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Wahrheit um jeden Preis: Journalist Gary Webb deckt eine Verschwörung auf. Am Ende kostet ihn das wohl das Leben.
Wahrheit um jeden Preis: Journalist Gary Webb deckt eine Verschwörung auf. Am Ende kostet ihn das wohl das Leben.(Foto: Universal)

CIA, Drogen, schmutziges Geld: "Kill the Messenger": Die Wahrheit tötet

Von Thomas Badtke

Gary Webb ist Journalist, Pulitzer-Preisträger. 2004 wird er erschossen aufgefunden. Selbstmord, heißt es von offizieller Seite. Zwei Schüsse in den Hinterkopf lassen daran zweifeln. Das und eine Verschwörung, die Webb ein paar Jahre zuvor aufgedeckt hat und in der die CIA eine tragende Rolle spielt.

Was macht ein Journalist, der fest an die Wahrheit glaubt und an hochbrisante Informationen gelangt? Er geht ihnen nach, recherchiert, kontaktiert Quellen, sammelt Fakten und Details. Er zieht Schlüsse, bringt alles in einen Zusammenhang und als Story an die Öffentlichkeit. Aber: Manche Geschichten sind zu wahr, um sie zu verbreiten.

Ein Insider rät Webb in Washington vor großer Kulisse: Manche Geschichten sind zu wahr, um sie zu verbreiten.
Ein Insider rät Webb in Washington vor großer Kulisse: Manche Geschichten sind zu wahr, um sie zu verbreiten.(Foto: Universal)

Als richtiger Journalist will man das nicht hören, nichts wissen. Gary Webb (Jeremy Renner; "Hänsel und Gretel: Hexenjäger"; "The Hurt Locker") ist so ein Journalist. Der investigative Reporter der "Son Jose Mercury News" pfeift auf den Ratschlag eines Insiders in Washington: "Bullshit!" Ein Fehler - wie sich schon bald herausstellen wird.

Vom gefeierten Helden ...

Seit fast einem Jahr ist Webb nun schon an der Story, seiner Story, dran. Den ersten Hinweis bekam er von der Frau eines inhaftierten Drogenschmugglers. Sie übergab ihm ein "versehentlich" freigegebenes Gerichtsprotokoll mit einer brisanten Information. Webb geht der Sache nach. Er sucht nach weiteren Details, Fakten und Quellen. Und er findet sie: Webb reist nach Nicaragua, trifft sich in einem Knast mit einer Quelle - und nach Washington zu einem Insider. Dann bekommt er Besuch von der CIA.

1996 bringt Webb seine "Dark Alliance"-Serie heraus: Erst kommt der Erfolg, dann der Absturz.
1996 bringt Webb seine "Dark Alliance"-Serie heraus: Erst kommt der Erfolg, dann der Absturz.(Foto: Erst kommt der Erfolg, dann der Absturz.)

Die Story bringt er trotzdem. Der Titel: "Dark Alliance". Die Artikelserie schlägt ein wie eine Bombe. Das Fernsehen sorgt dafür, dass die Wellen noch höher schlagen. Politik und weite Teile der Bevölkerung sind geschockt und alarmiert gleichermaßen. Sein Arbeitgeber feiert Webb, die regionale "San Jose Mercury News" ist international in den Schlagzeilen. Der Berufsverband kürt Webb zum "Journalisten des Jahres". Doch der Ruhm hält nicht lang an - Webb ist bedeutenden Männern auf die Füße gestiegen. 

… zum Fußabtreter der Nation

Aus dem ihm zugespielten Gerichtsprotokoll geht hervor, dass staatliche Stellen an Drogengeschäften in ganz großem Stil beteiligt sein könnten. Der im Knast sitzende Drogenbaron in Nicaragua bestätigt ihm dann, dass während der Reagan-Ära mit Wissen und Duldung der CIA Tonnen von Kokain in die USA geschmuggelt wurden, um mit den Verkaufserlösen den Krieg der Contras gegen die linken Sandinisten im Land zu unterstützen.

Der US-Kongress hat zuvor eine militärische oder finanzielle Hilfe verboten, weshalb hochrangige Regierungsbeamte nach anderen Wegen zur Fortsetzung des Hilfsprogramms suchen - und fündig werden: Während Reagan weiter mit harschen Worten den "Krieg gegen die Drogen" propagiert, mischt die CIA kräftig mit.

Rosemarie DeWitt spielt die Ehefrau von Gary Webb.
Rosemarie DeWitt spielt die Ehefrau von Gary Webb.(Foto: Universal)

Und die CIA hatte Webb ja gewarnt. Nach Veröffentlichung der Artikelserie durch Webb läuft ihr Verteidigungsapparat auf Hochtouren: Die großen Blätter des Landes, "Washington Post", "Los Angeles Times" und "New York Times" schießen sich auf den Provinzjournalisten ein. Sie zerpflücken seine Story, wollen ihm journalistische Fehler nachweisen. Die CIA versorgt sie dafür mit Informationen, auch aus Webbs Privatleben.

Fernsehsender fangen an, auf Webb einzuprügeln. Seine Vorgesetzten bekommen Druck "von oben" - und ziehen die Reißleine: Web wird kaltgestellt, versetzt und muss über "Verstopfungen bei Polizeipferden" schreiben. Webb wird zur Persona non grata. Gleichzeitig beginnt auch seine Ehe zu kriseln und seine Familie droht auseinanderzubrechen. War das die Story wert? War die Wahrheit das alles wert?

Mehr "State of Play" als "Die Unbestechlichen"

"Kill the Messenger" ist bei Universal erschienen.
"Kill the Messenger" ist bei Universal erschienen.(Foto: Universal)

In Webbs Augen war sie es. Zumindest möchte man als Zuschauer von "Kill the Messenger" des Regisseurs Michael Cuesta ("Homeland") genau das glauben. Allerdings bekommt Webb als Journalist kein Bein mehr auf den Boden. 2004 wird er tot aufgefunden. Offizielle Todesursache: Selbstmord. Die zwei Schüsse in seinen Hinterkopf lassen daran zweifeln.

Aber das ist bereits der Abspann des Films. Davor liegen bereits knapp 105 Minuten voller Spannung, Twists und kurzweiliger Unterhaltung. Zu verdanken ist das einem blendend aufgelegten Hauptdarsteller. Renner kann mehr als blödeln und draufhauen, er kann auch Charakterrollen spielen. "Kill the Messenger" ist der Beweis. Rein optisch bewegt er sich dabei irgendwo zwischen Edward Norton und einem jungen Sean Penn.

Dass der Plot etwas hergibt - es handelt sich um eine wahre Geschichte -, zeigt auch die namhafte Riege der Nebendarsteller: Paz Vega ("Spanglish"), Andy Garcia ("Die Unbestechlichen", "Der Pate 3"), Robert Patrick ("Terminator 2"), Rosemarie DeWitt ("Poltergeist"), Oliver Platt ("Die Jury", "Die drei Musketiere"), Ray Liotta ("GoodFellas", "Hannibal"). Allein die zu kurzen Auftritte der meisten von ihnen lassen den Zuschauer nicht auf seine Kosten kommen. Der hat am Ende des Films das Gefühl: Hey, da wäre noch so viel mehr drin gewesen.

Warum wird Webbs Vergangenheit nur angerissen? Wieso werden seine schwierigsten Jahre nach "Dark Alliance" nicht gezeigt? Und allein aus seiner zweifelhaften Todesursache lässt sich ein ganz eigener Thriller drehen. Cuesta hat mit "Kill the Messenger" die Möglichkeit, ein Epos à la "Die Unbestechlichen" (mit Dustin Hoffman, Robert Redford und Jack Warden, von Regisseur Alan J. Pakula) zu schaffen. Er begnügt sich stattdessen aber mit - zugegebenermaßen - gut gemachter und deshalb sehenswerter Popcorn-Unterhaltung à la "State of Play" (mit Russell Crowe und Rachel McAdams, von Regisseur Kevin Macdonald). Das ist die Wahrheit - und sie kann problemlos verbreitet werden.

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Quelle: n-tv.de