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Riads Vater träumt vom "Araber von morgen" - mit Schnurrbart und Plastikpistole.
Riads Vater träumt vom "Araber von morgen" - mit Schnurrbart und Plastikpistole.(Foto: Riad Sattouf / 2015 Albrecht Knaus Verlag, München)
Sonntag, 17. Mai 2015

Eine Kindheit im Nahen Osten: Wo ist der Araber von morgen?

Von Markus Lippold

Lange arbeitete Riad Sattouf für das Magazin "Charlie Hebdo". Dessen satirischen Biss hat er sich für die Geschichte seiner Kindheit in Libyen und Syrien bewahrt. Sein Buch ist nicht nur witzig, es verweist auch auf heutige Konflikte.

Frauen können nicht anders, als ihn zu knuddeln und zu liebkosen. Diesen blonden Engel mit dem Schmollmund und der zierlichen Gestalt. Doch seine Cousins stürzen sich auf ihn, schlagen ihn, beschimpfen ihn als "Jehuda" (Jude). Riad hat es nicht leicht. Sein goldglänzendes Haar fällt auf in Syrien. Selbst in der eigenen Familie.

Nur mal kurz weg gewesen? Pech gehabt - in der Wohnung lebt inzwischen eine andere Familie.
Nur mal kurz weg gewesen? Pech gehabt - in der Wohnung lebt inzwischen eine andere Familie.(Foto: Riad Sattouf / 2015 Albrecht Knaus Verlag, München)

Riad Sattouf ist fremd in Syrien. Und dann auch wieder nicht. Er wurde 1978 in Paris geboren, seine Mutter stammt aus der Bretagne. Der Vater aber ist ein Syrer aus der Nähe von Homs. Während des Studiums in Paris haben sich die Eltern kennengelernt. Doch dann zog die Familie erst nach Libyen, wo der Vater Arbeit fand, später nach Syrien. In der so witzigen wie hinterhältigen Comicreihe "Der Araber von Morgen", deren erster Band nun auf Deutsch vorliegt, beschreibt Sattouf diese Kindheit zwischen zwei Kulturen.

Mit großen Augen beobachtet Riad seine Umwelt und die arabischen Sitten, denen er mal mit Neugier, mal mit Ekel begegnet - wenn etwa die Großmutter sein Auge ausleckt. Er schreckt vor der rohen Gewalt seiner Cousins zurück, wundert sich über die vielen unfertigen Häuser und die völlig verdreckten Straßen. Doch dank seines Vaters, der ihm die arabische Denk- und Lebensweise naheringt und ihm zum "Araber von morgen" machen will, ist er auch immer wieder begeistert.

Hundekot auf der Straße? Nein, hier gibt es keine Hunde.
Hundekot auf der Straße? Nein, hier gibt es keine Hunde.(Foto: Riad Sattouf / 2015 Albrecht Knaus Verlag, München)

Der Vater spielt eine wichtige Rolle in dem Comic. Als promovierter Akademiker steht er für den Aufbruch des arabischen Nationalismus. Er verachtet rückständige Ideen und die Unterwürfigkeit in der arabischen Gesellschaft. Er verehrt den libyschen Staatsführer Gaddafi und schwadroniert über gesellschaftliche Fortschritte. Doch in den späten 70er, frühen 80er Jahren, in denen das Buch spielt, ist diese Aufbruchsstimmung hinfällig. Libyen und Syrien sind längst diktatorische Systeme, in denen es an Lebensmitteln und oft auch Wasser und Strom mangelt.

Kollision mit der Realität

So lässt Sattouf in seinem Buch die selbstbewussten, mitunter großmäuligen Träume des Vaters gnadenlos mit der Realität kollidieren. Die Aufhebung des Privateigentums unter Gaddafi, vom Vater als Alternative zum Kapitalismus gepriesen, hat etwa zur Folge, dass die Familie ihre Wohnung verliert, weil während eines kurzen Spaziergangs andere Menschen einziehen. Dann lobt der Vater zwar moderne Industrieanlagen in Syrien, gleichzeitig entdeckt Riad jedoch, dass man durch einen Riss im Busboden die Straße sehen kann. Und so wie der Vater alte Hierarchien verachtet, ordnet er sich später selbst der syrischen Familie unter.

"Der Araber von Morgen", Knaus Verlag, 160 Seiten, Klappenbroschur, 19,99 Euro.
"Der Araber von Morgen", Knaus Verlag, 160 Seiten, Klappenbroschur, 19,99 Euro.

Der "Araber von morgen" bleibt eben ein Wunschtraum. Sattoufs Darstellung weist einen direkten Weg in die Gegenwart, legt subtil die Hintergründe dafür dar, warum Libyen und Syrien heute in Chaos und Gewalt versinken: Die autoritäre Diktatur, die verfehlte Sozialpolitik, die marode Wirtschaft, Korruption, Propaganda, aber auch Gewalt und die patriarchale Gesellschaft sind in seinem Buch allgegenwärtig. Sie verhinderten eine normale gesellschaftliche Entwicklung und die Etablierung einer stabilen politischen Ordnung.

Sattouf zeigt das natürlich nicht so offen. Vielmehr besticht sein Buch durch hintersinnigen Humor, beißende Satire und auf die Spitze getriebene Klischees, wenn er etwa die arabischen Kinder im Gegensatz zur eigenen Darstellung besonders hässlich zeichnet. Das ist teilweise hart an der Grenze zur Geschmacklosigkeit. Der überspitzte Zugang kommt jedoch nicht von ungefähr: Sattouf arbeitete lange für "Charlie Hebdo", verließ das Satiremagazin aber wenige Monate vor dem islamistischen Anschlag auf die Redaktion, bei dem viele seiner Kollegen starben. Statt dem "Araber von Morgen" bestimmen heute diese Terroristen unser Bild von den arabischen Staaten. Sattouf zeigt, warum das so ist.

Die knallharten Interessen der USA

Zwei Seiten aus "Die besten Feinde, Zweiter Teil": der Sechstagekrieg (l.) und die iranische Revolution.
Zwei Seiten aus "Die besten Feinde, Zweiter Teil": der Sechstagekrieg (l.) und die iranische Revolution.(Foto: Jean Pierre Filiu, David B. / Avant-Verlag 2014)

Einen gänzlich anderen, aber nicht minder lohnenden Blick auf die Geschichte des Nahen Ostens liefert derweil der Comic "Die besten Feinde" des Historikers Jean-Pierre Filiu und des Zeichners David B. Sie befassen sich mit dem Verhältnis der USA zum Nahen Osten, bisher sind zwei Bände der Reihe auf Deutsch erschienen. Im jüngeren Teil geht es um die Jahre 1953 bis 1984 und damit um so einschneidende Ereignisse wie den Sechstage-Krieg und die islamische Revolution im Iran.

Wo Sattouf einen sehr persönlichen Blick auf die Geschichte wirft, geht es Filiu um die Darstellung der "großen" Politik, um Entscheidungen und Entwicklungen im Verhältnis der USA und den Staaten des Nahen Ostens. Historisch fundiert beleuchtet er deren Hintergründe und Auswirkungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die USA Frankreich und Großbritannien als Ordnungsmacht in der Region abgelöst. Filiu zeigt, dass es den USA dabei nicht um Frieden geht, sondern um knallharte wirtschaftliche Interessen und Einfluss. Immer wieder spielen die USA die konkurrierenden Mächte - Iran, Ägypten, Saudi-Arabien, Israel - gegeneinander aus, drohen und manipulieren - oder scheitern wie im Iran.

David B., einer der renommiertesten Comiczeichner Frankreichs, liefert dazu symbolisch aufgeladene Bilder. Dabei geht es weniger um eine fortlaufende Comicerzählung. Vielmehr bilden die einzelnen Zeichnungen im Zusammenspiel mit dem Text ein komplexes Geflecht, das der Politik im Nahen Osten entspricht. Die Bilder, die mit starken Kontrasten und Abstraktionen arbeiten, sind weder realistisch noch objektiv. Sie lassen Interpretationen zu, decken auf, was hinter den Kulissen passiert. Gerade in den satirischen, überzeichneten Momenten erinnert das an Otto Dix' stereotype Figuren aus der Weimarer Republik. Der zweite Band von "Die besten Feinde" offenbart durch seine episodenhafte Erzählung zwar hier und da Lücken, er ist jedoch ein sehr lesenswerter Blick auf eine politisch explosive Zeit.

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Quelle: n-tv.de

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