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Michel plagen Alpträume über die Holocaust-Erlebnisse seines Vaters.
Michel plagen Alpträume über die Holocaust-Erlebnisse seines Vaters.(Foto: DARGAUD 2012, by Kichka)

Geschichten aus Nahost: Zwei Völker, ein Land, kein Frieden

Michel leidet unter der Holocaust-Erfahrung seines Vaters. Isabel trifft in Jerusalem junge Israelis und Palästinenser. Amin will ergründen, warum seine Frau zur Selbstmord-Attentäterin wurde. Und eine Katze frisst den Papagei eines Rabbiners.

Der lange Schatten von Auschwitz

"Mmm, diese Suppe erinnert mich an Auschwitz. Wisst ihr wieso? Weil es dort so etwas nicht gab." Papa war im Lager. Soviel weiß der kleine Michel. Deshalb müssen die Kinder Rücksicht nehmen. Doch was ist ein Lager? Wer hat Papa die Nummer auf den Arm gemalt? Und warum sprechen sie nie über Papas Familie? Je älter Michel wird, desto mehr Fragen hat er an seinen Vater. Fragen, die ihn bis in seine Alpträume verfolgen, die er aber nie stellen wird. Denn die beiden haben eine Art stillschweigendes Abkommen. Der Vater erzählt nichts von seiner Shoah (hebräischer Begriff für Holocaust, "HaShoah", die Katastrophe, Anm. der Redaktion), der Sohn nichts von seinen Alpträumen.

"Zweite Generation" ist bei Egmont Graphic Novel erschienen, 180 Seiten im Hardcover, 19,99 Euro.
"Zweite Generation" ist bei Egmont Graphic Novel erschienen, 180 Seiten im Hardcover, 19,99 Euro.

Was bedeutet das für die Kinder, wenn ihre Eltern Holocaust-Überlebende sind? Welche Auswirkungen hat ein solches Schicksal auf den Familienalltag, auf das ganze weitere Leben der Nachkommen? Erst seit wenigen Jahren beschäftigen sich Wissenschaft und Literatur mit den Problemen der sogenannten zweiten Generation, mit den vererbten Traumata und Ängsten. Ein Thema, das der belgisch-israelische Cartoonist und Illustrator Michel Kichka nur zu gut kennt. Denn sein Vater hat Auschwitz zwar überlebt – die furchtbaren Erlebnisse jedoch bis an den Küchentisch der vielköpfigen Familie getragen. Jahrelang lebt Kichka damit, ist etwa der beste Schüler in seinem Jahrgang, um es nach Wunsch seines Vaters "den Nazis zu zeigen". Nur um es den Nazis zu zeigen, bekommen seine Eltern insgesamt vier Kinder. Doch die Kraft, sie zu erziehen, fehlt ihnen. Alle vier werden ins Internat gesteckt. Ist das auch die Schuld der Nazis? Und hat der Holocaust Michels kleinen Bruder letztendlich in den Freitod getrieben?

Der Zeichner Kichka beschließt all seine verdrängten Fragen, all seinen Kummer in die Form zu gießen, die er kennt: Den Comic. Animiert von Vorbildern wie Art Spiegelman, der mit "Maus" seinem Vater, einem polnischen Juden und Holocaust-Überlebenden ein Denkmal setzte, illustriert Kichka seine Geschichte und das Schicksal der "Zweiten Generation". Alles was er seinem Vater nicht sagen konnte, erzählt er in Bildern und Texten seinen Lesern. "Zweite Generation" zeigt mehr als deutlich, dass Comics viel mehr als Kinderliteratur sind. So zeigt Kichka mit eindrücklichen Bildern statt großen psychologische Deutungen die Narben, die die zweite und dritte Generation davongetragen haben. Und den Humor der Überlebenden und ihrer Nachkommen, auf die sie so stolz sind. Denn für die Überlebenden sind ihre Kinder mit all ihren Blessuren der Sieg über die Nazis. (sla)

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In Jerusalem kann man was erleben

Moodi zeigt der Autorin Bethlehem.
Moodi zeigt der Autorin Bethlehem.

"Yalla bye!" heißt soviel wie ok, ich muss jetzt los, tschüss! Die junge Schweizer Illustratorin Isabel Peterhans lernt diesen modernen arabischen und israelischen Ausdruck kennen, als sie von September 2011 bis Januar 2012 in Jerusalem ein Semester an der Bezalel Hochschule für Kunst & Design studiert. Die Studentin bringt viele Fragen und auch schon ein paar vorgefertigte Meinungen über ihr Gastland mit – und kommt sich schon nach den ersten Gesprächen mit Mitbewohnern, anderen Studenten und neuen Freunden dumm vor. Was hat sie erwartet? Jemanden verurteilen zu können? Oder gar eine Lösung parat zu haben? Peterhans beschließt, von nun an zu beobachten, statt zu urteilen. Und aufzuhören zu rauchen.

Ihre Erlebnisse hält Peterhans in dem Blog "Yallabyebye" fest, der nun als Buch in der Edition Moderne vorliegt. In bunten, fast kindlich anmutenden, humorvollen Bildern porträtiert die Schweizerin die Leute, die sie trifft, wie den "Lefti" Gabriel, der Menschen, die "pro-israelisch" denken, nicht verstehen kann -  aber sofort anfängt sein Land zu verteidigen, sobald er sich mit jemanden unterhält, der eine anti-israelische Haltung vertritt. Oder den Palästinenser Moodi, der als "Mauer-Guide" arbeitet und Touristen in Bethlehem am Checkpoint abholt, um ihnen die Graffiti auf den Wänden der israelischen Sperranlagen zu zeigen. Mit wenigen Strichen hält Peterhans Situationen und Traditionen, wie das wöchentliche Freitagabendessen mit Familie und Freunden oder den Besuch in der einzigen israelisch-palästinensischen Künstlerbar in Jerusalem fest.

"Yallabyebye" ist in der Edition Moderne erschienen, 96 Seiten im Hardcover, 22 Euro.
"Yallabyebye" ist in der Edition Moderne erschienen, 96 Seiten im Hardcover, 22 Euro.

Der staunende, fast naive Blick erlaubt einen fast unpolitischen Blick auf dieses hochpolitische Land. Ein gelungener Kunstgriff, den auch schon Guy Delisle in seiner Graphic Novel "Aufzeichnungen aus Jerusalem" verwendete. Doch während Delisle schon fast reportageartig arbeitet und immer wieder auch sich selbst und sein Staunen ins Bild bringt, bleibt Peterhans die Beobachterin. Gerne hätte man an der einen oder anderen Stelle auch über sie mehr erfahren. Warum etwa reiste sie ins Westjordanland und wie empfand sie den Unterschied zwischen den Städten Bethlehem und Jerusalem? Bei der Umsetzung des Blogs in ein Buch wäre bestimmt noch Platz dafür gewesen. Denn der Blick der 1986 geborenen Peterhans auf Jerusalem ist für Israel-Neulinge und -Kenner gleichermaßen interessant. (sla)

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Zwischen allen Fronten

Den Islamisten passen Amins Nachforschungen gar nicht.
Den Islamisten passen Amins Nachforschungen gar nicht.(Foto: Dauvillier, Chapron / Carlsen Verlag, Hamburg 2014)

Nach Bethlehem reist auch Dr. Amin Jaafari. Aber gewiss nicht aus unpolitischen Gründen. Der Chirurg, ein Araber mit israelischem Pass, hat nach einem Selbstmordattentat erfahren, dass seine Frau die Täterin war. Eine Welt bricht für ihn zusammen. Er kann nicht verstehen, wie sie, von ihm unbemerkt, zur radikalen Islamistin wurde. Er findet keine Ruhe mehr und beginnt schließlich, nach den Männern zu suchen, die hinter dem Attentat stecken. Er reist nach Betlehem und Dschenin, stößt aber als israelischer Staatsangehöriger auf Misstrauen und Ablehnung bei den radikalen Gruppen. Genauso zerbricht seine Freundschaft zu einem israelischen Polizisten. Amin gerät zwischen die Fronten eines erbarmungslosen Krieges.

"Das Attentat" ist bei Carlsen erschienen, 152 Seiten im Hardcover, 18,90 Euro.
"Das Attentat" ist bei Carlsen erschienen, 152 Seiten im Hardcover, 18,90 Euro.

"Das Attentat" (Carlsen) ist die Comicadaption des Romans "Die Attentäterin" des Algeriers Yasmina Khadra. Loïc Dauvillier und Glen Chapron machen daraus eine äußerst packende Geschichte, die die Ausweglosigkeit des Nahostkonflikts anhand eines persönlichen Schicksals aufzeigt. Zwar wird einfaches Schwarz-Weiß-Denken vermieden, doch anhand des Protagonisten wird vor allem die Lage der Palästinenser im Westjordanland dargestellt. Amin ist dabei die Stimme der Menschlichkeit - die überall aneckt: Er wird von Sicherheitsbeamten gedemütigt, nach dem Attentat von wütenden Israelis zusammengeschlagen, aber genauso von Islamisten fast zu Tode geprügelt. "Du hast dich fürs Töten entschieden, ich mich aber fürs Retten. Wer für dich ein Feind ist, der ist für mich ein Patient", sagt er schließlich einem radikalen Prediger ins Gesicht.

Die Gewalt, die Amin von allen Seiten erfährt, spiegelt sich in seinem Gesicht. Es ist vor allem die Mimik der Protagonisten, die zeichnerisch überzeugt. Bei Amin wird sie immer düsterer, schattiger. Auch sonst passt sich die gelungene graphische Umsetzung der geradlinig erzählten Geschichte an. Die Zeichnungen sind stimmig, detailreich und vermitteln über die eigentliche Handlung hinaus einen Einblick in das alltägliche Leben der Menschen. Dabei wird übrigens immer wieder auch die Architektur in die Handlung einbezogen - die Modernität Tel Avivs, die gediegene Wohnsiedlung, in der Amin wohnt, oder die verwinkelten Gassen der teils Jahrtausende alten Altstädte. Sie ergeben ein verworrenes Geflecht, in dem man sich leicht verlieren kann, genau wie zwischen den Fronten des Nahostkonflikts. (mli)

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"Und jetzt kann ich sprechen"

"Die Katze des Rabbiners (Sammelband 1)" ist bei Avant erschienen, 152 Seiten im großformatigen Hardcover, 29,95 Euro.
"Die Katze des Rabbiners (Sammelband 1)" ist bei Avant erschienen, 152 Seiten im großformatigen Hardcover, 29,95 Euro.

Einen leichten, phantasievollen Zugang zum jüdischen Leben im Maghreb hat Joann Sfar mit seinem modernen Klassiker "Die Katze des Rabbiners" gefunden. Die vielfach ausgezeichnete und inzwischen auch verfilmte Serie umfasst bisher fünf Teile. Der Avant-Verlag, der auch die Einzelbände verlegt, hat nun einen Sammelband herausgebracht, der die ersten drei Alben zusammenfasst. Ein weiterer Sammelband ist geplant.

Jene Katze lebt in einer jüdischen Gemeinde Algeriens in den 1920er Jahren. Eines Tages frisst sie den Papagei des Rabbiners - und kann fortan sprechen. Nur mit der Wahrheit nimmt sie es nicht so genau. Der Rabbiner beschließt deshalb, dem Tier die Tora nahezubringen, damit eine ordentliche jüdische Katze aus ihr werde. Doch die Katze wirbelt das Leben des Rabbis und seiner Tochter gehörig durcheinander. Allein diese Grundidee der Reihe entwickelt einen außerordentlichen Charme. Vor allem der erste Band lebt von den philosophischen Gesprächen, die die Katze mit dem Rabbi führt und den Kommentaren, mit denen das Tier die Geschichte erzählt. Dabei lässt Sfar die Sichtweisen von Tier und Mensch immer wieder aufeinanderprallen.

So phantasievoll die Handlung, so reich sind auch Sfars Zeichnungen. Stark schraffiert, mit lockerem Strich zeichnet er ein liebevolles Bild einer untergegangenen Welt, die er immer wieder in surrealen Stellen ironisch bricht. Vor allem im dritten Band, der in Paris spielt, werden die Zeichnungen unruhiger, skizzenhafter. Auch szenarisch reicht er nicht an den hintergründigen, mit warmem Witz erzählten ersten Band heran. (mli)

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Quelle: n-tv.de

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