Unterhaltung
Beim Gartenfest macht das Bierzapfen so richtig Spaß.
Beim Gartenfest macht das Bierzapfen so richtig Spaß.(Foto: imago/Weiss)
Samstag, 17. Juni 2017

Heute back ich, morgen brau ich: Bier ist nicht allein zum Trinken da

Von Heidi Driesner

Bier kennen alle, auch die, die es nicht mögen. Die meisten trinken es, andere kippen sich den edlen Gerstensaft über den Kopf oder nehmen gleich ein Vollbad. Auch was auf den Grill kommt, sollte vorher in Bier gebadet haben.

Was früher den Göttern geopfert wurde, ist heute Volksgetränk: Bier. Aber wer hat’s erfunden? Nein, die Schweizer waren es diesmal nicht. Die wahren Erfinder der Braukunst bleiben wohl im Dunkeln der Geschichte verborgen. Warum eigentlich Bier "erfunden" wurde, dürfte ebenso rätselhaft sein und ist vermutlich dem Zufall zu verdanken. Vielleicht ließ irgendein vorsintflutlicher schlamperter Bäcker ein Stück Brot im Regen liegen, das anfing zu gären. Und wieder vielleicht war der Typ geizig oder hungrig und er lutschte an dem glitschigen Kanten herum, fand, dass der noch essbar sei und gar nicht so schlecht schmeckte. Jedenfalls nach damaligen Maßstäben. Und außerdem ward ihm leicht und lustig zumute, umso mehr er davon aß... Keiner wird das Geheimnis dieses ersten "Bierbrauers" je lüften können; Fakt ist aber: Das Ur-Bier entstand aus Brot. Das weiß sogar Rumpelstielzchen: "Heute back ich, morgen brau ich..." Doch ein bisschen mehr als nur ums Feuer zu hüpfen, braucht ein anständiger Brauer schon, um ein gut schmeckendes Bier herzustellen.

Zwischen Strausberger Platz und Frankfurter Tor präsentieren sich in diesem Jahr 344 Brauereien aus 87 Ländern mit 2400 einmalig vertretenen Bieren.
Zwischen Strausberger Platz und Frankfurter Tor präsentieren sich in diesem Jahr 344 Brauereien aus 87 Ländern mit 2400 einmalig vertretenen Bieren.(Foto: picture alliance / dpa)

Manche Historiker schreiben das erste Bier der Menschheit den Sumerern zu, die um 4000 v. Chr. in Mesopotamien zwischen Euphrat und Tigris lebten, andere den etwas "jüngeren" Ägyptern im Land der Pharaonen. Heutigen Bierfreunden dürfte es egal sein, wer's denn nun erfunden hat, es würde ihnen sowieso nicht schmecken, was damals aus vergorenem Brot hergestellt wurde. Auf einer der ersten Berliner Biermeilen, die in diesem Jahr bereits zum 21. Mal in der Karl-Marx-Allee stattfindet, ließ ich mich von einem "Pharaonen-Bier" ködern. Das war eine gelblich-trübe Brühe und einigermaßen stilecht aus Kalebassen zu schlürfen. Es schmeckte grässlich! Nicht nach Bier, wie wir es kennen, sondern stark nach vielerlei Gewürzen und ich hatte Mühe, nicht ständig an einbalsamierte Mumien zu denken. Meine Neugier auf unbekannte Biere hat aber nicht gelitten; Der "längste Biergarten der Welt" bietet Anfang August wieder jede Menge Möglichkeiten zum Probieren. Es muss ja nicht nochmal ein Mumien-Bier sein.

Das Bier der ersten Brauer war weniger ein Genussmittel, sondern es wurde vielmehr zur Ernährung und für Heilzwecke hergestellt. Historikern zufolge hatte das Ur-Bier weniger als drei Prozent Alkoholgehalt. Bei den Sumerern und Ägyptern war Bier Bestandteil einer Mahlzeit, also tatsächlich "flüssiges Brot". Die antiken Griechen, eher dem Wein aus südlich gereiften Trauben zugetan, nannten es "Gerstenwein und setzten es gegen Fieber ein. Die römischen Legionen tranken Bier ebenso wie Pharaonen oder Sklaven. Das Biergeschäft besaß hohes Ansehen, so waren Brauer ähnlich wie Köche vom Kriegsdienst befreit. Vermutlich wegen seines Rauschpotentials diente Bier auch als Opfergabe für diverse Götter; und auch im Totenreich sollte niemand Durst leiden.

Aus der Zeit um 2500/2000 v. Chr., als es in Mesopotamien (zum größten Teil der heutige Irak) bereits 20 verschiedene Biersorten gegeben haben soll, stammen die ersten Dokumente, die Bier erwähnen. So wird aus der Regierungszeit des Urukagina, eines sumerischen Herrschers um 2350 v. Chr., berichtet, dass bei der Beisetzung eines Priesters neben anderen Grabbeigaben auch drei Gefäße mit Bier festgelegt waren. Der älteste in Stein gehauene Nachweis der Braukunst, das "Monument bleu", ist etwa 7000 Jahre alt. Die Tontäfelchen zeigen, wie Emmer enthülst wird, aus den Körnern Fladen gebacken werden und daraus Bier hergestellt wird. Das Getränk wurde der Fruchtbarkeitsgöttin Nin-Harra geopfert. Und weil das Brauen immer wichtiger wurde, mussten Gesetze her. Der wohl bedeutendste König des babylonischen Reiches, Hammurapi (1728-1686 v. Chr./nach anderer Chronologie 1792-1750 v. Chr.), ließ 282 Paragraphen in Stein meißeln, unter anderem Verfügungen für das Bierbrauen und die Schankwirtschaft, wonach zum Beispiel Bierpanscher zur Strafe in ihren Fässern ertränkt werden sollten. Habgierige "Bierweiber" (Wirtinnen), die sich ihr Bier nicht mit Korn, sondern mit Silber bezahlen ließen, sollten ebenfalls ertränkt werden. Allerdings in Wasser. Die "Säule des Hammurapi" und das "Monument bleu" sind im Pariser Louvre zu bewundern.

Wenn Thor braut, gibt's weiße Wölkchen

Der Pro-Kopf-Konsum an Bier liegt in Deutschland bei 104 Litern (2016).
Der Pro-Kopf-Konsum an Bier liegt in Deutschland bei 104 Litern (2016).(Foto: picture alliance / dpa)

Auch in Deutschland wird seit Jahrhunderten Bier gebraut. Ob die Kenntnisse über das Bierbrauen den Weg aus dem Nahen Osten nach Germanien fanden, dürfte angezweifelt werden. Vermutlich kamen die trinkfreudigen Germanen selbst auf den richtigen Trichter. Die ältesten archäologischen Fundstücke über die deutsche Braukunst stammen aus der Zeit von 800 v. Chr., ausgegraben im oberfränkischen Kasendorf aus einem Grab eines vornehmen Germanen. Dem Manne war als Wegzehrung ins Totenreich unter anderem ein Krug mit Bier mitgegeben worden, in dem die Archäologen noch Spuren von eingetrocknetem Fladenbrot-Bier fanden. Der Met, der in den riesigen Trinkhörnern der Germanen schwappte, dürfte eher Honigbier als Honigwein gewesen sein. Das Vorrecht, Wein zu trinken, hatte nämlich nur Göttervater Odin (Wotan), übrigens auch Gott der Ekstase. Doch auch Bier wurde Odin und Konsorten geopfert, denn Donnergott Thor war dem Biere sehr zugetan. Wenn der Himmel voller Wolken hing, glaubten unsere Vorfahren, Thor braue wieder mal jede Menge Bier im Himmel. Und wann, bitteschön, haben wir mal einen wolkenlosen Himmel? Und wenn's dann donnert, putzt Thor seinen Sudkessel. Das kommt aber, Thor sei Dank, seltener vor als hübsche weiße "Bierdampfwolken" am Himmel.

Der römische Geschichtsschreiber Tacitus schrieb im 1. Jahrhundert in seiner "Germania", die Germanen könnten wohl Hunger und Kälte ertragen, "nicht aber den Durst". Deren Bier fand er allerdings scheußlich: "Ein Saft aus Gerste oder Weizen, ein Gebräu, das eine gewisse Ähnlichkeit mit schlechtem Wein hat." Kein Wunder, denn das Germanenbier wurde nicht nur mit Honig gewürzt, sondern auch mit Eschenlaub und Eichenrinde, Pilzen und Beeren. Die römischen Legionäre waren da nicht so zimperlich wie Tacitus, sie becherten das Gesöff ganz gerne. Geschäftstüchtige Römer, die sich im besetzten Land hinter dem Limes niederließen, sahen darin eine stets fließende Geldquelle. So berichtet ein bei Trier ausgegrabener Stein aus dem Jahr 260 von einem Römer namens Cervesarius (Brauer), der Bier von dort ansässigen Brauweibern bezog und es an seine römische Kundschaft verkaufte. So schlecht kann das Bier unserer Ahnen also nicht gewesen sein.

Richtig gut wurde es allerdings erst im Mittelalter, als Mönche die Braukunst verfeinerten. Deswegen wird manchmal angenommen, Mönche seien die Erfinder des Bieres. Das stimmt nicht, sie haben das Brauen nur zur Blüte gebracht. Noch heute wird in manchen Klöstern in Deutschland und Österreich Bier gebraut – und zwar vom Feinsten. Bis Mitte des 1. Jahrhunderts wurde Bier vermutlich nicht gehopft, die erste Urkunde über den Hopfenanbau stammt aus Bayern aus dem Jahre 736. In einer anderen Urkunde von 822 heißt es, der Abt Abelard befreite die Müller des Stifts Corvey (im Weserbergland) von der Hopfenarbeit. Zu dieser Zeit war also der Hopfen schon eine hochgeschätzte Bierwürze und setzte sich nach und nach in der Bierherstellung durch. Hopfen würzt nicht nur, er konserviert das Bier auch. Bis dahin wurde Bier mit Honig oder Moorpflanzen haltbarer gemacht.

Ältestes Lebensmittelgesetz der Welt

Auch Bundeskanzlerin Merkel hat nichts gegen ein "kühles Blondes", hier 2017 beim Besuch in Mexiko. Das "Duale"-Bier wurde von mexikanischen und deutschen Brauern gemeinsam zum Deutschlandjahr in Mexiko gebraut.
Auch Bundeskanzlerin Merkel hat nichts gegen ein "kühles Blondes", hier 2017 beim Besuch in Mexiko. Das "Duale"-Bier wurde von mexikanischen und deutschen Brauern gemeinsam zum Deutschlandjahr in Mexiko gebraut.(Foto: picture alliance / Eduardo Verdu)

Das nunmehr gehopfte Bier war aus der wirtschaftlichen Entwicklung  nicht mehr wegzudenken. In den aufblühenden Städten wurde die hochangesehene Zunft der Brauer zu einem Handwerkszweig, der zu einem schwunghaften Handel führte und zudem Steuern und Abgaben einbrachte. Und das ist ja auch heute noch so. Als die markanteste Zäsur in der Geschichte des deutschen Bieres dürfte der Erlass des Reinheitsgebotes durch Herzog Wilhelm IV. von Bayern im Jahre 1516 gelten: "Wir wollen auch sonderlichen, das füran allenthalben in unnsern Steten, Märckten und auf dem Lannde, zu kainem Pier merer Stückh, dann allain Gersten, Hopffen unnd Wasser, genommen und gepraucht sölle werden." Später kam noch Hefe dazu und so ist es geblieben, seit 1906 das bis dato nur für Bayern geltende Reinheitsgebot zum Reichsgesetz erhoben wurde und seither für ganz Deutschland gilt.

Es ist schon erstaunlich, wie aus diesen vier Zutaten - Malz (aus Gerste oder Weizen), Hopfen, Wasser und Hefe - allein in Deutschland 5000 bis 6000 Biermarken entstanden sind. Und die sind nicht allein zum Trinken da: Die preußische Königin Luise pflegte ihr Dekolleté mit regelmäßigen Bierwaschungen, und noch viel früher sollen die ägyptischen Damen nicht nur in Eselsmilch gebadet, sondern auch Bierschaum auf ihre Haut aufgetragen haben. Noch heute sind Bierspülungen als Haarfestiger bekannt. Wenn's schön machen soll, ist es also empfehlenswert, Bier lieber äußerlich als innerlich anzuwenden: Der Hopfen im Bier wirkt auf der Haut desinfizierend und beruhigend. Bier enthält hochwertige Mineralstoffe, Antioxidantien und Vitamine, besonders die der B-Gruppe. Dafür sorgt vor allem das Malz. Reichlich kommen Vitamin B2 (Riboflavin), B6 (Pyridoxin), Panthenolsäure sowie Niacin vor. Biotin (B7), das vielen Frauen fehlt, aber gut für Haare, Haut und Nägel ist, steckt nur im Weißbier, weil es hauptsächlich in der Hefe enthalten ist. Und die bleibt nicht in jedem Bier bis zum Schluss drin. Wer nun glaubt, ein Bierbad noch mit ein paar Gläsern Bier zusätzlich innerlich zu toppen, der irrt: Wegen der rund fünf Prozent Alkohol entzieht Bier ab dem dritten Glas der Haut so viel Feuchtigkeit, dass der positive Effekt wieder hinüber ist.

Und ob der Bierbauch unbedingt vom Bier kommt, ist wohl nicht endgültig geklärt. Zwar hat auch Bier Kalorien, aber weniger als Rotwein, Apfelsaft oder Milch. Nur wird in der Kneipe oder auf Festen mehr Bier als Apfelsaft oder Milch getrunken. Blöd auch, dass die Bier-Kalorien nicht satt machen. Im Gegenteil: Der Alkohol wirkt appetitanregend, so dass zu den getrunkenen noch die gegessenen Kalorien kommen. Wegen der enthemmenden Wirkung des Alkohols wird zumeist auch noch mehr gefuttert als ansonsten üblich. Der sich mit den Jahren entwickelnde Leibesumfang ist daher vermutlich mehr ein Nasch- als ein Bierbauch. Weil Bier jedoch jahrhundertelang als Nahrungsmittel galt, wurde damit natürlich auch gekocht, sogar nährende Süppchen für Gebrechliche. Während Hausfrauen unverdrossen weiter mit Bier kochten, verschwand es zeitweilig aus der gehobenen Küche und musste dem feineren Wein weichen. Zum Glück gibt es aber die menschliche Rückbesinnung. Es ist der feinherbe Geschmack des Bieres, der eine besondere Note in die Speisen bringt. Und weil ja Grillzeit ist, verrate ich Ihnen meinen derzeitigen Favoriten für leckere Steaks:

Heidis Biermarinade 

Zubereitung:

Zutaten (4 Pers):

1 EL Olivenöl
1 EL Chilisauce
1 EL Sojasauce
1 EL Honig oder Ahornsirup
1 EL Dijon-Senf
1 EL Paprika, edelsüß
1 EL gehackter Salbei
1 EL gehackter Rosmarin
1 EL gehackter Thymian
1-2 Knoblauchzehen
1 Lorbeerblatt
1 Fl Bock- oder Schwarzbier

Die gepellten Knoblauchzehen mit dem zerkrümelten Lorbeerblatt im Mörser zerdrücken.

Außer Bier alle Zutaten verrühren. 4 Schweinenackensteaks damit rundum bestreichen, in eine Schüssel oder einen Topf legen und über Nacht im Kühlschrank marinieren lassen.

Am nächsten Tag etwa 5 Stunden vor dem Grillen die Schüssel langsam (schäumt!) mit Bier auffüllen und nochmals im Kühlschrank ruhen lassen. Vor dem Grillen die Fleischscheiben aus der Flüssigkeit nehmen und etwas abtropfen lassen.

Ein sonniges Grill- und Biervergnügen wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Hier gelangen Sie zum n-tv extra "Das Geschäft mit Bier".

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen