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Seok-woo wandelt sich in "Train to Busan" vom Egoisten zum Helden mit solidarischen Attitüden.
Seok-woo wandelt sich in "Train to Busan" vom Egoisten zum Helden mit solidarischen Attitüden.
Dienstag, 28. Februar 2017

Auch Südkorea kann Zombie: "Train to Busan": Deadly as hell

Von Thomas Badtke

Ein voll besetzter Schnellzug. Eine Epidemie, die sich rasend ausbreitet und deren Opfer zu beißenden Bestien werden. Was, wenn ein Infizierter bereits im Zug sitzt? Die Hölle auf Erden für alle Reisenden - und gleichzeitig der beste Zombie-Film des Jahres.

"Quarantäne-Sperrgebiet": Wenn man das auf einem Schild liest, sollte es einem eiskalt den Rücken herunterlaufen. Wer weiß schon genau, wie sich Pferdeherpes, Vogelgrippe und Rinderseuche auf die Körper und Psyche der Menschen auswirken. Gesunder Respekt ist gefragt. Diese Vorsichtsmaßnahme gilt nicht nur hierzulande, sondern auch in Südkorea.

Denn in einer Region des Landes prangt plötzlich genau dieses "Quarantäne-Sperrgebiet"-Warnschild an einer Straße. Ein Lkw-Fahrer, der mit seinem Transport daran vorbeifährt, verfällt in eine Schimpftirade gegen die Regierung. Er befürchtet, seine Schweine wieder sinnlos töten zu müssen. An einer Straßensperre hält er an. Zwei Männer in Schutzanzügen desinfizieren den Lkw. Warum und weshalb? Keine Antwort. Nur, dass es nichts Ernstes sei. Der Lkw setzt seine Fahrt fort, der Fahrer seine Zeter-und-Mordio-Attacke. Rums.

Die Reifen quietschen. Der Fahrer stoppt den Lkw, steigt aus und flucht: Auch das noch, er hat ein Reh überfahren. Der Lkw ist intakt. Der Fahrer schimpft, steigt ein und setzt seine Fahrt fort, das tote Reh bereits vergessen. Aber das Tier rührt sich plötzlich wieder. Knochen knacken. Es blickt direkt in die Kamera: wutentbrannt.

Eine Zugfahrt, die ist lustig ...

"Train to Busan" ist bei Splendid erschienen.
"Train to Busan" ist bei Splendid erschienen.

Das sind die ersten Szenen von "Train to Busan", einem der erfolgreichsten südkoreanischen Kinofilme aller Zeiten, der nun in unsere Heimkinos kommt. Ein wütendes Reh, wie gefährlich kann das schon sein? Naja, der Reihe nach.

Seok-woo (Yoo Gong) ist das, was man einen skrupellosen, Ich-bezogenen Banker nennt. Er managt einen Fonds, dessen Kernstück ein Investment in eine südkoreanische Biotechfirma ist. Seine Ehe ist kaputt, seine Tochter Soo-an (Soo-an Kim) tief enttäuscht. Sie will weg von ihrem Vater und bei ihrer Mutter in Busan leben. Nur eine Zugfahrt trennt die beiden voneinander - und eben Seok-woo. Der will davon nichts wissen. Schon gar nicht darf seine kleine Tochter allein mit dem Zug fahren.

Als er eine Schulaufführung seiner Tochter verpasst und ihr als Wiedergutmachung ein Geschenk kauft, das sie von ihm schon einmal bekommen hat, muss er einwilligen, sie nach Busan im Zug zu begleiten. Gut, denkt er sich, ich kann die Fahrt doch gleich für etwas Arbeit nutzen.

... eine Zugfahrt, die ist schön!

Als die beiden am nächsten Morgen aufbrechen, sind die Straßen menschenleer. Als sie an einer Ampel stehen, rauscht ein Konvoi Rettungswagen vorbei - mit Blaulicht und Sirene. Seok-woo schaut der Schlange an wild rot und blau blinkenden Fahrzeugen verträumt nach, dann geht es weiter zum Bahnhof. Die beiden steigen ein, nehmen auf ihren Sitzen Platz und der Zug rollt an. Gerade rechtzeitig.

Im Bahnhof scheinen die Menschen anzufangen durchzudrehen. Voller Wut in den Augen rennen sie dem Zug hinterher. Im Zug selbst bekommt nur Soo-an davon etwas mit. Ein paar Minuten später ist es mit der Ruhe in den Abteilen aber vorbei. Eine Frau ist auf dem Gang zusammengebrochen. Sie stirbt kurz darauf, obwohl eine Zugbegleiterin alles tut, um ihr zu helfen. Eine Minute danach ist die Zugbegleiterin tot, gebissen von der "toten" Frau.

Erst gegen die Zombies, dann Jeder gegen Jeden: "Train to Busan".
Erst gegen die Zombies, dann Jeder gegen Jeden: "Train to Busan".

Nun bricht in den Abteilen Panik aus, denn immer mehr Menschen werden zu rasenden Bestien, beißen um sich, töten. Die Überlebenden fliehen in immer andere Abteile, die wilde Meute hinter ihnen her. Das einzig Gute daran, findet Sek-woo heraus, ist, dass die Horde die Türöffner nicht betätigen kann. Und so werden die Türen in den Abteilen verriegelt. Am Ende steht sich eine Gruppe Überlebender, zu denen auch Seok-woo und Soo-an gehören, einer Übermacht wild um sich beißender Toter gegenüber. Nur eine Scheibe Sicherheitsglas trennt sie voneinander.

Noch immer weiß keiner, was hier so richtig los ist. Im Zug-TV flimmern Nachrichten, die von Aufständen und Protesten sprechen, ja sogar von einer Revolution ist die Rede. Und davon, dass es in einigen Gebieten der Armee gelungen ist, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Man solle der Regierung vertrauen. Ein wütendes Schnauben, diesmal von den Überlebenden.

Unter ihnen sind neben Seok-woo und Soo-an auch noch ein Paar werdender Eltern, eine Schulgruppe Sportler samt Cheerleaderin, dazu ein Unternehmer und ein paar Namenlose. Schon hier sei erwähnt, dass es am Ende von "Train to Busan" nur drei Überlebende geben wird. Wer wird es wohl sein?

Knallharte Action, viel Gefühl - und Zombies

Ja, auch Südkorea kann Zombie ...
Ja, auch Südkorea kann Zombie ...

Doch bis es so weit ist, vergehen kurzweilige 120 Minuten mit allem, was einen Klassefilm auszeichnet: Liebe, Hass, Wut, Schlägereien, Beschimpfungen, Wortwitz und viel schwarzem Humor. Klar ist "Train to Busan" ein knallharter Zombie-Streifen: Die Untoten können sich sehen lassen. Wenn man sie aber sieht, ist es meistens um einen schon geschehen, denn sie bewegen sich nicht "Walking Dead"-langsam, sondern "28 Weeks later"-schnell.

Der Plot ist zudem nicht das klassische "Zombies tauchen auf und alle Menschen sterben". Es sind vielmehr die kleinen zwischenmenschlichen Erzählungen, die den Zuschauer bei Laune halten. Da wäre etwa Seok-woo, der vom Ich-Menschen zum hilfsbereiten Schutzengel nicht nur für seine Tochter wird und dabei lernt, dass Arbeit und Erfolg nicht das einzig Lebenswerte sind. Da wäre auch das "schwangere Pärchen", dessen männlicher Part das Zeug zum Helden der Geschichte hat, wohlwissend, dass genau solche Charaktere früher oder später doch über den Jordan gehen werden.

Da wäre der Unternehmer, der eine Fernbuslinie führt und sich mehr und mehr zum intriganten Arschloch vorm Herrn wandelt. Aber auch er hat seine Rolle in "Train to Busan", ob sie dem Zuschauer gefällt oder nicht. Selbst das Ende des Films kann sich sehen lassen und dürfte Tränen fließen lassen.

Das alles zusammen mit einem drückenden, drängenden Score macht aus "Train to Busan" des Regisseurs Yeon Sang-ho einen absolut fantastischen Zombie-Action-Kracher, der Gefühle zulässt und dessen dramatische Elemente nicht kitschig wirken. Großes Kino! Das man gesehen haben muss. Schließlich kann man nie wissen, wann auch hierzulande die "Quarantäne-Sperrgebiet"-Schilder an den Straßen prangen ...

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Quelle: n-tv.de