Unterhaltung
Wenn die Menschheit sehen könnte, was Theo sieht ...
Wenn die Menschheit sehen könnte, was Theo sieht ...(Foto: Splendid)

1 Bunker, 4 Insassen, 1 Mission: "400 Days" simuliert Langzeit-Weltraumflug

Von Thomas Badtke

Die Menschheit träumt von der Besiedelung des Mars. Doch allein der Flug dauert Hunderte Tage. Ein Experiment soll Aufschluss geben, wie die menschliche Psyche mit so einer Langzeitmission fertig wird: eingesperrt und vollkommen isoliert.

Der Mensch will frei sein. Das ist sein Naturell. Wenn er eingesperrt ist, geht er vor die Hunde. Der Mensch strebt aber auch nach Wissen: Wer bin ich? Woher komme ich? Die Antworten darauf und die ultimative Wahrheit liegen irgendwo da draußen - im Weltraum. Deshalb ist der Mensch ins All geflogen. Deshalb war er mehrmals auf dem Mond. Das nächste Ziel heißt Mars. Doch dafür muss er sich einsperren lassen. Für eine lange Zeit. Und das ist die Crux an der ganzen Geschichte.

Um zu testen, wie Menschen auf Langzeitreisen im Weltraum reagieren - physisch und vor allem psychisch -, werden vier Astronauten in einem simulierten Weltraumausflug für 400 Tage in einen unterirdischen Bunker gesperrt. Sie haben keinen Kontakt zur Außenwelt. Sie wissen zwar, wo sie sich befinden und können das Experiment auch jederzeit abbrechen, indem sie die Zugangsluke öffnen. Aber dann wird es nie einen realen Weltraumflug für sie geben. Das macht ihnen Walter (Grant Bowler; "Defiance"; "Killer Elite"), der Chef der Mission, unmissverständlich klar.

Ein kleiner Schritt für einen Menschen ...

Emily musste Theo verlassen, sonst wäre sie aus der Crew geflogen. Aber das weiß zu Beginn der Mission noch keiner.
Emily musste Theo verlassen, sonst wäre sie aus der Crew geflogen. Aber das weiß zu Beginn der Mission noch keiner.(Foto: Splendid)

An "Bord" geht jedes Crew-Mitglied seinem Job nach. Bug (Ben Feldman; "Cloverfield") kümmert sich um die Wasseraufbereitung und das Essen. Wenn man das so nennen kann, was da den Weg auf die Teller findet, wie Dvorak (Dane Cook; "Guns and Girls") zumindest findet. Er ist der Nörgler, der, der sich auch mal über die Rangordnung und gegen den Chef an Bord stellt. Das ist Theo (Brandon Routh; "Superman Returns"), seelisch etwas angeknockt, denn seine Verlobte hat sich kurz vor dem Start der Mission von ihm getrennt. Dumm zudem, dass sie als überwachende Ärztin Emily (Caity Lotz; "The Pact"-Reihe) mit von der Langzeit-Aufenthalts-Partie ist.

Spannungen scheinen programmiert. Auch weil Walter angekündigt hat, dass die Crew jederzeit mit Überraschungen, mit Unvorhergesehenem, Unplanbarem rechnen muss. Der simulierte Start gelingt. Der Computer arbeitet einwandfrei, die Stromversorgung über Solarpanel ebenso. Alles bestens. Und so vergehen die Tage wie im Flug.

Gerade als etwas Langeweile aufzukommen scheint, wird der Bunker durchgeschüttelt. Ist das Teil des Experiments? Keiner weiß etwas, der Funkkontakt mit Walter ist unterbrochen. Die Stromversorgung ist beschädigt, es wird düsterer im Bunker. Schatten ergreifen von den Räumen Besitz.

… und ein großer Schritt für die Menschheit

Dvorak setzt sich an seinen Computer, er sieht eine Zeile aufblinken: "Sie vergiftet euch." Er blinzelt. Der Satz ist verschwunden. Dvorak reibt sich die Augen, blickt sich um, erzählt keinem etwas davon.

Bug ist ein sympathischer junger Vater. Aber seine psychischen Grenzen sind erreicht.
Bug ist ein sympathischer junger Vater. Aber seine psychischen Grenzen sind erreicht.

Bug hört eine Stimme. Es ist die seines kleinen Sohnes Sam, den er zurücklassen musste für diese Mission - seine einmalige berufliche Chance. Er glaubt, Sam im Lüftungsschacht zu sehen, klettert hinein, verfolgt ihn. Kurz darauf ist auch dieser Spuk vorbei. Halluziniert Bug?

Als er dann kurze Zeit später ein Piepsen hört, ist Bug bereits sensibilisiert. Er geht dem Geräusch auf den Grund und findet eine kleine Ratte. Eine Ratte an Bord des hermetisch abgeriegelten Bunkers? Für Dvorak ist das erstens nicht möglich und zweitens nicht hinnehmbar. Er macht kurzen Prozess mit dem Nager und schon fliegen die Fäuste. Bug knöpft sich Dvorak vor. Blut fließt, ehe Theo und Emily die beiden Streithähne trennen können.

Wieso liegt der Bunker nicht mehr unter der Erde? War das Experiment nur eine Täuschung? Hat die Crew die Erde bereits verlassen?
Wieso liegt der Bunker nicht mehr unter der Erde? War das Experiment nur eine Täuschung? Hat die Crew die Erde bereits verlassen?(Foto: Splendid)

Es ist nicht einmal mehr einen Monat, den die vier noch irgendwie über die Runden bringen müssen, als sie wieder Geräusche hören. Ein lautes Klopfen. Metall auf Metall. Mehrere Stunden, so scheint es, hämmert jemand auf der Außenhaut des unterirdischen Bunkers herum. Wie kann das gehen? Dann steht die Luke plötzlich offen. Noch ein Mysterium. Langsam aber sicher beginnen alle vier Crew-Mitglieder, an sich zu zweifeln. Was ist schon Wahn, was ist noch Realität?

Der Mann, der plötzlich durch die Luke fällt, ist auf alle Fälle real. Auch der Druckabfall innerhalb des Bunkers. Doch ehe sie den geheimnisvollen Fremden befragen können, ist der wieder verschwunden. Um nicht durchzudrehen, entscheiden sich Theo und der Rest der Crew für eine Außenmission. Eine Mission, die es eigentlich gar nicht geben kann, weil der Bunker unterirdisch im Erdreich platziert worden ist. Die vier wagen den Schritt nach draußen. Für sie ist es nur ein kleiner, aber was sie da erwartet, macht ihn für die Menschheit zu einem großen: In knapp 400 Tagen kann einiges passieren …

Was wäre wenn ...

"400 Days" ist bei Splendid erschienen.
"400 Days" ist bei Splendid erschienen.(Foto: Splendid)

Der Gedanke, 400 Tage eingesperrt zu sein, ist schon erschreckend genug. Der Gedanke, dabei vollkommen abgeschnitten von der Außenwelt, unterirdisch isoliert zu sein, toppt das Ganze noch. Wer da nicht irgendwann verrückt wird, ist selbst schuld. Genau das ist das Faszinierende an "400 Days". Diese Mission könnte bereits irgendwo in Russland oder einer abgelegenen US-Wüste Realität sein. Klammheimlich gestartet, weil man nicht weiß, wie das Experiment enden wird. Deshalb lässt man die Medien erst einmal außen vor. Wenn die Mission erfolgreich war, kann man sich immer noch feiern lassen.

Dass der noch relativ unbekannte Regisseur Matt Osterman ("Phasma Ex Machina") sich nur für vier Crew-Mitglieder entschieden hat, sorgt zudem dafür, dass der Zuschauer nie den Überblick verliert und sich auf das Wesentliche konzentrieren kann: die Veränderung der Charaktere im Verlauf des Films. Die gibt es durchaus. Auch wenn die ersten rund 300 Tage bis auf das Durchrütteln des Bunkers wenig ereignisreich ablaufen, will man doch wissen: Wann rastet der erste aus? Ist es Dvorak? Oder dreht der sensible Bug durch? Was wird aus Theo und seiner Ex?

Mit dem letzten Drittel des Films hat dann aber niemand gerechnet. Der Twist kommt völlig überraschend. "Absolut nicht vorhersehbar", beschreibt es am besten. Klar, irgendetwas musste passieren. Aber, dass plötzlich ein Mensch von draußen den Versuchsaufbau durcheinanderwirbelt? Das wirft Fragen auf: War der Bunker nur eine Illusion? Sind die vier vielleicht doch schon auf ihrem Weltraumflug und man hat sie nicht eingeweiht, weil es eine Mission ohne Rückkehr ist? Oder ist auf der Erde etwas Unvorhergesehenes passiert - wie ein atomarer Krieg?

Eine Antwort darauf liefert der Film. Die Frage, ob es die ultimative Antwort ist, muss jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden. Die Freiheit dazu hat jeder. 90 Minuten sollte er sich dafür im Wohnzimmer vor dem Fernseher einsperren. Das klingt mehr als erträglich, und das ist die Wahrheit.

"400 Days" bei Amazon bestellen

Quelle: n-tv.de