Unterhaltung
Eva und Nell ... allein zu Haus, und ohne Strom.
Eva und Nell ... allein zu Haus, und ohne Strom.
Dienstag, 14. Februar 2017

Ohne Strom ist alles vorbei: "Into the Forest": Kampf ums Überleben

Von Thomas Badtke

Fernseher? Tot. Internet? Tot. Tankstellen? Können kein Benzin mehr pumpen. Es scheint, als ob der Weltuntergang eintritt. Nell, Eva und ihr Vater machen es sich in ihrem Haus im Wald so gut es geht gemütlich. Dann greift der Vater zur Kettensäge.

Spoileralarm! Bitte drucken Sie den Text aus, bevor Sie ihn lesen! Erledigt? Gut. Zack! Auf einen Schlag ist alles dunkel. Der Fernseher, auf dem gerade noch Nachrichten liefen, ist aus. Der Computer, an dem Nell (Ellen Page; "Juno", "Inception") gerade noch für ihre bevorstehende Prüfung gebüffelt hat, ist aus. Die Musikanlage, zu deren Klängen Nells Schwester Eva (Evan Rachel Wood; "The Wrestler", "The Ides of March") gerade ihre Tanzübungen dreht und springt, ist verstummt. Die Rufe der beiden Mädchen: "Was ist hier los? Mach´ den Strom wieder an!" nimmt ihr Vater (Callum Keith Kennie) gelassen auf. Er sucht Kerzen.

Kurz darauf wird den dreien in ihrem abseits im Wald gelegenen Haus klar, dass es kein kleiner Stromausfall sein kann, denn über ein altes Transistorradio hören sie davon, dass mehr als 300 Millionen Menschen vom dem Ausfall betroffen sind und keiner so richtig weiß, wie er passiert ist. Auch zehn Tage später tappen nicht nur Nell, Eva und ihr Vater völlig im Dunkeln. Aber nun gehen ihre Vorräte zur Neige, sie müssen in die Stadt fahren.

Nell muss schnell lernen, mit einer Waffe umzugehen.
Nell muss schnell lernen, mit einer Waffe umzugehen.

Mit dem Jeep machen sich die drei auf den weiten, beschwerlichen Weg. In der Stadt angekommen, erwartet sie eine gespenstische Atmosphäre, die im Kaufladen noch verstärkt wird: Stan, der Betreiber, begrüßt sie mit vorgehaltener Waffe. Man wisse ja nicht, welches Gesindel sich gerade hier herumtreibt, sagt er, und es wollten auch immer weniger für ihre Einkäufe bezahlen. Aber Nell, Eva und ihr Dad sind in der Stadt bekannt, weil sie so weit draußen wohnen. Sie beginnen, ihren Einkaufswagen zu füllen: Salz, Mehl, Reis, ...

Danach stattet Nell ihrem Freund einen Besuch ab und Eva geht zum Tanzunterricht. Danach fahren die drei wieder zurück in ihr Zuhause. Dort sei es am sichersten, sagt der Vater. Irgendwie hat er damit auch recht, denn niemand kommt, um ihnen Benzin oder Nahrungsmittel zu stehlen. Niemand belästigt sie. Es scheint, als ob die drei, als sie die Stadt verlassen, auch aus dem Gedächtnis der dort lebenden Menschen verschwinden.

Aus Drei mach Zwei

Eines Tages hören Nell und Eva einen ohrenbetäubenden Schrei. Es ist ihr Vater. Er hat versucht, mit seiner Kettensäge einen Baum zu fällen, sich dabei aber so schwer verletzt, dass er nur wenige Sekunden, nachdem seine beiden Mädchen am Unglücksort angekommen sind, stirbt. Nun sind Nell und Eva auf sich allein gestellt. Das ist ein Schock für beide. Sowohl Eva als auch Nell hatten bisher versucht, so gut es ging, ihr altbekanntes Leben fortzuführen, nur eben ohne Strom, Handy und Internet. Nun müssen sie selbst für ihr Überleben sorgen.

Auch wenn es hier nicht so aussieht: Nell entscheidet sich für ihre Schwester. Familie geht vor.
Auch wenn es hier nicht so aussieht: Nell entscheidet sich für ihre Schwester. Familie geht vor.

Sie suchen Beeren, hacken Holz, leben reduziert - und noch immer ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt. Dann klopft es eines Nachts an der Tür. Es regnet in Strömen. Schnell das Gewehr des Vaters schussbereit gemacht, öffnet Nell die Tür - und begrüßt ihre Liebschaft aus der Stadt. Der Argwohn weicht schnell, und nachdem ein paar Tage vergangen sind, unterbreitet der Junge Nell einen Vorschlag, der ihr aller Leben verändern wird: Er will mit seinem Bruder nach Boston laufen, dauert ungefähr acht Monate, wie er sagt. Dort solle es noch oder bereits wieder Strom geben, habe er gehört.

Eva will nicht mit. Sie will zu Hause warten, bis wieder alles normal ist. Nell dagegen zieht den langen Marsch und eine Chance auf Rettung, mag sie auch noch so klein sein, der bisherigen Ungewissheit vor. Sie geht mit. Aber ihr Entschluss steht auf wackeligen Beinen: Nach nur einem Tagesmarsch kehrt sie bereits um - denn ihre Schwester ist ihre ganze noch lebende Familie. Und schon bald sind die beiden Mädchen wieder vereint.

Aus Zwei mach Drei

In der "neuen Welt" warten auf Eva eine Menge Gefahren.
In der "neuen Welt" warten auf Eva eine Menge Gefahren.

Wieder vergehen ein paar Monate, ehe der nächste Besuch auftaucht. Diesmal ist es Stan aus dem Laden. Eva ist allein zu Hause, weil Nell im Wald nach Essbarem sucht. Eva ist vorsichtig, argwöhnisch, aber es hilft nichts. Nach einem kurzen Gerangel fällt Stan über Eva her und vergewaltigt sie. Ihre Schreie sind markerschütternd. Als Nell zurück ist, liegt Eva kauernd auf dem Boden, vor sich hin schluchzend. Nun sind es Nells Wutschreie, die durch den Wald schallen.

Es dauert Tage, ja Wochen, bis sich Eva wieder allein vors Haus traut und auch tröstende Berührungen ihrer Schwester zulässt. Die wälzt derweil Bücher, um etwas über Abtreibungen herauszufinden, denn ein Kind in dieser Zeit in diese Welt zu setzen, zudem noch von einem Vergewaltiger, scheint ihr unangemessen. Aber die mittlerweile schwangere Eva will das Kind unbedingt. Für sie ist es ein Zeichen der Hoffnung ...

"Into the Forest" ist leiser Horror

"Into the Forest" ist bei Capelight erschienen.
"Into the Forest" ist bei Capelight erschienen.

Ein Baby als Zeichen der Hoffnung? Das erinnert doch stark an "The Walking Dead". Aber das war's dann auch schon an Gemeinsamkeiten. Klar, es geht auch in "Into the Forest" von Patricia Rozema ("Mansfield Park") um den Weltuntergang. Wahrscheinlich. Zumindest ist das Leben, wie wir es kennen, ohne Strom nicht mehr möglich. Und genau damit spielt die Regisseurin auch gekonnt: Was passiert, wenn der Strom weg ist?

Keine Elektrizität heißt: kein Internet, kein Fernsehen, keine Handys, keine Kühlschränke, keine E-Herde, kein Benzin mehr. Willkommen in der Steinzeit also! Und wo lebt es sich in dieser Situation am besten? Auf alle Fälle nicht in der Großstadt - im Wald schon eher. Denn da gibt es Beeren, Holz, Wildschweine, Hirsche, Hasen. So gesehen haben es Nell und Eva, selbst nach dem Tod des Vaters, nicht schlecht erwischt.

"Into the Forest" zeigt über 60 Minuten das stinknormale Leben einer Familie in der Natur. Erst dann kommt mit Stan im wahrsten Sinne des Wortes wieder neues Leben in den Film. Das mag manche Zuschauer sicher langweilen. Für andere wiederum ist es genau dieser bis dahin komplett fehlende Gewaltaspekt, der den Film sehenswert macht. Im Mittelpunkt stehen Nell und Eva und deren Umgang mit dieser apokalyptischen Situation.

Da die Rollen der Nell und Eva zudem top besetzt sind, schaut man als Zuschauer gerne hin, wenn sich die beiden wegen eines bisschen Benzins für den Notstromgenerator zoffen, damit Eva zu Musik tanzen kann. Oder auch, wenn Nell innerlich mit sich kämpft, Eva für die vage Überlebenschance Boston zu verlassen. Ach, die kleine Juno ist erwachsen geworden.

Bleibt die Frage nach dem Ende des Films. Eines sei verraten: Es kommt - Zack! - so plötzlich, wie der Stromausfall zu Beginn.

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Quelle: n-tv.de