André Breton, Max Ernst, die Mäzenin Peggy Guggenheim - und eröffnet die verrückte, bunte Welt einer Frau, die sich ihre kindliche Fantasie ein Leben lang bewahren konnte.

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Quelle: n-tv.de

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