Unterhaltung
"Die BMX-Bande" machte den Sport selbst in der DDR populär.
"Die BMX-Bande" machte den Sport selbst in der DDR populär.(Foto: Capelight Pictures)
Freitag, 14. März 2014

Hip-Hop, "Beat Street" und "Die BMX-Bande": Der Beat der Straße schlägt auch im Osten

Von Markus Lippold

Der eine Film handelt von unterprivilegierten schwarzen Jugendlichen in New York und der Geburt des Hip-Hop. Im anderen kurven Mittelstands-Kids auf BMX-Rädern durch die Gegend. Beide Filme waren für Jugendliche eine Offenbarung - ausgerechnet in der DDR.

Kenny (r.) und Ramon bewundern ein neues Graffiti.
Kenny (r.) und Ramon bewundern ein neues Graffiti.(Foto: Capelight Pictures)

Die DDR der 1980er-Jahre war ein Land im Niedergang. Hochverschuldet, wirtschaftlich marode und technologisch in großen Teilen rückständig hielt sich die Deutsche Demokratische Republik mit Krediten aus dem Westen über Wasser. Es war eine Zeit, in der sich trotz nicht nachlassender staatlicher Repressalien Subkulturen bildeten, die auf die eine oder andere Weise dem System Widerstand leisteten. In den Kirchen versammelten sich friedens- und reformbewegte Menschen. Auf den Straßen trotzten Jugendkulturen wie Punks, Blueser und Gruftis staatlichen Vorgaben und dem Druck der Vereinheitlichung.

Doch bei kaum einer dieser Jugendkulturen in der DDR lässt sich die Entstehung so genau zurückverfolgen wie bei den Hip-Hoppern. Schuld war ein Kinofilm ausgerechnet aus den USA, dem Reich des Bösen: "Beat Street", der nun erstmals auf Blu-ray erscheint. Dass er auch in Ostdeutschland gezeigt wurde, hatte einen simplen Grund: Der auch in der DDR angesehene Friedensaktivist Harry Belafonte war einer der Produzenten. Den Funktionären der SED erschien der Film um eine Gruppe unterprivilegierter schwarzer Jugendlicher deshalb als Anklage gegen die Unterdrückung von Minderheiten im Kapitalismus, als Teil des schwarzen Befreiungskampfes.

Auch Breakdance gehört zu den prägenden Elementen des Films.
Auch Breakdance gehört zu den prägenden Elementen des Films.(Foto: Capelight Pictures)

Unrecht hatten sie damit nicht. "Beat Street" ist natürlich eine Anklage gegen die soziale Misere und Chancenlosigkeit der schwarzen Bevölkerung in den USA, gerade in Großstädten wie New York, gerade in den gewalt- und drogengeschwängerten späten 70er- und frühen 80er-Jahren. Doch daneben vermittelt der Streifen einen optimistischen Ton, er ist ein Aufbruchssignal, das die Jugendlichen in der DDR begierig aufnahmen - der Film schlug ein wie eine Bombe, der ostdeutsche Hip-Hop war geboren.

Realismus, Humor und Emotionen

"Beat Street" von Regisseur Stan Lathan ist aber auch heute noch sehr sehenswert, weil er gekonnt Sozialdrama und Musikfilm mischt, weil er auf dem schmalen Grat zwischen Realismus, Humor und Emotionen wandelt, der vielen Filmklassikern zu eigen ist. Im Mittelpunkt stehen Lee, Kenny, Chollie und Ramon, die vom Durchbruch als DJ, Tänzer oder Künstler träumen. Sie sind Teil jener Hip-Hop-Kultur, die vor ziemlich genau 30 Jahren in New York entstand. Es war eine Einheit aus Musik, Rap, Breakdance und Graffiti - jenen vier Kunstformen, die im Film eine große Rolle spielen.

Afrika Bambaataa & the Soul Sonic Five gehören zu den Musiker-Legenden, die in dem Film mitspielen.
Afrika Bambaataa & the Soul Sonic Five gehören zu den Musiker-Legenden, die in dem Film mitspielen.(Foto: Capelight Pictures)

Der Film lebt eher von der Atmosphäre, die er einfängt, von der Darstellung der Lebensumstände als von seiner eher knapp gehaltenen Handlung. So gibt es etwa viele Musikszenen mit Hip-Hop-Legenden wie Grandmaster Melle Mel and The Furious Five, Afrika Bambaataa und Kool DJ Herc. Es gibt Breakdance-Battles mit den Vorreitern der Rock Steady Crew und der New York City Breakers, Wortgefechte von Rappern und Beatbox-Künstlern sowie bunte besprühte Wände und U-Bahn-Waggons. Der Streifen wird dadurch zum Zeugnis einer Ära und zum Kultfilm aller Hip-Hop-Fans.

Dass diese künstlerische Vielfalt und lebensbejahende Subkultur in der DDR auf einen fruchtbaren Boden fiel, ist wenig verwunderlich. In etlichen Städten trafen sich Jugendliche und machten es ihren neuen Helden nach. Die sehr sehenswerte Dokumentation "Here We Come" zeigt, wie in der DDR aus alter Technik DJ-Pulte gebastelt, Germina-Turnschuhe mit Hip-Hop-affinen Adidas-Streifen versehen und rudimentäre Rap-Wettbewerbe veranstaltet wurden. Der Staat beobachtete das kritisch, förderte aber die Breakdancer, weil deren "akrobatischer Showtanz" eine willkommene sportliche Komponente aufwies.

Kinodebüt von Nicole Kidman

Hip-Hop ist der Beat der Straße - er erklang sogar in der DDR.
Hip-Hop ist der Beat der Straße - er erklang sogar in der DDR.(Foto: Capelight Pictures)

Diese sportliche Komponente war es wohl auch, die Anfang der 80er-Jahre einen anderen westlichen Film in die ostdeutschen Kinos spülte, der ebenfalls einen Hype lostrat: "Die BMX-Bande". Immerhin gehörte Radsport zu den geförderten Sportarten im Osten und BMX-Räder galten den Funktionären vermutlich als geeigneter Einstieg für Kinder und Jugendliche.

Allerdings hat es der australische Streifen, der wie "Beat Street" Anfang der 80er gedreht wurde, noch aus einem anderen Grund zu einem gewissen Ruhm geschafft: Es ist das Kinodebüt von Nicole Kidman. In der nun erstmals erscheinenden Blu-ray-Version gibt es denn auch als Bonus einen kurzen Show-Auftritt der jungen Kidman zu sehen, die damit den Film bewarb.

Nicole Kidman erlebte mit dem Film ihren Durchbruch.
Nicole Kidman erlebte mit dem Film ihren Durchbruch.(Foto: Capelight Pictures)

Die heutige Oscar-Preisträgerin war damals 16. Sie spielt Judy, die wie ihre Freunde PJ und Goose (Angelo D'Angelo, James Lugton) begeistert mit dem BMX-Rad unterwegs ist. Zusammen kurven sie um die Bucht von Manly bei Sydney und üben ihre Tricks. Ein Problem ist nur, dass die Ausrüstung teuer ist und den Teenies das Geld fehlt. Da fallen ihnen durch Zufall ein paar Funkgeräte in die Hände, die sie an ihre Freunde verticken wollen. Doch die Geräte gehören einer Gangsterbande, die sie für einen Raubzug braucht - bald merken sie, wer die Diebe sind und machen Jagd auf sie. Daneben wird aber auch die Polizei auf die Jugendlichen aufmerksam, denn die Geräte stören empfindlich den Polizeifunk.

"BMX … wow!"

"Beat Street" und "Die BMX-Bande" sind als DVD und Blu-ray bei Capelight erschienen.
"Beat Street" und "Die BMX-Bande" sind als DVD und Blu-ray bei Capelight erschienen.

Diese Verfolgungsstory nutzt "Die BMX-Bande" zur Präsentation der Sport-Räder, oder wie es im Film heißt: "BMX … wow!" Natürlich fällt auf, wie geschickt Räder und Hersteller im Film platziert sind - Profis vollführen Sprungtricks, die Verfolgungsjagden zeigen die Räder in allen möglichen Umgebungen und zwar immer blank geputzt und im besten Licht. Der Film diente offenbar als Vehikel, um einen Trend zu kreieren. In der DDR gelang dies auf alle Fälle, auch wenn die gezeigten Marken hier gar nicht erhältlich waren: Der Film wurde ein riesiger Erfolg und animierte viele Kinder, Jugendliche und ihre Väter dazu, sich ebenfalls BMX-Räder zu bauen - mit dem, was die Mangelwirtschaft so zu bieten hatte.

Wer diesen Hype damals erlebt hat, wird den Film mit einem gewissen Nostalgie-Wert betrachten, wozu auch Mode und Musik der 80er-Jahre beitragen. An Kultcharakter und kulturelle Bedeutung von "Beat Street" kommt er allerdings nicht heran. Denn der Film richtet sich eher an ein junges Publikum, sofern es sich von BMX-Stunts, etwas Grusel und Sprüchen und Prügeleien à la Bud Spencer und Terence Hill begeistern lässt.

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Quelle: n-tv.de