Unterhaltung
"Ophelia" von John Everett Millais - eine Kopie des Gemäldes hängt im Zimmer von Nel.
"Ophelia" von John Everett Millais - eine Kopie des Gemäldes hängt im Zimmer von Nel.(Foto: imago/Leemage)

"Into the Water": Wo unbequeme Frauen sterben

Von Katja Sembritzki

Mit "Girl on the Train" begeistert Paula Hawkins weltweit ein Millionenpublikum. Nun ist ihr zweiter Spannungsroman erschienen: "Into the Water" erzählt von toten Frauen, einer Flussuntiefe voller Geheimnisse und trügerischen Erinnerungen.

Unzählige Frauen sind in dem Fluss zu Tode gekommen, der durch die britische Kleinstadt Beckford fließt. Genauer gesagt im Drowning Pool, einer besonders tiefen Stelle, an der eine 55 Meter hohe Klippe aus dem Wasser ragt. Sie zieht Selbstmörderinnen an, früher fanden dort Hexenproben statt.

Paula Hawkins
Paula Hawkins(Foto: Alisa Connan)

Nel Abbott ist fasziniert von dieser mysteriösen Flussuntiefe und ihrer langen Geschichte. Die Fotografin und Autorin arbeitet an einem Buch über den Ort, die Bewohner Beckfords sind davon wenig begeistert. Dann begeht die beste Freundin ihrer 15-jährigen Tochter Lena völlig unerwartet Suizid im Drowning Pool. Wenig später liegt Nel selbst tot im Wasser.

"Into the Water" heißt Paula Hawkins' zweiter "Spannungsroman", so die Genrebezeichnung des Verlags. Mit "Girl on the Train" landete die britische Autorin 2015 einen gewaltigen Erfolg: Das Buch wurde in über 40 Sprachen übersetzt, weltweit mehr als 18 Millionen Mal verkauft und mit Emily Blunt in der Hauptrolle verfilmt. In "Into the Water" setzt Hawkins erneut auf das bereits erprobte Rezept vom permanenten Spiel mit Wahrheit und Unwahrheit. Und wieder geht es um Erinnerungen und darum, ob und wie weit man ihnen trauen darf.

Selbstmord, Unfall, Mord?

Fürchterliche Erinnerungen an ihre Kindheit in Beckford und an den Drowning Pool hat auch Nels Schwester Julia. Seit 15 Jahren ist sie deswegen nicht mehr dort gewesen. Zu Nel hat sie jeden Kontakt verweigert. Auch deren Hilferuf auf ihrer Mailbox wenige Tage vor ihrem Tod ignorierte sie. Nun also kehrt Julia zurück, um sich um Lena zu kümmern. Und die ist sich im Gegensatz zu Julia sicher, dass ihre Mutter gesprungen ist.

Into the Water - Traue keinem. Auch nicht dir selbst.: Roman
EUR 14,99

Selbstmord, Unfall oder gar Mord? Das sollen zwei Polizisten aufklären. Aber es sind nicht ihre Ermittlungen, die im Mittelpunkt des Plots stehen. Es geht vielmehr um die zahlreichen Befindlichkeiten und psychologischen Abgründe der ebenso zahlreichen Figuren.

Eine betagte Wahrsagerin, die mit den Toten spricht, Mutter und Bruder des gestorbenen Mädchens, Direktorin und Lehrer der örtlichen Schule, Julia und Lena - Hawkins fährt ein enormes Personal auf. Insgesamt erzählt sie aus der Perspektive von zehn Figuren. Einige davon treten als Ich-Erzähler auf, über andere berichtet sie in der dritten Person. Zusätzlich zitiert sie aus den Notizen von Nel.

Das ist clever gedacht, da die unterschiedlichen Blickwinkel eine große Bandbreite an Reflexion und Täuschung ermöglichen. Denn jede der Figuren scheint schwer an einer Schuld zu tragen, etwas zu wissen, zu verbergen und einen Verdacht zu hegen. Und doch sind die vielen Personen, Hinweise und falschen Fährten eine Idee zu üppig geraten.

Keine Frage: Wer spannende Unterhaltung mit jeder Menge überraschenden Wendungen sucht, trifft hier die richtige Wahl. Aber der Roman teilt das Schicksal vieler literarischer Zweitwerke: Mit dem fesselnderen und psychologisch ausgefeilteren Erstling kann "Into the Water" nicht ganz mithalten.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen