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Systematisches Doping: Armstrong hat es gestanden. Zu spät. Das Image des Radsports ist beschädigt.
Systematisches Doping: Armstrong hat es gestanden. Zu spät. Das Image des Radsports ist beschädigt.(Foto: Studiocanal)

Der Sündenfall Lance Armstrong: "The Program": Besessen, der Beste zu sein

Von Thomas Badtke

Es ist der härteste Sportwettkampf der Welt. 180 Fahrer, 20 Etappen und nur einer trägt das Gelbe Trikot. Das ist der Traum. Ein Traum, für den ein Mann alles tat. Ein Traum, für den er den Radsport und dessen Fans verraten hat. Das ist seine Geschichte.

Als Radsportler hast du nur einen Traum. Du willst Rennen gewinnen. Eintagesklassiker. Zeitfahren. Rundfahrten. Du willst der Beste sein. Im Kampf gegen die anderen Fahrer. Gegen die Natur. Gegen dich selbst.

Sportjournalist David Walsh: "Das ist ihre erste Tour. Sie sind 21 Jahre alt und der jüngste Fahrer im Feld. Was möchten Sie erreichen?"

Lance Armstrong: "Ich möchte ins Ziel kommen und ein oder zwei Etappen gewinnen. Das wäre Wahnsinn!"

David Walsh ist ein Kenner des Radsports. Als er immer wieder Armstrong mit Doping in Verbindung bringt, bekommt er dessen weitreichende Macht zu spüren. Am Ende hatte Walsh aber den richtigen Riecher.
David Walsh ist ein Kenner des Radsports. Als er immer wieder Armstrong mit Doping in Verbindung bringt, bekommt er dessen weitreichende Macht zu spüren. Am Ende hatte Walsh aber den richtigen Riecher.(Foto: Studiocanal)

Walsh: "Viele Fahrer beschreiben die Tour als eine Reise, eine Odyssee der Schmerzen, der Qualen, des Durchhaltens, religiöse Erfahrung. Und irgendwann kommt man an den Punkt und erreicht eine Art Bewusstseinserweiterung. Und ich wollte fragen, ob es Ihnen genauso geht?"

Armstrong: "Ich fahre einfach gern auf meinem Rad."

Tor. Sieg für Armstrong. Die beiden haben während des Interviews gekickert - und davor gewettet. Um Walshs Bart. Der muss nun ab. Walshs zögerlichen Hinweis, dass das Ganze doch nur ein Scherz gewesen sei, bügelt Armstrong selbstbewusst ab: "Ich habe sie ganz fair geschlagen. Der Bart muss ab!"

Ohne Bart sitzt Walsh wenig später im Kreis seiner Journalistenkollegen und erzählt ihnen von dem Interview. "Ganz interessanter Kerl", sagt er über den jungen Amerikaner. "An Selbstbewusstsein fehlt es ihm nicht. Ich mag ihn." Ob er Siegerpotenzial habe, fragt einer aus der Journalisten-Runde. Walshs klare Antwort: "Nein. Aber er könnte Tagessieger werden. Dafür reicht's. Ein Tagesrennen wäre was für ihn, keine dreiwöchige Tour."

"Epo ist nicht gefährlich ..."

Ben Foster spielt Lance Armstrong in "The Program" nicht einfach nur, er wird zum ihm.
Ben Foster spielt Lance Armstrong in "The Program" nicht einfach nur, er wird zum ihm.(Foto: Studiocanal)

Das war 1993. Bereits 1999 muss sich Walsh eines Besseren belehren lassen. Armstrong, mittlerweile Kapitän der Mannschaft US Postal, fährt am Berg alle in Grund und Boden. Zeitfahren kann er zudem auch noch nahezu perfekt. Er gewinnt seine erste Tour. Walsh kann nur ungläubig staunen: Das ist nicht möglich. Das kann nicht der Armstrong von früher sein. Irgendetwas stimmt nicht.

Armstrong gewinnt danach auch noch die Frankreich-Rundfahrten der Jahre 2000, 2001, 2002, 2003, 2004 und 2005. Sieben Toursiege am Stück. Erfolgreichster Radprofi aller Zeiten. Sein Name steht für Kampf, für Siegeswillen, für Erfolg. Er hat den Krebs besiegt - Hodenkrebs, Stadium drei von drei. Und danach die Tour in Serie gewonnen. Er ist das Vorbild für Millionen Menschen. Und der Grund für mindestens ebenso viele Zweifler: Das ist doch unmenschlich: Jede Tour schneller als die vorherige. Fabelzeiten an den Anstiegen. Keine Schwächephasen mehr. Das kann nur Doping sein.

So denkt auch Walsh. Längst kennt er die Gegebenheiten des sich zur Geldmaschine gewandelten Radsports. Der Festina-Skandal hat ihn in den Grundfesten erschüttert. Aber dennoch scheint sich nichts geändert zu haben. Es gewinnen immer die gleichen Profis. Im gleichen Fahrstil. Mit den immer gleichen Verbindungen zu dubiosen Ärzten.

" ... der Missbrauch ist es"

Michele Ferraris Leitspruch: "Epo ist nicht gefährlich, der Missbrauch ist es."
Michele Ferraris Leitspruch: "Epo ist nicht gefährlich, der Missbrauch ist es."(Foto: Studiocanal)

Armstrongs Mann heißt Michele Ferrari. Auch er hat den Amerikaner in seinen frühen Jahren als Radprofi kennengelernt, als der noch keine große Nummer war. Und er fällte ein vernichtendes Urteil: "Ihr Quotient ist ganz falsch. Kraft und Gewicht. Ihre Form, Lance, ist nicht die beste für die Berge. Sie können ein guter Rennfahrer sein, aber niemals ein Großartiger. Tut mir leid, sie wissen das."

Armstrong weiß es, aber er will es nicht wahr haben, also dopt er dennoch. Kortison, Testosteron - und Epo. Das Nonplusultra im Radsport. Es erhöht die Zahl der roten Blutkörperchen und damit die Sauerstoffaufnahmefähigkeit. Auf gut Deutsch: Seine Muskeln können damit länger und besser durchhalten. Armstrong gewinnt Eintagesrennen. Aber für die Tour reicht es - wie Ferrari vorhergesagt hat - nicht. Dazu muss er in "das Programm" des Italieners. Systematisches Dopen. Armstrong schafft es, nachdem er den Hodenkrebs besiegt hat.

Aber dieses Wissen, der Natur ein Schnippchen geschlagen zu haben, ist es auch, das Armstrong abheben lässt. Er hält sich nicht für einen besseren Radfahrer - er ist der beste Radfahrer. Nichts und niemand können ihn stoppen, weder auf dem Asphalt noch abseits der Serpentinen und Kopfsteinpflaster. Lance Armstrong ist in seinen Augen Gott. Der Gott auf zwei Rädern, mit zwei magischen Beinen. Hochmut in Reinform. Und die kommt bekanntlich vor dem Fall.

"The Program" ist bei Studiocanal erschienen.
"The Program" ist bei Studiocanal erschienen.(Foto: Studiocanal)

Der Fall ist tief. Man kommt ihm auf die Schliche. Walsh kommt ihm auf die Schliche. Er schreibt ein Buch über den Fall Armstrong. Und die Karriere des Amerikaners, der auf dem Zenit seines sportlichen Erfolges befreundet ist mit Hollywoodgrößen wie Vince Vaughn oder Robin Williams und im Weißen Haus des George W. Bush ein- und ausgeht wie der POTUS selbst, fällt in sich zusammen wie ein Kartenhaus im Wind.

Der Radsport ist beschädigt. Der Weltverband UCI ist in Armstrongs Machenschaften involviert. Die Führung wusste Bescheid, aber ab einem gewissen Zeitpunkt gab es für sie kein Zurück mehr. Nur mit ihm, macht Armstrong unmissverständlich klar, hat der Radsport eine Gegenwart und eine Zukunft. Und die sieht so aus, dass der von den Medien zum "Tourminator" Erkorene im Fahrerfeld Profis offen bedroht. Er fühlt sich unantastbar - selbst vor dem Gesetz. Aber die Gerechtigkeit hat einen langen Atem, auch ohne Epo - und sie siegt am Ende. Es gibt Kronzeugen aus seinem eigenen Team, die Armstrong ans Messer und vom Rad holen. Für immer. Walshs Gefühl hat ihn nicht getäuscht: Armstrong hatte nie das Zeug dazu, eine dreiwöchige Rundfahrt zu gewinnen - ungedopt.

Trotz Armstrong, ein Film für Radsportfans

Das aus diesem Aufstieg und Fall eines zwischenzeitlich unbesiegbaren US-Heroen ein Film entstehen muss, ist die normalste Sache der Welt. Dass Ben Foster ("Rampart", "The Saints", "Todeszug nach Yuma") Armstrong mimt, ist ebenso ein Gewinn wie die Tatsache, dass Stephen Frears ("High Fidelity", "The Queen", "Philomena") der Regisseur von "The Program" ist. Foster kauft man den vom Ehrgeiz und nicht mehr vom Krebs zerfressenen Armstrong ohne Probleme ab. Armstrongs Besessenheit ist in Fosters Mimik allgegenwärtig. Frears Besessenheit erkennt man an den kleinen Randnotizen: den Rennszenen. Hier stimmen Trikots, Rahmen und Schaltgruppen der Fahrer und Räder bis ins kleinste Detail.

Ein nennenswertes Detail ist es auch, dass es sich bei "The Program" um ein Biopic handelt, keine Dokumentation. Frears hat dadurch Freiheiten und er nutzt sie gekonnt: Der Radsport als Rennen existiert nur am Rand. Die Duelle, die in jedem Tour-Jahr gab, spielen keine Rolle. Ein Jan Ullrich kommt im Film nicht vor. Warum auch? Bei den Tour-Siegen des Lance Armstrong war er als "ewiger Zweiter" bereits der erste Verlierer. Und Verlierer spielten in Armstrongs Leben keine Rolle. Familie und Freunde ebenso wenig, auch deshalb fehlen sie in Frears Film.

"Es sind nicht die Beine. Es ist nicht die Lunge. Nur das Herz zählt. Die Seele. Du brauchst den nötigen Biss", sind Armstrongs Worte im Filmintro. Armstrong hat seine Seele verkauft, für den Preis, der Beste zu sein. Im Kampf gegen die anderen Fahrer. Gegen die Natur. Gegen sich selbst.

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Quelle: n-tv.de