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Montsé: Liebe und Wahnsinn liegen so dicht beieinander.
Montsé: Liebe und Wahnsinn liegen so dicht beieinander.(Foto: OFDb Filmworks)

Ein Mann, zwei Frauen, ein Bett: "Shrew's Nest" wird dich "fesseln"!

Von Thomas Badtke

Nächstenliebe steht bei Katholiken hoch im Kurs. Als ein Schwerverletzter an der Tür der tiefreligiösen Montsé klingelt, nimmt sie ihn auf, pflegt ihn. Doch als er sich in ihre Schwester verliebt und fliehen will, bricht sich Montsés Wahnsinn Bahn.

Die besten Horrorfilme kommen leise daher. Sie schleichen sich an, um sich dann in deinem Gehirn einzunisten und dort für immer zu bleiben. Stichwort: Kopfkino. "Perfect Sense" war so ein Werk. "Ich seh, Ich seh" aus Österreich ebenso. Und der spanische Überraschungshit "Sleep Tight" auch. Nun hat Spanien wieder ein filmisches Meisterwerk dieser Machart am Start. Wieder geht es um Frustration, Obsession und menschliche Abgründe, die sich bei Jedem auftun können: "Shrew's Nest".

Der Kernplot weckt dabei Erinnerungen an Rob Reiners meisterhafte Stephen-King-Verfilmung von "Misery“. Mit Kathy Bates in der Hauptrolle der geistig nicht ganz einwandfrei tickenden Annie, die ihren Lieblingsautoren auf ganz besondere Weise pflegt. In "Shrew's Nest" von Regiedebütant Juanfer Andrés übernimmt Macarena Goméz ("Witching & Bitching") die Rolle von Bates.

Montsé leidet unter Agoraphobie. Die Wurzeln dafür liegen in ihrer Kindheit.
Montsé leidet unter Agoraphobie. Die Wurzeln dafür liegen in ihrer Kindheit.(Foto: OFDb Filmworks)

Sie spielt die strenggläubige und verbitterte Montsé. Diese lebt mit ihrer jüngeren Schwester Nina (Nadia de Santiago) allein und zurückgezogen in einer Apartmentwohnung in Madrid.

Es ist nur ein kleiner Schritt ...

Montsé kann ihr Heim nicht verlassen, denn sie leidet seit Jahren unter Agoraphobie - setzt sie auch nur einen Fuß vor die Tür, wird sie von psychischen Qualen heimgesucht, die unbeschreiblich sind. Sonst macht sie einen ganz normalen Eindruck. So normal, wie eine junge Frau in dem streng katholischen Spanien der 1950er-Jahre eben ist, deren Mutter früh starb und die dann unter der Obhut ihres Vaters aufwuchs. Eines Vaters, der seine Frau vergöttert hat und nach deren Tod nicht mehr derselbe ist. Ein Vater, der zudem in den Wirren des Bürgerkriegs verschwand, wie Montsé Nina immer wieder klarmacht.

Montsé macht den Haushalt, verdient Geld mit Näharbeiten. Sie kann mit Nadel und Faden umgehen, das machen ihr ihre Kunden immer wieder klar. Ein eigenes kleines Geschäft wäre Montsés Traum, aber dafür müsste sie ihre Angst überwinden - und das Haus verlassen.

... vom ganz normalen Wahnsinn ...

Montsé: "Ich werde für dich sorgen."
Montsé: "Ich werde für dich sorgen."(Foto: OFDb Filmworks)

Als es eines Tages an der Tür klingelt, ändert sich Montsés Leben von Grund auf: Ein Mann liegt verletzt vor ihrer Tür. Er scheint im Treppenhaus schwer gestürzt zu sein und leidet qualvoll. Als Montsé durch einen winzigen Spalt der geöffneten Wohnungstür schaut, wird der Mann ohnmächtig. Sie muss ihm helfen, sie ist schließlich eine gute Katholikin.

Unter unmenschlich anmutender Anstrengung zieht sie den Mann über die Türschwelle. Montsé verfrachtet ihn in das Bett in einem leer stehenden Zimmer und verschließt die Tür. Sie muss ihn vor ihrer Schwester verstecken: Ein Mann in ihrem Haushalt? Das würde die gerade 18 Jahre alte Nina ganz schön durcheinanderbringen.

Eine Kundin nährt Montsés Sorge, dass Nina sie bald verlassen könnte.
Eine Kundin nährt Montsés Sorge, dass Nina sie bald verlassen könnte.(Foto: OFDb Filmworks)

Auch deshalb, weil die beiden Schwestern neuerdings häufig streiten. Am Vorabend hat Montsé Nina mit einem Stock sogar ins Gesicht geschlagen. Nina wird flügge, wie Montsé sich eingestehen muss. Damit würde sie allein in der Wohnung zurückbleiben. Nur sie und ihre Krankheit. Davor hat Montsé höllische Angst.

... zur tödlichen Obsession

Statt um Nina kümmert sich Montsé deshalb nun um den verletzten Mann, der sich als Carlos (Hugo Silva; "The Body - Die Leiche") vorstellt. Er wohnt über den beiden Schwestern, gesehen hat Montsé ihn aber noch nie. Sie versorgt ihn, kocht für ihn, wäscht ihn - und verliebt sich prompt in ihn.

Sein Gesundheitszustand verschlimmert sich dennoch: Ein komplizierter Beinbruch hat sich entzündet. Montsé beschwichtigt ihn: Es werde wieder alles gut, der Arzt habe ihr das versichert. Der Arzt war aber nie da. Nina weiß das - und sagt Carlos das auch.

"Shrew's Nest" ist bei OFDb Filmworks erschienen.
"Shrew's Nest" ist bei OFDb Filmworks erschienen.(Foto: OFDb Filmworks)

Aber erst als er bemerkt, wie Montsé ihn mit Morphium ruhigstellt - Morphium, das sie selbst gegen ihre Angstzustände einnehmen soll -, wird er hellhörig. Er will weg, mit Ninas Hilfe. In die hat er sich längst verguckt. Montsé kann das nicht nachvollziehen. Und so sorgt sie dafür, dass Carlos' Überleben zur puren Qual wird. Nach einem Fluchtversuch näht sie etwa sein Bein am Bett fest.

Purer Wahnsinn!

Wie bei "Misery" ergibt ein Zufall den nächsten, führt ein kleines Missverständnis zu großen Schmerzen. Regisseur Andrés lässt "Shrew's Nest" dabei wie ein Kammerspiel daherkommen. Es lebt von der Schauspielleistung Macarena Goméz' - und der Epoche, in der der Film spielt. Heute, in Zeiten von Smartphones, Internet und Social Media, wäre ein solches Versteckspiel in den eigenen vier Wänden wohl nicht mehr so einfach möglich. In Montsés Zeit passt es perfekt.

Andrés erzählt seine Geschichte sehr ruhig, lässt Bilder und Gesichtseindrücke sprechen. Wer in die im Verlauf des Films immer verrückter dreinblickenden Augen Montsés schaut, weiß nicht mehr, ob das nur gespielt oder bereits real ist.

Die Farben des Films, die Kameraführung, die musikalische Begleitung: Alles sitzt perfekt - und umrahmt Goméz' Schauspiel. Blut wird spärlich eingesetzt (vom Filmende einmal abgesehen). Körperliche Gewalt wird zudem oft nur angedeutet, dem Zuschauer bleibt überlassen, ob er die Szene zu Ende denkt (er tut es immer). Ein Beispiel: Eine Kundin kommt Montsés Geheimnis auf die Schliche. Diese greift zu Schere, Nadel und Faden. Der Zuschauer bekommt dann aber nur eine Kleiderpuppe zu sehen, ohne Kopf.

Bleibt noch die Frage, wieso Montsé so ist, wie sie ist. Der Grund liegt in der Vergangenheit - und bei ihrem Vater. Der wird von Luis Tosar gespielt und taucht als Geist ab und an bei Montsé auf, um ihr Ratschläge und Lebenshinweise zu geben. Wie in "Sleep Tight" macht er auch Montsés Leben zur Hölle, als die noch ein Kind war, nachdem ihre Mutter bei Ninas Geburt starb. Das ist zumindest die Geschichte, die Montsé Nina immer erzählt hat ... Der Rest ist Kopfkino - der besonders leisen, aber dafür umso verstörenderen und sehenswertesten Sorte.

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Quelle: n-tv.de