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Das muss noch geübt werden: Motivwagen gibt es nicht beim Berliner Karnevalszug.
Das muss noch geübt werden: Motivwagen gibt es nicht beim Berliner Karnevalszug.(Foto: picture alliance / dpa)

Gleiche Brüder, gleiche Kappen: Der Berliner kann auch

Von Heidi Driesner

Die Rheinländer und die Preußen - eine innige Liebe bestand zwischen ihnen wohl nie. Und doch haben beide mehr miteinander zu tun, als sie glauben (wollen). Selbst die Narrenkappe entspringt der Phantasie eines stocksteifen Preußengenerals.

Der Berliner Humor hat mit der rheinischen Frohnatur so wenig zu tun wie Darth Vader mit Casanova. Das könnte zumindest so mancher lustige Rheinländer denken, wenn er von der "Berliner Schnauze" mal so richtig abgefertigt wurde. Dabei offenbart sich bei genauerer Prüfung, dass eventuelle Verwandtschaftsverhältnisse nicht völlig ausgeschlossen werden können. Das Rheinland war schließlich mal preußisch! Nach dem Zusammenbruch der napoleonischen Herrschaft wurden beim Wiener Kongress 1814/15 die Grenzen der europäischen Länder neu sortiert; Preußen bekam das Rheinland und Westfalen zugesprochen und versuchte, fröhliche Rheinländer und behäbige Westfalen zu Preußen umzufunktionieren. Da kam Anfang des 19. Jahrhunderts zusammen, was nicht zusammengehörte, da prallten zwei Mentalitäten aufeinander – katholische Lebemänner und disziplinierte Protestanten, Eigensinn und Gottesgnadentum. Den lebenslustigen Rheinländern kamen die Preußen stocksteif gedrillt und mit Marschmusik daher; die Preußen wiederum verdächtigten die Rheinländer des politischen Franzosentums, sie galten als aufmüpfig und autoritätsresistent, als liederlich und stur.

"Hei-Jo" - oder so ähnlich!
"Hei-Jo" - oder so ähnlich!(Foto: picture alliance / dpa)

Eine innige Liebe war es wohl nie, zumal die Preußen eine neue Gesetzgebung mitbrachten: von der Schulpflicht bis zu Zöllen. Dennoch war die preußisch-rheinische Vernunftehe eigentlich ganz passabel, so viel ist 200 Jahre nach der Gründung der preußischen Rheinprovinz 1815 klar. Es gibt viele Beispiele für die Verdienste der Preußen am Rhein und im vergangenen Jahr sagte das Rheinland sogar mit einer Fülle von Jubiläumsveranstaltungen "Danke, Berlin!". So hat das Rheinland städtebaulich den Eindringlingen aus dem Osten etliches zu verdanken, nicht nur das Deutsche Eck in Koblenz. Mit preußischer Genauigkeit und Effektivität wurde zum Beispiel Köln in wenigen Jahren zu einer Festung gegen die Franzosen ausgebaut. Wenn auch die Alteingesessenen in der Befestigung ihrer Stadt vor allem eine Einschränkung ihrer Freiheit sahen, so war es doch auch eine preußische Wertschätzung Kölns, denn die Arbeiten haben Preußen damals beinahe in den Ruin getrieben. Im Siebengebirge bewahrte Preußen den "Drachenfels" samt malerischer Burgruine vor einem Schicksal als Steinbruch für den Weiterbau des Kölner Doms, indem die königliche Regierung den Steinbruch kaufte, ihn sofort stilllegte und den Berg als Naturschönheit rettete. Preußen war also nicht nur Pickelhaube, sondern hinterließ im Rheinland zahlreiche kulturelle Spuren – und so darf man sich getrost fragen, wie viel Preußentum im Rheinländer überdauert hat.

Und umgekehrt? Auch in Preußen blieb Rheinisches hängen, was spätestens jeweils in der "fünften Jahreszeit" zu merken ist. Seit 1815 gab es einen Zustrom von Rheinländern nach Berlin und Brandenburg; "Rheinländer-Vereine" wurden gegründet. Zwar gab es in Preußen auch schon in den Jahrhunderten zuvor allerhand Gaukeleien zur Fastnachtzeit, aber der bürgerliche Karneval mit seinen Satiren und der unverhohlenen Kritik an der Obrigkeit fasste erst mit den Rheinländern Fuß. Scherz, Satire, Ironie waren Friedrich Wilhelm III. nicht geheuer, folgerichtig verbot er 1830 die Kölner Karnevalszeitung. Auf den preußischen Stadtkommandanten von Köln aber hatte die rheinische Aufmüpfigkeit offenbar schon abgefärbt, denn Kavalleriegeneral Baron von Czettritz und Neuhaus setzte sich für den Erhalt der Karnevalsgesellschaften ein. Er stellte für den Kölner Rosenmontagszug 1827 sechs Schimmel zur Verfügung und als Dank dafür ernannte ihn die "Große Carnevalsgesellschaft" zum "Kölner Bürger" ehrenhalber. Der närrische Baron ging noch einen Schritt weiter und erfand die Narrenkappe: Als äußeres Zeichen gleicher Gesinnung sollten bunte Käppchen getragen werden. Wie es hieß, soll der General dafür die Parole ausgegeben haben: "Gleiche Brüder, gleiche Kappen". Die 1829 neu entstandene Kappenform bei den "Kappenbrüdern" ist bis heute gültig.

Narretei als Volkskunst

Im preußischen "Stammland" Brandenburg und in der Residenz Berlin haderten König und Militär ebenfalls mit dem Spott aus der Bütt. Hinzu kam 1817 die Kirchenreform, fortan wurde das gesellschaftliche Leben von einer Vorschriftenflut überrollt, um "Gottesdienste vor Geräuschen zu schützen und die Feiertagsruhe zu wahren": Volksfeste, "auch Carneval", mussten von Kirchen ferngehalten werden; Bälle, Märkte und  Theatervorführungen durften nicht an Feiertagen stattfinden. 1825 wurden Umzüge und der "blaue Montag" der Handwerksgesellen verboten.

Karneval ist anstrengend: Kanzlerin Merkel empfängt "Prinzenpaare" aus allen Bundesländern.
Karneval ist anstrengend: Kanzlerin Merkel empfängt "Prinzenpaare" aus allen Bundesländern.(Foto: picture alliance / dpa)

1841 forderten 50 Pfarrer in einem Aufruf die strikte Einhaltung der Sonntagsruhe, wozu auch alle Feiern am Samstag zu unterlassen seien, weil die Kirchgänger ansonsten am Sonntag "einen Kater" hätten. 1845 wurde eine Königliche Kabinetts-Order erlassen, wonach die Landräte den Karneval in katholischen Gegenden, wo er Tradition hat (also in der Rheinprovinz), gewähren lassen sollen. Doch in protestantischen und solchen Provinzen, wo er bislang nie "in Gebrauch" war, sollte der Karneval keinesfalls heimisch werden! 1868 fand endlich in Berlin-Mitte ein erster Karnevalszug statt – mit mäßigem Erfolg, was ja nun wahrlich kein Wunder war. Es dauerte etliche Jahre bis zur Akzeptanz des Karnevals; in den "Goldenen Zwanzigern" bescherte die Berliner Boulevardkultur auch dem närrischen Treiben einen Aufschwung.

Faschismus und Krieg ließen dem Karneval keinen Platz. Der erste Karnevalsclub in Brandenburg wurde 1946 in Herzberg/Elster gegründet. In Berlin gestatteten die Sowjets, die Briten und Amerikaner in ihren Sektoren keine Neubildung von Vereinen; lediglich die Franzosen förderten das. 1949/50 fand die erste Karnevalssession in Westberlin statt; bis 1970 entstanden im Westteil der Stadt acht Karnevalsgesellschaften. 1952 zog der erste Rosenmontagszug durch Westberlin, der letzte 1959: Den Narren ging das Geld aus. Nach dem Bau der Mauer gab es in Westberlin keine größeren Sitzungen mehr und während der tollen Tage fuhren fast alle Vereine zu Partnervereinen ins Bundesgebiet, um dort auf die Pauke zu hauen.

In Ostberlin wurde 1953 der erste närrische Verein gegründet, und zwar beim VEB Berliner Glühlampenwerk. Zur Wende 1989 hatte Ostberlin insgesamt acht Karnevalsclubs, in den damaligen brandenburgischen Bezirken Potsdam, Cottbus und Frankfurt (Oder) gab es 183 davon. Die meisten närrischen Vereinigungen in Ostdeutschland tummelten sich in Thüringen, schließlich blicken die Thüringen auf eine sehr lange eigenständige Karnevalstradition zurück. Am berühmtesten ist der Karneval in Wasungen, der erstmals 1524 urkundlich erwähnt wurde: Laut Rechnung im Stadtarchiv spendierte der Bürgermeister einen Eimer Bier. Auch das närrische Treiben in der DDR war dem wechselvollen kulturpolitischen Kurs der SED-Führung unterworfen, der von totaler Ignoranz und Verbot bis hin zur Förderung reichte. In den 70er Jahren zählte der Karneval zum "künstlerischen Volksschaffen" und in den 80ern konnte man mit der Narrenkappe sogar eine Auszeichnung als "Hervorragendes Volkskunstkollektiv" ergattern.

"Deutschland einig Narrenland"

Seit der Wiedervereinigung wird gemeinsam gespottet. Berliner und Brandenburger Narren taten sich zusammen. Es gibt inzwischen sechs Regionalverbände mit ziemlich vielen Ortsvereinen, in denen entweder der brandenburgische Adler oder der Berliner Bär steppt. Der erste Karnevalsumzug in der "neuen" Bundeshauptstadt fand 2000 statt – nach mehreren gescheiterten Versuchen in den Vorjahren. Die Berliner Narren haben es immer noch nicht leicht, mal fehlen die Sponsoren, mal erschweren Senatsauflagen zur Straßenreinigung und Schallobergrenze das Treiben. So gibt es immer wieder Ausfälle, was in den rheinischen Karnevalshochburgen schlichtweg undenkbar wäre. In diesem Jahr nun tänzelten nach dreijähriger Abstinenz Ende Januar wieder mehr oder minder maskierte Narren über den Ku’damm, "Hei-Jo"-Rufe ausstoßend, die im Gegensatz zum Kölner "Alaaf" und Düsseldorfer "Helau" außerhalb der Narrengilden kaum bekannt sein dürften. Zur Erklärung: "Hei" kommt von Heiterkeit und "Jo" von Jokus und dürfte eine neuzeitliche Erfindung sein. Nicht sehr sinnig, aber darum geht es beim Karneval ohnehin nicht. Was "Helau", das schon ein paar Jahrhunderte auf dem Buckel hat, eigentlich bedeutet, kümmert schließlich auch keinen. Nette Menschen behaupten, „"Helau" komme von "hell auflachen", weniger nette von "Hölle auf". Es soll um 1600 herum aus Tirol herübergeschwappt sein und könnte auch hellblau heißen – im Gegensatz zum dunkelblauen Zustand vieler Karnevalisten gegen Ende der tollen Tage. Im Düsseldorfer Karneval war "Helau" ab Mitte des 19. Jahrhunderts zu hören.

Und was ist mit dem jeckischen "Alaaf"? Es soll nicht mal ein echter Karnevalsruf sein! Doch immerhin handelt es sich um einen Trinkspruch aus dem 15. Jahrhundert, gefunden auf einem ausgegrabenen Kölner Tonkrug. Die Aufschrift "Allaf fur einen goden druinck" bedeutet wohl "Für einen guten Trunk lasse ich alles andere stehen". In geselliger Runde oder öffentlichen Reden kam "Alaaf" einem feierlichen "Amen" gleich. Bei seinem Besuch 1817 in Köln ließ der damalige preußische Kronprinz und spätere König Friedrich Wilhelm IV. die Gastgeber mit dem Toast "Alaaf Cöln!" hochleben. Als Schlachtruf des institutionalisierten Straßenkarnevals in der Bedeutung "Nichts geht über Kölle!" ist "Alaaf" etwa seit 1820 zu hören: Erst kommt Köln und dann lange nichts!

In anderen Teilen Deutschlands heißt es zur Karnevalszeit "Ahoi", "Radi-Radi", "Wau-Wau", "Hio", "Oh Äh" oder "O hü"... Die unzähligen kreativen Rufe sind einerseits Ausdruck tiefster und unerschütterlicher Heimatverbundenheit und dienen andererseits der Assimilierung von Touristen. Was den Erfindern einiges abverlangt, denn Narren-Rufe müssen sich in den unterschiedlichsten Trägheitsstadien von Gehirn und Zunge verständlich artikulieren lassen. "Schnarragagges Heidenei" zum Beispiel bringt Ungeübte auch stocknüchtern in Schieflage. Der Ruf wird in Kißlegg im Allgäu ausgestoßen, wo Karneval Fasching heißt und Fasnet (Fastnacht) gefeiert wird. Eher für logopädische Übungen ist auch "Edscha Awoa un Ella Uhu" aus der Mosel-Gemeinde Ediger-Eller geeignet.

Närrisches Treiben in der Regierung ist eine ernste Angelegenheit.
Närrisches Treiben in der Regierung ist eine ernste Angelegenheit.(Foto: imago/Jens Jeske)

Was gar nicht geht und sich Karnevalisten jeglicher Couleur tunlichst verkneifen sollten, ist der Einsatz eines richtigen Narrenrufs am falschen Ort. "Helau" in Köln dürfte selbst den Dom ins Wanken bringen, und von wagemutigen Selbstversuchen muss dringend abgeraten werden. Fehlgriffe dieser Art fallen in Berlin zwar nicht ganz so ins Gewicht, doch auch der Berliner Narr hat Ehre im Leib, zumal er ja immer noch ums Überleben kämpft, denn Karneval in Berlin bleibt wohl gewöhnungsbedürftig. Dabei hat schon so mancher Besucher mit Blick aufs Regierungsviertel festgestellt, dass es hier mehr Narren geben dürfte als im Rheinland. Was aber einem "Helau" in Kölle gleichkäme wäre, in einem bundeshauptstädtischen Bäckerladen einen "Berliner" zu verlangen. Der Berliner sagt nämlich: "Jib mich ma een Fannkuchen." Humor ist, wenn man trotzdem lacht!

Wer noch ein anderes Rezept sucht für die Narrenbeköstigung - hier kommt eins, gleichermaßen für Kita wie Büro geeignet. Die Kugeln passen größenmäßig selbst in die Münder kleiner Narren und krümeln nicht in die PC-Tastatur der großen:

Quarkkugeln

Zutaten:

125 g Quark
50 g Mehl
25 g Butter
5 EL Semmelmehl
1 EL Zucker
½ TL Backpulver
1 Ei
abgeriebene Zitronenschale, Salz, Ausbackfett

Zubereitung:

Das Mehl mit dem Backpulver sieben; den Quark durch ein Sieb streichen. Die zimmerwarme Butter mit dem Ei, dem Abrieb einer halben Zitrone und 1 Prise Salz recht schaumig schlagen. Das Ausbackfett in einem großen Topf oder einer Friteuse erhitzen.

Den Quark, Zucker, Mehl mit Backpulver sowie die geriebene Semmel in die Butter-Ei-Mischung einarbeiten. Aus diesem Teig kleine Kugeln formen und in dem heißen Fett goldgelb ausbacken. Aufpassen, dass die Kugeln nicht zu dunkel werden. Die fertigen Kugeln mit einem Schaumlöffel herausnehmen und auf einem Rost abtropfen lassen.

Tipps:

Das Fett sollte heiß sein, aber nicht qualmen. Ist es nicht heiß genug, saugen sich die Teigstücke voll Fett und werden schwer verdaulich. Ist es zu heiß, bräunen die Kugeln außen zu schnell, ohne dass sie im Innern gar sind. Ein Probestückchen Weißbrot zeigt die richtige Temperatur an: Ein etwa pflaumengroßes Stück sollte in 1,5 Minuten goldbraun sein.

Die Teigstücke sollen in dem Fett schwimmen können. Werden zu viel auf einmal eingelegt, verliert das Ausbackfett seine richtige Temperatur.

Nach dem Abtropfen können natürlich auch die Quarkkugeln so wie Pfannkuchen (Berliner) in Puderzucker oder Kristallzucker gewälzt werden, dann allerdings krümeln sie auch genauso.

Viel Spaß und kommen Sie gut durch die närrischen Tage, das wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: n-tv.de

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